Fachbeiträge

Kein Wein an der Erstkommunion? Ein Diskussionsvorschlag

© Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Brot und Wein sind die zentralen Zeichen der Erstkommunion. Mit viel Engagement werden die Kinder herangeführt an das Sakrament der Eucharistie. Was die Kinder aber lernen, singen und beten, dass Christus sich uns schenkt in Brot und Wein, wird in der Zeichenhandlung der Erstkommunion meist nicht eingeholt. Kommuniziert wird an vielen Orten nur unter einer Gestalt; ein Versäumnis, das zu überdenken sich lohnt.

Widerspruch zwischen Katechese und Feier

Kinder singen mit Inbrunst: «Wenn wir unsre Gaben bringen, wollen wir Gemeinschaft sein, dann bist du in unsrer Mitte, schenkst dich uns in Brot und Wein» (Kathi Stimmer-Salzeder). So oder ähnlich tönt es in vielen Erstkommunionliedern. Kindern einen Zugang zu ermöglichen zu jenem Geheimnis, das wir als Mitte unseres Glaubens feiern, ist wesentliche Aufgabe der Sakramentenkatechese.

Meist aber wird in der Erstkommunion der Kelch gar nicht gereicht. KatechetInnen, denen bei diesem Widerspruch nicht wohl ist, gehen mitunter so weit, dass sie entsprechende Liedstrophen weglassen oder aber gleich «neutralere» Lieder vorschlagen.
Warum ist das so? Mit der Kelchkommunion sind verschiedene Verunsicherungen verbunden. Berechtigt ist die Frage, ob es verantwortbar sei, Kindern Alkohol zu reichen. Einen möglichen Protest von Eltern möchte man vermeiden. Der eine oder andere Priester spricht sich dagegen aus, weil er unangemessene Reaktionen von Kindern fürchtet, die den Wein nicht mögen. Auf Traubensaft auszuweichen, ist aufgrund kirchlicher Bestimmungen ausgeschlossen; Werkbücher, die genau dies vorschlagen, leisten der Sache keinen guten Dienst.

«Nehmet und trinket alle daraus»

Wir tun nicht, was wir sagen. Vor allem aber tun wir nicht, was Jesus uns sagt.

«Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!» (1 Kor 11,25)

In der katholischen Tradition führt ein langer Weg von der Zeichenhandlung Jesu im letzten Abendmahl, das Brot und den Weinbecher zu segnen und allen zu reichen, zur Kelchkommunion als faktisches Privileg des Priesters. Während im ersten Jahrtausend die Kommunion unter beiden Gestalten üblich war, änderte sich dies aufgrund der mittelalterlichen Frömmigkeit, die bei unwürdiger Kommunion den Zorn Christi fürchtete. Mit der Reformation wurde der sogenannte «Laienkelch» zum Kennzeichen der Abtrünnigen, und so fehlt er in der katholischen Tradition bis ins 20. Jh.

Das Konzil und seine Liturgiereform haben die Bedeutung der Kelchkommunion wieder in Erinnerung gerufen (vgl. SC 55). In der Allgemeinen Einführung ins Messbuch heisst es: «Ihre volle Zeichenhaftigkeit gewinnt die Kommunion, wenn sie unter beiden Gestalten gereicht wird. In dieser Form wird das Zeichen des eucharistischen Mahles auf vollkommenere Art zum Ausdruck gebracht. Es wird auch deutlich, dass der neue und ewige Bund im Blut des Herrn geschlossen wurde. Ausserdem wird der Zusammenhang zwischen dem eucharistischen und endzeitlichen Mahl im Reich des Vaters besser erkennbar» (AEM 240). Allerdings zeigen sich lehramtliche Aussagen widersprüchlich bezüglich der Reichweite der Erlaubnis, unter beiden Gestalten zu kommunizieren. Als «inakzeptabel» und «dramatisches Defizit» wird der Ausschluss der Gemeinde von der Kelchkommunion aus liturgiewissenschaftlicher Sicht bewertet. Das Fazit des neuen Luzerner Biblisch-Liturgischen Kommentars zur Messfeier klar: «Der Kelchkommunion ist ein fester Platz in jeder Eucharistiefeier zurückzugeben.» (Lumma/Vonach, 146).

Das fehlende Zeichen

Die Antwort der katholischen Kirche auf das reformatorische Postulat, den Kelch auch den Laien zu reichen, war die Konkomitanzlehre. Diese besagt, dass der ganze Christus – dem Leib und dem Blut nach – in jeder der Gestalten gegenwärtig ist. Auch wenn diese scholastische Lehre eine innere Plausiblität hat, fehlt etwas, wenn der Kelch fehlt. Kommunizieren ist ein Beziehungsgeschehen, es geht um die communio, die Gemeinschaft. Das Teilen des einenBrotes wie das Trinken aus dem einenKelch bringen dies zeichenhaft zum Ausdruck. Mehr als die Einzelhostie widersetzt sich der Kelch einer Engführung der Eucharistie als vor allem persönlicher Christusbegegnung. Alle haben Teil am eschatologischen Bund, an dieser Lebens- und Schicksalsgemeinschaft in Christus.

Mentalitätsmässig sind wir katholischen Christinnen und Christen bis heute nicht vertraut mit dem Kelch als Zeichen des Bundes (vgl. Ottiger, Reform). Dies wird auch in den Initiationssakramenten Taufe, Erstkommunion und Firmung deutlich. Wenn die Eucharistie in diesen Feiern nicht in ihrer vollen Zeichengestalt erfahrbar wird, wo dann? Das Fehlende wird in seinem Wert nicht erkannt und nicht vermisst.

Erstkommunion mit Kelchkommunion

Natürlich stellt sich die Frage, ob man schon Kinder zur Kelchkommunion einladen darf. Es gibt dazu aber ermutigende Beispiele von Pfarreien, die bewusst das Gespräch mit den Eltern suchen (vgl. Rössler). Meist stellt sich dabei heraus, dass Eltern kein Problem damit haben. Sie weisen im Gegenteil selbst darauf hin, dass beispielsweise in einem Schluck Hustensaft oder in homöopathischen Tropfen mehr Alkohol enthalten ist, als ein Kind beim Nippen am Kelch zu sich nimmt. Die Kinder werden entsprechend darauf vorbereitet. Mit süssem Wein können negative Reaktionen vermieden werden. Selbstverständlich wird Kindern von Eltern, die sich dennoch dagegen aussprechen, der Kelch nicht gereicht.

Die praktischen Fragen lassen sich lösen. Ein Eintauchen der Hostie kommt der Zeichenhandlung des Trinkens aus dem Kelch nicht gleich. Die Kelchkommunion erfordert das besonders sorgfältige Abwischen des Kelches nach jeder Kommunion. Untersuchungen zufolge sind «übergrosse Befürchtungen vor Ansteckung durch das gemeinsame Trinken aus dem Kelch» nicht berechtigt (Kunzler, 122). Es darf zudem davon ausgegangen werden, dass kranke Menschen eigenverantwortlich nicht zur Kelchkommunion hinzutreten – genauso wie jene, die eine mögliche Ansteckung fürchten.

Den Kelch wiedergewinnen

Müsste man zum Schluss kommen, dass sich die Kelchkommunion für Kinder grundsätzlich nicht eignet, wäre die Erstkommunion konsequenterweise im höheren Alter anzusetzen. Initiation findet dann statt, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Nach katholischem Verständnis ist Christus zwar auch im Brot ganz gegenwärtig, das sakramentale Zeichen aber entbehrt seiner vollen Zeichenhaftigkeit. Dies sollte bei einer Initiationsfeier nicht leichthin in Kauf genommen werden. Alles, was hilft, ein tieferes und volleres Verstehen des eucharistischen Geheimnisses zu gewinnen, ist zu unterstützen. Nicht zuletzt verdankt sich das Sakrament der Eucharistie wie kein anderes einem klaren Auftrag Jesu.

 

Literatur

  • Kunzler, Michael: Dienst am Leib Christi. Eine kleine Schule für den Kommunionhelferdienst, Paderborn, 5. aktualisierte Neuauflage 2016.
  • Lumma, Liborius Olaf/Vonach, Andreas: Kommunionspendung, in: Jeggle-Merz, Birgit/Kirchschläger, Walter/Müller, Jörg (Hrsg.): Leib Christi empfangen, werden und leben. Die Liturgie mit biblischen Augen betrachten (Luzerner Biblisch-Liturgischer Kommentar zum Ordo Missae 3, 133–147).
  • Ottiger, Nicola: «Nehmet und trinket alle daraus». Eine vergessene Reform des Konzils, auf: www.feinschwarz.net, Oktober 2017.
  • Rössler, Alfred: Die Kinder einbeziehen. Wie man die Erstkommunionkinder langfristig aktiv an der sonntäglichen Eucharistiefeier teilnehmen lassen kann, in: Gottesdienst 36 (2002), 114f.
Dr. Nicola Ottiger ist Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Liturgik am Religionspädagogischen Institutder Theologischen Fakultätder Universität Luzern CC BY-NC-SA 3.0  Nicola Ottiger | reli.ch
Kompetenz: 2E-1, 2E-4, 2E-6, 2E-7