Fachbeiträge

Fragen – Antworten – Weiterfragen … ein Spiel ohne Ende!

© Angela Parszyk / pixelio.de

Haben wir in Menschheits- und Glaubensfragen vielleicht früher zu wenig gefragt und heute zu wenig Mut zum Antworten? Wie ist das Verhältnis von Fragen und Antworten? Was kommt nach dem Fragen – was passiert nach dem Antworten? Rainer Oberthür plädiert an konkreten Beispielen für den Eigenwert der Fragen und Antworten und vor allem fürs das Weiterfragen!

FRAGEN – unverzichtbar

Der Mensch ist das Lebewesen, das fragt und weiß, dass es fragt. Mit dem Fragen beginnt alles und zugleich ist es mehr als nur der Anfang. Es ist in sich wertvoll und wird es nicht erst durch die Antwort. Das geht gegen pädagogische wie kirchliche Traditionen, die uns über Jahrhunderte geprägt haben und deshalb so hartnäckig sind. Die Erfahrung des Fragens ist unersetzbar. Im Kindesalter ist sie besonders intensiv. Jede noch so richtige Antwort wird wertlos und verpuffen, wenn nicht vorher die Frage gestellt war. Sie entwertet die dahinterstehende Frage und damit sich selbst.

Ein fiktiver Beispiel-Brief von mir zu einer authentischen Kinderfrage aus unserem „Was glaubst du?“-Projekt und unser Umgang damit kann den Eigenwert des Fragens veranschaulichen:

Lieber Rainer Oberthür,
wenn ich die Welt und das Leben, mich selbst und die anderen sehe und darüber nachdenke, dann fallen mir jeden Tag so viele große Fragen ein. Die meisten beginnen mit Warum und Wie und Wozu und Wer und Was und Wieso. Heute fiel mir eine Frage ein, die ich mir noch nie gestellt habe. Sie ist anders, denn es ist eine Frage zu all meinen Fragen. Ich frage mich: Warum stelle ich eigentlich Fragen?

Sophia, 10 Jahre

Diesen Brief schickte ich (ohne mich als Absender zu outen) mit der Post an unsere 4. Klasse. Auf der Rückseite des Umschlags stand der Hinweis „nur im Religionsunterricht öffnen“. Lange grübelten die Kinder, wer den Brief geschrieben hat und warum uns jemand sowas schreibt. Ihre Antwort war, damit auch wir Fragen stellen! Nachdem ich als der wahre Briefschreiber identifiziert war, schrieben sie Sophia einen eigenen Antwortbrief, den ich teilweise schon vorformuliert hatte (den Antwortbrief können Sie hier downloaden):

„Liebe Sophia,

oh ja, das kenne ich: Auch ich stelle ständig große Fragen. Hier sind einige meiner Warum- und Wie- und Wozu- und Wer- und Was- und Wieso-FRAGEN:

WARUM …     WIE …     WOZU …     WER …     WAS …     WIESO …

Und dies ist meine Antwort auf deine Frage am Ende des Briefes: Warum stelle ich eigentlich Fragen?

………………………………………..

Dein …

Mich begeistert die Vielfalt der jeweils sechs W-Fragen der Kinder, die die Vielfalt menschlichen Fragens widerspiegeln. Die Fragen von drei Kindern zeigen das:

Franzi fragt: „WARUM müssen wir sterben? WIE groß ist das Universum? WOZU brauchen manche übertrieben viel Geld? WER ist Gott? WAS passiert, wenn ich tot bin? WIESO müssen manche flüchten?

Jean stellt die Fragen: „WARUM gibt es Krieg? WIE ist das Leben? WOZU gibt es Geld? WER ist mein Ich? WAS ist das Vertrauen? WIESO gibt es ein Schicksal?“

Emma fragt: „ WARUM leben wir? WIE ist die Welt entstanden? WOZU gibt es das Universum? WER ist Gott? WAS sagt einem Antworten? WIESO können nur Vögel fliegen?

So individuell die Fragestellungen auch sind, sie zeigen doch das Spektrum klassischer Menschheitsfragen. Meine Analyse aller 160 Fragen der Kinder dieser Klasse, die ja ohne inhaltliche Vorgabe entstanden waren, ergab eine Übereinstimmung von über 96 % mit meinen Kinderfragen, die ich für meine fiktiven Briefe des Was-glaubst-du-Projekts ausgewählt hatte:

  1. Warum stelle ich eigentlich Fragen?
  2. Woher kommen die Gefühle in mir?
  3. Warum gibt es etwas und nicht nichts?
  4. Gab es mich schon, bevor ich auf die Welt kam?
  5. Wo bleibt die Zeit, wenn Sie vergangen ist?
  6. Woher kommt das Gute und warum gibt es das Böse?
  7. Warum gibt es die Angst, und wie gehe ich damit um?
  8. Was macht den Menschen so besonders?
  9. Wie kam der Mensch zum Sprechen?
  10. Wo bleibt das Kind, wenn ich erwachsen werde?
  11. Warum müssen wir alle sterben?
  12. Wie ist das mit dem Himmel und mit Gott?
  13. Warum kann mich Musik so froh machen?
  14. Werde ich glücklich sein?
  15. Ist Glauben weniger oder mehr als Wissen?
  16. Woher kann ich wissen, dass es Gott gibt?
  17. Bringt die Religion wirklich das Gute in die Welt?
  18. Was ist das Wichtigste im Leben?
  19. Wie können wir Gott erfahren?
  20. Was bleibt, wenn wir uns und Gott und die Welt nicht verstehen?

ANTWORTEN – absolut notwendig

Ohne Antworten versickern die Fragen im Boden der Gleichgültigkeit. Die Fragen und die Fragenden verlangen nach Antworten, die junge Menschen selber finden, die wir mit ihnen gemeinsam suchen und die wir Erwachsenen ihnen aus unserer Perspektive und Überzeugung anbieten sollten. Wir sind mehr als Fragenwecker und Lernbegleiter. Die eigene Stimme finden Kinder und Jugendliche in der Auseinandersetzung mit unseren Positionen. Nur müssen unsere Antworten so sein, dass sie die Frage nicht stillstellen, sondern im Antworten die Frage zurückgeben: Was glaubst du?

Kommen wir zurück zu den Antwortbriefen an Sophia. Dort haben die Kinder am Ende auch Antworten angeboten auf die Frage, warum sie eigentlich Fragen stellt:

Ohne Fragen würden wir dumm bleiben, denn das Leben besteht nur aus Fragen, Antworten und Erlebnissen. – Man stellt Fragen, weil man Antworten braucht. Weil Gott will, dass wir von anderen lernen, weil man von anderen Antworten braucht. – Weil man sonst nichts erfährt und immer so bleibt, wie man war. – Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil es eine große Frage ist.

Auch in meinem Brief  habe ich Antworten formuliert, hier nur Auszüge vom Anfang und Ende:

Liebe Sophia!
Mensch, großartig! Du stellst nicht nur viele Fragen, du hinterfragst sogar dein Fragen. Du hast sozusagen Fragen über Fragen über Fragen. So grandios ist nur der Mensch! Das unterscheidet ihn von jedem anderen Lebewesen auf der Welt. Eine Eintagsfliege hat sicher keine Fragen, dabei hätte sie durchaus Grund dazu. Sie könnte sich fragen: Warum lebe ich nur so kurz? Auch eine Ameise wird sich kaum bei der Arbeit mit den anderen Ameisen fragen: Warum kann ich nicht mal etwas ganz allein machen? Vielleicht fragt sich ein Hund tief im Inneren: Wann kommt mein Herrchen endlich zurück? Aber der Hund kann es nicht in Worten aussprechen und mit Sicherheit hinterfragt er nicht, dass er fragt. Wer Fragen stellt und weiß, dass er fragt, der ist ein Mensch. Herzlichen Glückwunsch – du gehörst dazu!
Das Fragen macht dein Leben spannend ohne Ende. Manchmal kann es auch anstrengend sein. Meistens aber ist es wunderbar! Dem Menschen sind das Denken und die Vernunft geschenkt. Sie ermöglichen ihm ständig Fragen, die so groß sind, dass seine Vernunft sie nicht lösen kann. Dem Menschen sind die Sinne und ein großes Herz geschenkt. Sie eröffnen ihm immer wieder Fragen, deren Tiefe er nur erahnen kann. Kein Mensch kommt ohne Fragen durchs Leben. Die Fragen öffnen uns Fenster zur Welt und zu uns selbst und lassen uns nach Antworten suchen, die uns klüger machen und die Welt und uns verstehen helfen. Vieles können wir wissen, doch jede Antwort öffnet uns den Blick auf neue Fragen-Fenster. So begreifen wir im Fragen und Antworten: Der »Größte« unter uns ist nicht der, der auf jede Frage eine kluge Antwort kennt, sondern der, der auf jede Antwort eine kluge Frage weiß. …
Gegen Ende heißt es: „Wir sind Lebewesen, die das Woher, Wozu und Wohin entdecken und das Große, Ganze und Gute in den Blick nehmen können und dafür die Sprache in Worten, Bildern und Tönen haben. Wir sind Lebewesen, die sich an einen Größeren, alles Umfassenden und unendlich Guten wenden können. Wir haben mit der Welt auch Religion und Glaube entdeckt, die uns helfen können, wirklich menschlich zu werden. Wir können erfahren und erkennen: Das Teuerste, Beste und Tiefste in unserem Leben haben wir nicht aus uns selbst.“

WEITERFRAGEN – eine Folge glaubwürdigen Fragens und Antwortens

Antworten, die die Frage ruhig stellen, haben entweder eine kleine Frage beantwortet oder große Fragen nicht ausreichend gewürdigt. Jede Antwort auf eine wirklich bedeutsame Frage wirft neue Fragen auf. Wer viel weiß, hat nicht weniger, sondern mehr Fragen. Wahres Wissen macht nicht gleichgültig, sondern verstärkt das Staunen und das Wissen um das Nichtwissen. Das Verhältnis von Fragen und Antworten gilt es immer neu auszubalancieren. Das Fragen darf am Mangel an Antworten nicht verkümmern. Das Nichtwissen darf am Wissen nicht verarmen. Wer glaubt, hat nicht mehr Antworten, sondern mehr Fragen.

Junge Menschen, deren Fragen wir wecken bzw. wachhalten wollen, haben ein Recht auf unsere authentischen, fachlich kundigen und persönlich verwurzelten Glaubensantworten: als Anregung zum anspruchsvollen Selberdenken, als Anstoß für eine innere Resonanz, als Angebot zum offenen Dialog für eine Aufklärung mit Herz und eine Spiritualität mit Verstand. Es geht darum, glaubwürdig zu fragen und fragwürdig zu glauben. Das Frage-Antwort-Spiel geht nach einer guten Antwort weiter – ohne Ende!

 

Zugabe für die Praxis: Ein weiteres „Frage-Antwort-Spiel“ findet sich zur Frage „Wie ist das mit dem Himmel und mit Gott?“ als Download-Angebot. Die Briefe sind mit freundlicher Genehmigung des Kösel-Verlags dem Buch „Was glaubst du?“ entnommen (S. 76-78) und mit eigenen Fotos von Rainer Oberthür gestaltet.

Literatur: Rainer Oberthür, Carolin und Andreas Obieglo, Was glaubst du? Briefe und Lieder zwischen Himmel und Erde, Kösel, München 2017 (Buch mit CD)

Rainer Oberthür, geboren 1961, lebt mit seiner Frau in Aachen und hat zwei erwachsene Kinder. Seit 1989 ist er Dozent für Religionspädagogik und seit 2002 auch stellvertr. Leiter des Katechetischen Instituts des Bistums Aachen. CC BY-NC-SA 3.0 Rainer Oberthür | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 12