Fachbeiträge

Verheissung als Vision – Die Erzelternerzählungen als Lernweg

© Reiner Schedl / pixelio.de

Am Anfang der sogenannten Erzelternerzählungen steht in Gen 12,1-3 ein Auftrag und eine Verheissung: Geh weg, werde Segen, denn ich bringe dich in ein Land und du wirst ein grosses Volk. Abram – und zusammen mit ihm seine Frau Sarai – erfüllt den Auftrag sofort. Die Erfüllung der Verheissungen hingegen lässt auf sich warten. Zwar gelangt Abram mit Sarai, seinem Neffen Lot und allem Hab und Gut in das Land Kanaan, aber Gott sagt nicht etwa: Schau, hier bist du im Land, das ich dir gebe. Sondern: Deinen Nachkommen werde ich dieses Land geben. Erst in Gen 23 wird ein Stück des Landes Abrahams Eigentum, aber ohne Hinweis auf die Verheissung. Und auch die Erfüllung der Verheissung, dass Abra(ha)m ein grosses Volk werden soll, lässt auf sich warten. Bis überhaupt auch nur ein erstes Kind geboren wird, vergehen mehr als zehn Jahre. Und erst in der übernächsten Generation wird mit den 12 Söhnen Jakobs ein Ansatz von Grösse sichtbar. Von „Volk“ ist erst im Buch Exodus die Rede. Macht Gott in Gen 12,1-3 also leere Versprechungen?

Volksgeschichte

Bevor wir diese Frage angehen könnten, braucht es einen kurzen Blick auf den Charakter der Erzelternerzählungen. Was hier als Geschichte von Einzelnen und ihren Familien erzählt wird, hat eine viel grössere Absicht. Es geht nicht um individuelle Schicksale, sondern um das Werden des Volkes Israel. Damit sind diese Geschichten einerseits politisch: wer ist das Volk Israel, wie steht es zu anderen Völkern, was zeichnet es aus, wie gelingt sein gutes Zusammenleben – und andererseits theologisch: in welcher Beziehung steht dieses Volk zu Gott und wie steht Gott zu ihnen?

Auf diese Fragen, die sich dem bereits bestehenden Volk Israel stellen, geben die Erzelterngeschichten Antworten. Es geht in ihnen also nicht um historische Ereignisse. Diese Geschichten werden erzählt, um sich selbst Rechenschaft abzulegen und sich der eigenen Identität zu vergewissern: Wer sind wir? Wie gehen wir miteinander und mit Gott um?

Verheissung als Vision

In den Erzelternerzählungen geht es also im Wesentlichen um die Klärung der Beziehungen zwischen Mensch und Mensch und Gott und Mensch. Der Klärungsprozess betrifft alle Beteiligten, also auch andere Völker und selbst Gott bleibt davon nicht ausgenommen. In Gen 12 beginnt mit einem grossen Auftakt die gemeinsame Geschichte. Was das aber genau bedeutet, scheinen sowohl Menschen als auch Gott erst miteinander herausfinden zu müssen. Die Verheissungen lassen sich als Richtungsweiser lesen, als Vision einer erstrebenswerten Zukunft. Der Weg dorthin muss erst gefunden werden.

Oder anders gesagt: Das Gottesbild, das in diesen Geschichten vermittelt wird, ist nicht das einer Gottheit, die im stillen Kämmerlein die Geschichte bereits geschrieben hat und nun geduldig warten, bis die Menschen ihren vorgegebenen Weg gegangen sind. Die Geschichten erzählen von einer Gottheit, die das Ziel vorgibt und den Weg dorthin gemeinsam mit den Menschen gestaltet.

Oder nochmals anders gesagt: Die Verheissungen in der Genesis sind keine Versprechen, sondern Richtungsweiser für den gemeinsamen Weg.

Gemeinsam auf dem Weg

Ein paar Beispiele dazu:

Das Land

Das Land, in das Abram und Sarai ziehen ist bereits bewohnt. Bis zum Ende der Tora dient das Land als Ziel- und Sehnsuchtspunkt, der aber nicht erreicht wird. Der Beginn der Volkwerdung findet gerade nicht im eigenen Land statt, sondern in der Fremde, in Ägypten (Ex 1,9).

 

Das Volk

Gott verheisst, dass Abram ein grosses Volk werde. Nur fünf Verse vorher aber wurde erklärt, dass Sarai und Abram keine Kinder haben, weil Sarai unfruchtbar ist (11,30). Die Nachkommenschaftsverheissung wiederholt Gott wieder und wieder. Damit wird erzählerisch eine grosse Spannung aufgebaut. Wie um Himmels willen soll ein Volk entstehen, wenn es nicht einmal ein einziges Kind gibt? Abram selbst scheint daran auch zu zweifeln. Würde er sonst seine Frau Sarai an den Pharao abtreten (Gen 12,10-20)? Erst in Gen 16 zeichnet sich eine Lösung ab für das Nachkommenschaftsproblem. Anstelle von Sarai wird Hagar die Mutter des verheissenen Sohnes. Einziges Problem dieser Lösung: Was ist nun mit Sarai? Ist es rechtens, dass Sarai, die gemeinsam mit Abram aus Haran ausgezogen ist, nun aus dem Verheissungsgeschehen herauszufallen droht? Nachdem Gott selbst sie auf ihr Wort hin aus dem Harem des Pharao befreit hat? Sarai scheint diese Gefahr zu spüren. Jedenfalls greift sie Abram in V5 mit heftigen Worten an, die mehr an Gott gerichtet sind, denn an ihren Ehemann. Sie fordert ein Eingreifen Gottes.

 

Der Bund

In Gen 15,18 schliesst Gott einen Bund mit Abram. Dieser bleibt noch ganz unspezifisch. Gott sagt: „Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land“. Hier wird also sowohl die Nachkommenschafts- als auch die Landesverheissung wiederholt.

In Gen 16,15 kommt Ismael als Sohn von Hagar und Abram zur Welt. Danach passt Gott den Bund an. Reagiert Gott hier auf die Anrufung Sarais in Gen 16,5? Jedenfalls gibt es in Gen 17 einen Neuanfang. Abram und Sarai erhalten neue Namen. Sie heissen künftig Abraham und Sara. Ausserdem verheisst Gott nun ganz explizit, dass auch Sara einen Sohn gebären wird (was Abraham lachend als unvorstellbar verwirft). Und schliesslich definiert Gott eben den Bund neu: Als Zeichen des Bundes gilt ab sofort die Beschneidung – die sogleich an Ismael und Abraham vollzogen wird. Der Bund selbst wird über Abraham hinaus auf seinen künftigen Sohn Isaak und dann wiederum auf dessen Nachkommen übertragen. Vielleicht lässt sich das so paraphrasieren: Gott nimmt Ismael, dem ersten Sohn der Verheissung nichts weg. Aber Gott fügt etwas Neues hinzu, das Isaak, den Sohn Saras als denjenigen auszeichnet, über den Gott die Geschichte mit dem Volk weiterführen wird. Oder anders herum gesagt: Das Volk Israel, das sich diese Geschichte erzählt, sieht sich selbst als Nachfahren von Isaak, dem spätgeborenen Sohn von Abraham und Sara.

Gott geht mit

Die Frauen und Männer dieser Geschichten suchen sich ihre Wege in der Erfüllung der Verheissungen. Ihre Söhne – mit Ausnahme der Jakobstochter Dina wird nur von den Knaben erzählt – ringen ihrerseits um ihren je eigenen Platz darin und um die Rangordnung, die ihnen im Familien- und also im Volksverband zukommt. Gott ihrerseits greift manchmal ein und manchmal nicht, findet neue Wege, wenn eine Situation ausweglos erscheint. Sodass am Ende der Genesis Josef sagten kann: „Gott hat es zum Guten gewendet“ (50,20).

Moni Egger leitet die Fachstelle Katechese – Medien in Aarau, ist Dozentin für Bibelhebräisch am Religionspädagogischen Institut (RPI) an der Universität Luzern sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift FAMA. CC BY-NC-SA 3.0  Moni Egger | reli.ch
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