Fachbeiträge

Vom persönlichen Gewinn kollegialer Beratung

Ich bin auf dem Weg zur Intervision. Etwas angespannt wegen meines Themas und voller Vorfreude auf die Begegnung mit meinen Arbeitskolleginnen. Schon jetzt ist mir klar; wenn ich abends zurückkomme, wird meine Welt eine andere sein. Neue Erkenntnisse und Erfahrungen werden zumindest meine innere Welt verändert haben.

Seit zwei Jahren treffe ich mich regelmässig mit drei Frauen aus einem ähnlichen beruflichen Kontext zur kollegialen Beratung. Einen ganzen Tag nehmen wir uns Zeit für Austausch, fachlichen Dialog und gegenseitiges Feedback. Unsere Gespräche sind geprägt von Vertrauen, Achtsamkeit, Klarheit und hoher Fachkompetenz. Auf den achtsamen Dialog legen wir grossen Wert. Darin haben wir zu Beginn unserer Treffen viel Zeit investiert.

Was ist Kollegiale Beratung?

«Kollegiale Beratung (Intervision) ist ein strukturiertes Beratungsgespräch in einer Gruppe, in dem ein Teilnehmer von der Gruppe nach einem feststehenden Ablauf mit verteilten Rollen beraten wird. (…) Ein professioneller Berater ist nicht anwesend.» (Kim-Oliver Tietze, 11,12)

Während der Treffen habe ich die Gruppe eine Stunde zu meiner Verfügung, um an meinem Thema zu arbeiten. Dabei bestimme ich den Fokus, manchmal auch die Arbeitsweise. Ich kann Fragen stellen, dem Austausch der Gruppe zuhören, mich beraten lassen oder zum gemeinsamen Dialog einladen.

Meine heutige Frage bezieht sich auf ein laufendes Projekt. Die Zusammenarbeit mit den beteiligten Kolleginnen und Kollegen ist schwierig geworden. Unterschiedliche Haltungen und ein unfreier Umgang mit den daraus entstehenden Konflikten behindern unsere Arbeit. Mit Hilfe der Gruppe möchte ich Klarheit schaffen, ob und wie es für mich mit dem Projekt weitergeht und was meine nächsten Schritte sind.

Ich weiss, «meine Gruppe» wird es nicht bei einer fachlichen Einschätzung bewenden lassen. Sie wird sich auch mit meinen Stärken und Schwächen in Konflikten beschäftigen und mich empathisch aber entschieden darauf hinweisen. Daran werde ich nicht nur Freude haben, aber in jedem Fall einiges über mich lernen.

Nicht immer fällt es mir leicht, ein Thema vor meinen Kolleginnen auszubreiten. Ich gebe dabei viel von mir preis. Sie erfahren wo meine Schwächen liegen und wissen, was mir schwerfällt. Es braucht manchmal Mut, mich so zu zeigen. Ich weiss aber auch, dass gerade die Beharrlichkeit der drei Frauen berufliche und persönliche Entwicklungen anstossen.

In solchen Momenten ernten wir die Früchte unserer Achtsamkeit im Dialog. Genau hier entstehen Lösungen, die ich niemals alleine hätte finden können. Ich erhalte Anteilnahme und Herausforderung gleichzeitig. Das ist für mich «Voneinander und Miteinander Lernen» – nachhaltig und überzeugend.

Berufliches Netzwerk aufbauen

«Die Bereicherung des eigenen Selbst durch andere Menschen, die uns als Modelle dienen oder uns mit Ansagen, Botschaften oder Angeboten ansprechen, bleibt zeitlebens von Bedeutung.» (Bauer, 107)

Jede und jeder von uns kann sich mit Kolleginnen und Kollegen aus dem beruflichen Kontext zur kollegialen Beratung treffen. Es empfiehlt sich, eine Gruppe ausserhalb des eigenen Arbeitsumfeldes zu finden. Die Themenwahl ist freier, die Möglichkeiten der Lösungsfindung breiter.

Günstige Voraussetzungen für kollegiale Beratung

  • Freiwilligkeit
  • Gemeinsame Ziele und Bedürfnisse
  • Fachliche Kompetenzen der Mitglieder
  • Zielgerichteter Prozess zur Lösungsfindung
  • Keine direkte Arbeitsbeziehung im Alltag
  • Schweigepflicht und gegenseitiges Vertrauen
  • Verbindliche Teilnahme über einen gewissen Zeitraum

Kollegiale Beratung ist eine kostengünstige, selbstorganisierte Form der Weiterbildung. Abgesehen von Reisekosten und Arbeitszeit fallen keine zusätzlichen Investitionen an. In Berufen, in denen die Arbeit mit Menschen eine zentrale Rolle spielt, sollte sowohl kollegiale Beratung als auch Supervision zum selbstverständlichen Weiterbildungsangebot gehören.

Mehrwert für Gruppenmitglieder (vergl. Tietze 24-26)

  • Anteilnahme und Entlastung (Psychohygiene)
  • Stärkung durch die Gruppe
  • Erfahren von Selbstwirksamkeit
  • Fachlicher Austausch und Erweiterung der Reflexionsfähigkeit
  • Massgeschneiderte Lösungen
  • Erweiterung von Handlungs- und Entscheidungsspielräumen
  • Stärkung der eigenen dialogischen Haltung
  • Möglichkeit zum Sichtwechsel
  • Unkompliziert und zeitsparend
  • Berufliches Netzwerk und persönliche Kontakte

Kollegiale Beratung dient der Reflexion meiner beruflichen Tätigkeit, der professionellen und persönlichen Entwicklung und der Qualitätssicherung.

Nutzen für Arbeitgebende und Organisationen (vergl. Tietze 24-26)

  • Begleitung „just in time“ bei Schwierigkeiten
  • Konkrete Unterstützung von Lernprozessen zeigt Wertschätzung
  • Qualitätssteigerung und verbesserte Arbeitsleistung
  • Günstige Personalentwicklung
  • Geringer organisatorischer und koordinativer Aufwand
  • Verbesserung der Zusammenarbeit
  • Aufbau und Stärkung einer Unterstützungskultur
  • Qualitätssicherung und Weiterbildung
  • Vernetzung

 

Literatur

Christina Kind Brunschwiler, Kollegiale Beratung. Professioneller Dialog auf Augenhöhe, (Fachstelle Religionspädagogik Thurgau) 2018

Das ganze Konzept finden Sie hier: https://www.kath-tg.ch/de/fachstellen/religionspaedagogik/qualitaetssicherung unter dem Stichwort «kollegiale Beratung».

Kim-Oliver Tietze, Kollegiale Beratung. Problemlösungen gemeinsam entwickeln,

Reinbek b. Hamburg, (Rowohlt Taschenbuch Verlag) 2016

Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, München (Blessing) 2019

Christina Kind Brunschwiler ist gestalttherapeutische Beraterin und Supervisiorin und seit vielen Jahren mit Überzeugung selbst in Intervisionsgruppen. Sie führt angehende Katechetinnen und Katecheten in die Kollegiale Beratung ein. Mehr Infos auf: www.christinakind.ch   CC BY-NC-SA 3.0 Christina Kind Brunschwiler | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 12