Fachbeiträge

He – hört ihr eigentlich die Zukunft in Eurem Getweete?

Passen Gott und die Welt in 140 Zeichen? – Dieser Herausforderung widmete sich der Workshop „wortgl@ubereien mit Maria von Magdala“ an der Religionspädagogischen Tagung zu den digitalen Medien in Luzern.

Zu den versprochenen Verdichtungen kam es nicht in dem Masse, wie es angedacht war. Aber wer konnte schon ahnen, dass Twitterer @realTrump aus Übersee jede zarte Poesie des Kanals in den Hintergrund drängen würde.

 Twitter und die (alternativen) Fakten

Unabhängig davon, welches Thema uns in den Sinn kam – es verknüpfte sich mit Trump, Rassismus und der Verbannung von realen Fakten. Der Workshop landete in jener Woche, in der das Wort „Alternative Fakten“ zum Wort des Jahres gekürt wurde. Von wem eigentlich?
Ach, mit solchen institutionellen Fragen hält sich Twitter nicht auf. Und damit sind wir mitten im digital verdichteten Kommunikationsprozess. Was in den Social Media Dichtung und Wahrheit ist, muss jede Userin und jeder User schon selbst herausfinden. Die Verifizierungen mit dem blauen Häkchen gelten bisher nur für Personen (z.B. das ist wirklich Roger Federer) und nicht für Nachrichten (z.B. das ist eine überprüfte Tatsache). 

 

 

Maria von Magdala

@mariavonmagdal1 twitterte in jener Woche, dass sie sich das Wort „Alternative“ nicht nehmen lasse, nicht von
Parteien in Deutschland und nicht von der PR-Frau des amtierenden US-Präsidenten. Obwohl Marias Twittergemeinde aktuell nur 260 Follower kennt, erreichte dieser Tweet rund 1000 Personen. Eine Menge, die beachtlich ist im Vergleich zu Vortragsräumen in Kirchgemeinden, aber gering im Vergleich zu anderen Twittererfolgen.

Der Account „Maria von Magdala“ wird seit zwei Jahren von der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich geführt zur biblischen Beseelung der Pastoral. Manchmal verbindet er Gleichgesinnte, manchmal stellt Maria kritische Fragen an „Bibelfeste“ und manchmal teilt auch sie einfach die Gedanken und Nachrichten von anderen.

Ist die Welt zu komplex für Twitter

Nie zuvor verbreiteten sich Nachrichten in dieser Geschwindigkeit über den Globus. Die Welt wird in Twitter abgebildete – und sei sie noch so zersplittert. Zahlreiche Video-GIFs und Kommentare gehen längst über die 140 Zeichen hinaus. Ungehindert und für alle einsichtig können hier die Empörten, die Verliebten und die Hater (Hasser) ihren Impulsen freien Lauf lassen. Dabei kommt es selten zu Dialogen und zu gegenseitiger Kommunikation. Die Beiträge wachsen zu Gruppen-Ansichten, indem sie multipliziert werden. Wirkliche Gespräche sind hier nicht möglich. Trotzdem ist es eine Realität, dass Twitter & Co Einfluss nehmen auf die Wirklichkeitskonstruktion in unserer Gesellschaft.

Ist Twitter nicht zu Old-School?

Mal abgesehen von prominenten älteren Herren, die mit Twitter hantieren, sprechen die Statistiken dafür, dass v.a. Menschen mittleren Alters im 140-Zeichen-Kanal aktiv sind. Bei den Nutzenden im Schulalter liegt die Statistik bei 2%, Tendenz abnehmend. Warum sollte Twitter also ein Medium sein, das in der Schule noch Beachtung findet.

Doch wäre es nicht längst an der Zeit, den Spiess umzudrehen: Nicht Werbefritzen nutzen die Analyse der Teenager-Kommunikation für ihre Zwecke, sondern Jugendliche erheben ihre Stimme in den Massenkommunikationsmitteln der Erwachsenen, die gerade dabei sind, ihre Zukunft in die Wege zu leiten.

Landräuber

In aller Kürze entstand die Idee, z.B. in einer Schulklasse einen Account zu öffnen und zu testen, inwieweit sich Ansichten und Anliegen von Jugendlichen in die Meinungswolken der Erwachsenenwelt einspeisen lassen.

Wenn in der Fastenzeit das Thema #landgrabbing von Brot für Alleund Fastenopferlanciert wird, wäre ein Account mit dem Namen „Landräuber“ möglich, der benennt, was aktuell passiert. Der Account ist Fake, die Nachrichten echt.

Weiter kamen wir nicht in unserem Workshop, aber vielleicht ist es eine Idee, dass sich Kinder und Jugendliche auch ohne Wahlrecht einmischen können in die Welt der Erwachsenen, die sich auf Twitter viel zu gerne selbst bestätigt sehen…

 

 

Katja Wißmiller, theologische Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks(SKB) in Zürich, tätig im Redaktionskreis der Zeitschrift „bibel heute“ und als Maria von Magdala auf Facebookund Twitter
CC BY-NC-SA 3.0  Katja Wißmiller | reli.ch
Kompetenz: 4B-3
Leitsatz 6