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Hoffnung, die sich erfüllt: Advent und Weihnachten feiern

Rike / pixelio.de

Advent und Weihnachten gehören zu den religionspädagogisch und liturgisch wichtigen Zeiten, die auch gesellschaftlich grosse Bedeutung haben. Es stellt sich die Frage, wie wir „dasselbe“ immer wieder neu gestalten können. Ein wichtiger Wegweiser ist dabei die kirchliche Liturgie selbst, welche mit ihren Texten und Gebeten die Hoffnung ins Zentrum stellt.

Dasselbe, immer wieder neu

Dasselbe, immer wieder neu: Das ist der Grundgedanke des Kirchenjahres. Es lädt ein, die eigene Lebenszeit als von Gott begleitete und geheiligte Zeit zu verstehen und zu feiern. Was Gott in der Geschichte zum Heil der Menschen gewirkt hat, wird erinnert, geschieht aber gleichzeitig an uns selbst. Die Liturgie verkündigt Gottes heilvolles Handeln im „Heute“: „Heuteist uns der Retter geboren“, heisst es denn auch in der Messfeier der Heiligen Nacht. Im feiernden Vollzug ereignet sich die Geburt Jesu jetzt und hier.

Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung darauf. Wie die Menschen damals hoffen wir auf das Kommen Gottes, das sich für uns Christinnen und Christen in der Ankunft Christi erfüllt. Der Advent bewahrt aber auch die ganz grosse Hoffnung auf allumfassenden, ewigen Frieden und Vollendung am Ende der Zeit, wenn Christus wiederkommen wird. Das Sehnen danach bringt beispielsweise der adventliche Ruf „Maranatha“ (vgl. Offb 22,20: „Komm, Herr Jesus“) zum Ausdruck. Damit ist der Advent durch und durch geprägt von Hoffnung. In der liturgischen Leseordnung zeigt sich dies in starken Jesaja-Texten sowie auch in den adventlichen Gestalten von Maria und Johannes dem Täufer, die etwas von dem wiederspiegeln, das in uns selbst wartet und hofft.

Hoffnung verkünden, statt moralisieren

Im Empfinden vieler Menschen ist Weihnachten wohl das beliebteste christliche Fest. Selten sind Gottesdienste so gut besucht, wie in dieser Zeit, vor allem Krippenfeiern an Heiligabend. Ob Weihnachten nun religiös oder einfach als wichtiger Teil gesellschaftlichen Zusammenlebens begangen wird: Es kommen Menschen in unsere Feiern, die alle ihre eigenen Sehnsüchte, ihren Kummer und ihre Hoffnungen mitbringen. Was haben wir ihnen anzubieten?

Jedes Jahr erscheint eine Fülle an neuen religionspädagogischen wie liturgischen Arbeitshilfen. Was an vielen Gottesdienstvorschlägen überraschenderweise auffällt, ist ein – offen oder versteckter – moralisierender Unterton. Ein häufiges Motiv lautet: „Das Wichtigste sind nicht die Geschenke!“ Jesus ist das eigentliche Geschenk, aber niemand will es. Oder es wird unterstellt, dass sich niemand genug Zeit nimmt für das Kommen Christi, weil der Konsum viel wichtiger sei. Auch die fehlende Herberge kann zum Motiv werden, mit welchem moralisiert wird. Problematisch ist eine solche Verkündigung aus zwei Gründen. Der Advent ist zwar nicht nur eine Zeit der freudigen Erwartung, sondern auch der Umkehr. Dazu gehört die prophetische Kritik, das mahnende Wort. Aber zur rechten Zeit und vor allem in der angemessenen liturgischen Form, beispielsweise auch in eigenen Bussgottesdiensten. Vor allem aber ist es nicht nötig und irgendwie billig, den Kindern ihre ersehnten Geschenke schlecht zu reden, damit das Licht Christi heller strahle. Es verkennt, dass viele – kleine wie grosse – Menschen selbst genau wissen oder zumindest ahnen, dass das Glück nicht im Wohlstand und Überfluss liegt. Es ist unnötig, weil die Botschaft von selbst gross ist, wenn sie es vermag, die Hoffnungen dieser Menschen anzusprechen.

Die Stärken der Liturgie nutzen

Den liturgischen Feiern der Advents- und Weihnachtszeit liegen biblische Texte zugrunde, welche Hoffnung wecken und nähren, darunter die bereits erwähnten Jesaja-Texte. Durch nichts zu übertreffen ist für viele Kinder und auch Erwachsene die Weihnachtserzählung nach Lukas, die als Evangelium der Heiligen Nacht verkündigt wird. Gut erzählt, vermag sie immer wieder zu faszinieren und zu berühren. Die liturgischen Gebete wollen helfen, sich für Gott zu öffnen. Auch sie bringen die gute Botschaft zum Ausdruck. So könnte ein Kyrie, das nicht moralisiert, beispielsweise lauten: „Inmitten der Dunkelheit warten wir auf dein Licht. – Inmitten der Hektik warten wir auf deinen Frieden. – Inmitten der Angst warten wir auf dein befreiendes Wort.“ (Fuchs, Rorate, 29). Und nicht zuletzt sind Weihnachtslieder auf ihre ganz eigene und unverzichtbare Weise Verkündigung und prägen das gemeinsame Feiern.

Schliesslich ist auch nach der angemessenen Feierform zu fragen. Krippenfeiern am späten Nachmittag von Heiligabend sind für kleinere Kinder und ihre Familien gedacht, werden inzwischen aber vielerorts als Eucharistiefeiern gestaltet. Damit will man vor allem jenen Gläubigen entgegen kommen, welchen die nächtliche Christmette „zu spät“ ist. Für kleine Kinder, immerhin die ursprünglichen Adressaten von Krippenfeiern, dauern Gottesdienste mit Krippenspiel und Eucharistiefeier aber einfach zu lange, weshalb sie oft mit Beginn des eucharistischen Teils dramaturgisch auseinanderfallen. Insgesamt gibt es in diesen Feiern viele, die nicht kommunizieren können oder wollen.

Deshalb hat das Erzbistum Freiburg im Breisgau schon vor einigen Jahren empfohlen, Krippenfeiern als Wortgottesdienste zu gestalten (vgl. Empfehlung Liturgiekommission, Freiburg 2009). Gerade grössere Seelsorgeeinheiten bzw. Pastoralräume bieten Chancen, die Anliegen und Möglichkeiten der Mitfeiernden in verschiedenen Feiern besser zu berücksichtigen.

Was wir an Advent und Weihnachten feiern, ist gemäss Kalender zwar jedes Jahr dasselbe. Es ist aber jedes Jahr neu, wenn wir es als Hoffnung für unser Leben heute verstehen.

Literatur

  • Fuchs, Guido (Hrsg.): Rorate. Neue Modelle für Gottesdienste im Advent, Regensburg 2010.
  • Kirchhoff, Hermann: Christliches Brauchtum. Feste und Bräuche im Jahreskreis. Sonderausgabe München 2004.
  • Wahle, Stephan: Das Fest der Menschwerdung. Weihnachten in Glaube, Kultur und Gesellschaft, Freiburg i. Br. 2015.

 

Dr. Nicola Ottiger ist Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Liturgik am Religionspädagogischen Institutder Theologischen Fakultätder Universität Luzern CC BY-NC-SA 3.0  Nicola Ottiger | reli.ch
Kompetenz: 1B-4, 1E-1, 2B-7, 2E-1, 3E-1, 4E-1