Religionen halten viel bereit

Nach de Botton reguliert Religion elementarste Bedürfnisse der Menschen, den Umgang mit Leid und das Zusammenleben in Gemeinschaft (S. 12), mit letzterem fängt seine Spurensuche an. Eine solidarische Gemeinschaft könne nur da entstehen, wo wir bereit sind, Fremden zu begegnen und uns sowohl im übertragenen, wie auch im wörtlichen Sinn mit ihnen an einen Tisch zu setzen. De Botton betont an dieser Stelle die gemeinschaftsbildende Funktion von Gottesdienst und Abendmahl (S. 24–51). Religionen haben es nach ihm aber nicht nur verstanden, Gemeinschaft zu bilden, sondern auch Formen gefunden, um mit menschlichen Problemen des gemeinschaftlichen Lebens gut umzugehen. Am Beispiel des jüdischen Versöhnungstags stellt de Botton dar, wie mit einem Ritual eine psychologisch geschickte und effektive Einrichtung geschaffen wurde, um sich zu entschuldigen und sich miteinander zu versöhnen (S. 53–57). Gute Wirksamkeit gesteht er auch den vielen Vorbildern in den Religionen zu, die Tugenden leben, nach denen sich Menschen richten können (S. 92–97).

Was säkulare Bildung nicht kann

Von der Ermahnung zur Tugend ist es nur ein logischer Schritt, das Thema Bildung in den Religionen anzuschauen. De Botton setzt sich ausführlich mit «Defiziten» der akademischen Bildung auseinander, in der zwar Wissen angehäuft wird, die aber darin versagt, uns zu besseren und glücklicheren Menschen zu machen: Zu selten erlaube sie uns, «Fragen zu den dringlichsten Anliegen der Seele zu stellen» (S. 120). In den Religionen dagegen werde Wissen mit Weisheit verbunden, ein lebenspraktisches Wissen, das uns hilft, mit den Launen des Schicksals besser umzugehen. Hierzu dienen in den Religionen nicht nur Unterricht, sondern auch spirituelle Übungen, die «den Geist mit derselben Disziplin und Ausdauer trainieren, wie wir sie normalerweise nur beim Trainieren unseres Körpers an den Tag legen». Meditation lässt uns beispielsweise achtsam werden für die Schönheiten des Lebens, die sich uns erst dann eröffnen, «wenn unser Ego vorübergehend die Herrschaft über uns aufgibt» (S. 155). Dem Loslassen vom Selbst kommt auch bei der Frage nach dem Umgang mit Leiden wichtige Bedeutung zu. Mit Blick auf Hiob, aber auch Baruch de Spinoza sieht de Botton den Vorteil der Religion darin, dass sie einem in Leiderfahrungen hilft «seine Situation in einem grösseren Rahmen» zu sehen (S. 193–200), «unter dem Aspekt der Ewigkeit», wie es Spinoza formulierte.

Unersetzliche Inhalte von Religion

Wenn wir mit de Botton danach fragen, wo wir von Religion lernen können, erscheint somit die nachfolgende Fülle von Themen: Gemeinschaft und Solidarität, Aufnahme von Fremden in die Gemeinschaft, Umgang mit Konflikten in der Gemeinschaft (Entschuldigung und Versöhnung), der Wert von Tugenden, wie auch ihre glaubwürdige Verkörperung durch Vorbilder. Neben diesen sozialen Aspekten sind existenzielle Aspekte von Bedeutung: Wissen und Weisheit, Spirituelle Übungen sowie der Umgang mit Leiden. Von Religion lernen erweist sich so als spannendes Unterfangen. Gegenüber de Bottons Buch, das sich hauptsächlich auf das Christentum und ein bisschen aufs Judentum und den Buddhismus konzentriert, lässt sich diese Spurensuche auch noch ausweiten. 

Fazit

Natürlich kann man sich fragen, ob man religiöse Ideen und Rituale so einfach von der Religion trennen und säkularisieren kann, aber in diesem Punkt muss man de Botton ja nicht folgen. Von Religion lernen ist ein offener Lernprozess. Nach de Botton kann man es, ohne dass man religiös sein oder werden muss. Umgekehrt muss man aber auch nicht Atheist sein, um von seinem Buch zu profitieren. Seine Untersuchung ermöglicht sowohl Atheisten wie auch Gläubigen eine neue Sicht auf Religion. Religionsunterricht und Gemeindearbeit können von dieser Perspektive nur profitieren. 

Besprochenes Buch

Alain de Botton, Religion für Atheisten. Vom Nutzen der Religion für das Leben, Frankfurt am Main: S. Fischer- Verlag 2013.