Fachbeiträge

Gottes gute Welt – jetzt! Ein Blick in das neue Lehrmittel „Dein Reich komme. Das Gebet Jesu verstehen“

© Paul-Georg Meister / pixelio.de

Das Gebet Jesu ist eine religionspädagogische Knacknuss. Aus dem biblischen Zusammenhang ist klar, dass es kein Gebet für Kinder ist: Bei Lukas richtet Jesus es direkt an die Jüngerinnen und Jünger; bei Matthäus ist es Teil einer Tora-Auslegung. Aufgrund seiner liturgischen und spirituellen Bedeutung aber sollen Kinder das Gebet schon früh lernen. Die meisten Unterrichtshilfen versuchen dieses Problem zu umgehen, indem sie das Gebet aus dem biblischen Zusammenhang lösen und es rein spirituell oder alltagspraktisch betrachten. Damit wird nicht nur häufig eine starke Vereinfachung bis Banalisierung in Kauf genommen, sondern auch eine grosse Chance vergeben. Gerade an diesem Beispiel nämlich kann den Kindern deutlich werden, dass die uralten Bibeltexte auch heute noch relevant sind. Wie aber kann eine Beschäftigung mit dem Gebet als Bibeltext aussehen? Um den Ansatz zu erklären, den das Lehrmittel „Dein Reich komme! Das Gebet Jesu verstehen“ wählt, braucht es zunächst einen Blick auf eine mögliche Auslegung des Gebets.

Angst und Hoffnung zur Zeit Jesu

Ziemlich genau im Zentrum der langen Rede am Berg steht das bekannteste Gebet der Christenheit.  Das ist kein Zufall, sondern heisst auch, dass es hier um das Zentrale der Rede geht. Das Matthäusevangelium präsentiert es als eine Art Tora-Konzentrat mit endzeitlichem Fokus: Gottes gute Welt – jetzt!

Gleich zu Beginn der Rede wird gesagt, worum es im Folgenden geht: Um die Erfüllung dessen, was in Tora und den prophetischen Schriften steht (Mt 5,7). Damit knüpft der matthäische Jesus am religiösen Wissen der Zuhörenden an und lehrt, wie die alten Texte für die aktuelle Zeit wegweisend sein können.

Diese aktuelle Zeit war für die allermeisten Menschen im frühen ersten Jahrhundert ausgesprochen hart. Für viele war die Situation so unerträglich, dass sie mit dem Weltuntergang rechneten. Wenn es einfach nicht mehr so weitergehen kann, dann bleibt als Hoffnung nur, dass Gott ganz bald eine neue Welt errichtet, eine Welt, in der es allen Menschen gut geht. Verschiedene jüdische Strömungen gingen zu jener Zeit davon aus, dass diese verheissene neue Welt unmittelbar bevorstand. Eine davon war die Jesusbewegung. So ist ein wichtiger Punkt in der jesuanischen Verkündigung, dass das Reich Gottes in diesen Tagen anbricht. Aus dieser Überzeugung heraus lehrt der matthäische Jesus die zu betenden Worte.

Gleich zur Sache

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass sich das „Vaterunser“ nicht mit Formalitäten und Nebensächlichkeiten aufhält. Es kommt gleich zur Sache und benennt, was benannt werden muss. Fast wie ein Mantra wiederholt es: Gott, bring uns deine gute und gerechte Welt!

Dass es im Vaterunser um das Wesentliche geht, zeigt auch der unmittelbare Kontext: Direkt vor dem Gebet steht eine längere Anweisung, wie die Menschen beten sollen. Diese wird in Abgrenzung zu anderen Gebetspraktiken formuliert und bezieht sich unter anderem auf deren Ausführlichkeit: „Wenn ihr aber betet, dann plappert nicht daher wie die aus den Völkern, die meinen nämlich, dass sie durch viele Worte erhört werden. Macht es nicht wie sie. Euer Vater nämlich weiss, was ihr braucht, schon bevor ihr ihn bittet.“ (Mt 6,7-8)

„So also betet:“ lehrt Jesus seine Jüngerinnen und Jüngern und die lauschende Volksmenge. Die folgenden Gebetsworte sind kurz und knapp. In der hier vorgeschlagenen Auslegung kommt die oben angesprochene Aktualisierung und Konzentrierung der Tora zur Geltung: Es geht um die Verwirklichung der Verheissung einer guten und gerechten Welt, indem sich Gott in den alttestamentlichen Grundeigenschaften zeigt, nämlich lebenspendend, beziehungschaffend, befreiend.

Die drei Du-Bitten: Mach, dass deine Basileìa Wirklichkeit wird!

Angesprochen und zum Handeln aufgefordert ist während des ganzen Gebets Gott selbst. Anders als im zweiten Gebetsteil ist das im ersten aber nicht explizit ausgedrückt, sondern im theologischen Passiv formuliert. Inhaltlich sind die drei Du-Bitten eine Variation über das Thema „Reich Gottes“. Die mittlere Bitte nennt es explizit, Bitte eins und drei meinen aber im Grunde nichts anderes.

Mach, dass dein Name (wieder) heilig ist!

Eine zentrale Stelle für das Verständnis dieser Bitte ist Ez 36. Das Buch Ezechiel reflektiert die Katastrophe des Babylonischen Exils und fragt unter anderem, was die Zerstörung des Tempels und die Verschleppung der Jerusalemer Oberschicht für die Gottesbeziehung des Volkes bedeutet. Diese Zerstreuung des Gottesvolkes deutet Ezechiel als Folge von Götzendienst, von Unrechtsherrschaft und Ungerechtigkeit. Da Gott und Volk aber durch den Bund eng aufeinander bezogen sind, zieht diese Zerstreuung auch Gott selbst in Mitleidenschaft. „So spricht Adonaj JHWH: Nicht um euretwillen handle ich, Haus Israel, sondern für meinen heiligen Namen, den ihr blossgestellt habt bei den Nationen, wo immer ihr hinkamt. Ich will aber meinen grossen Namen wieder heilig machen … .“ (Ez 36,22-23).

Also: Wo JHWH und Volk Israel nicht „an einem Strick ziehen“ ist die Heiligkeit von Gottes Namen gefährdet. Damit dieser Name wieder geheiligt ist, beschliesst JHWH, sein in alle Länder verstreutes Volk Israel wieder zu sammeln, wieder zusammenzuführen und ihm neue Kraft zu geben. Damit künftig keine Entfremdung zwischen Gott und Volk mehr geschieht, verspricht Gott: „Ich gebe euch ein neues Herz und neue Geistkraft will ich euch geben. Ich reisse euch das Herz aus Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz aus Fleisch. Meine Geistkraft gebe ich in eure Mitte. Und ich mache, dass ihr in meinen Gesetzen geht und mein Recht einhaltet und es tut.“(Ez 36,26-27) Die Heiligung des Gottesnamens besteht in Ez 36 also darin, dass das Volk Israel wieder gesammelt und neu aufgebaut wird. Im Kontext des Gebets deutet Gerhard Lohfink das so: „In der 1. Vaterunserbitte flehen wir darum, dass es wieder einen Ort in der Welt gibt, durch den die Herrlichkeit und die Ehre Gottes sichtbar werden … .“ Ein solcher Zustand aber ist nichts anderes als das Reich Gottes – um dessen Ankunft in der nächsten Gebetszeile nochmals explizit gebetet wird.

Mach, dass deine Basileìa Wirklichkeit ist!

Mit griech. Basileìa ist Herrschaft und Reich eines Königs oder einer Königin gemeint. Im theologischen Kontext wird dieser politische Begriff für das Reich Gottes verwendet. Er bezeichnet die Vorstellung, dass Gott eine gute, gerechte Wirklichkeit herbeiführt, in der es allen gut geht. Diese göttliche Basileìa ist ein Gegenbild zur real erfahrenen Wirklichkeit, der Basileìa des römischen Kaisertums.

Die Bergpredigt ist gerahmt von zwei Textstellen, die fast gleich lauten:

4,23 9,35
Und er zog

in ganz Galiläa umher

lehrte in ihren Synagogen

verkündete die frohe Botschaft (Evangelium)

von der Basileìa Gottes

und heilte jede Krankheit

und jedes Gebrechen im Volk.

Und Jesus zog

durch alle Städte und Dörfer

lehrte in ihren Synagogen

verkündete die frohe Botschaft (Evangelium)

von der Basileìa

und heilte jede Krankheit

und jedes Gebrechen.

Die Verkündigung der Basileìa ist demzufolge nicht einfach mit Reden zu erreichen. Zur Verkündigung der Basileìa gehören Taten, die diese Gute Welt bereits sicht- und erfahrbar werden lassen.

Die Hoffnung auf die Basileìa ist schon im Alten Testament von Bedeutung und wird in diversen Bedrängungssituationen neu bespielt. Eine Variante davon bringt die Basileìa in Verbindung mit der Hoffnung auf den Gesalbten (hebr.: Messias, griech. Christus). Die Basileìa ist vielschichtig. Sie kritisiert die Gegenwart und füllt sie mit Hoffnung. Sie ist ein Kontrast zu jeder weltlichen Herrschaft und damit Kritik an Systemen der Ungerechtigkeit. Gleichzeitig zeugt sie vom Glauben, dass sich das Gute real in unserer Wirklichkeit ereignet und von der Hoffnung, dass dieses Gute irgendwann gänzlich überwiegt.

Mach, dass sich in der Welt dein Wille zeigt!

„Dein Wille geschehe“ wird häufig missverstanden. Aber es geht in dieser Bitte nicht darum, dass wir Menschen alle Gebote erfüllen sollen (auch wenn dies in anderen Bibelstellen durchaus gefordert wird) und genausowenig stellt die Bitte Gottes Willen als unausweichliches Schicksal dar, in das wir Menschen uns zu schicken hätten.

Vielmehr geht es darum, dass Gott ihren Plan, den sie für die Welt hat, Wirklichkeit werden lässt. So z.B. in Jes 46,10-11: „[…] Mein Plan kommt zustande und alle meine Vorhaben führe ich aus. […] Ich habe geredet, ich lasse es kommen, ich habe es gestaltet, ich führe es aus.“ Die folgenden Verse 12-13 zeigen, dass mit diesem Plan und Vorhaben umfassendes Wohlergehen gemeint ist: „[…] Ich habe meine Gerechtigkeit nahe herbeigebracht, sie ist nicht fern und meine Rettung zögert nicht. Ich schenke in Zion Rettung für Israel, meine Kostbarkeit.“ Beim Willen Gottes geht es hier deutlich um ganz Israel, letztlich um die ganze Welt – und nicht um das Tun oder die Lebenshaltung einzelner Menschen.

Und so meint „dein Wille geschehe“ nichts anderes, als die Bitten um die Heiligung des Namens und um die Basileìa: Gebeten wird um eine Welt, in der gutes Leben für alle menschenmöglich ist. Darin zeigt sich die Heiligung des Gottesnamens. Diese Welt entspricht dem Gottesreich. Sie ist Gottes Wille.

Mit dem Zusatz „wie im Himmel, so auf Erden“ wird ausgedrückt, dass die Basileìa keine jenseitige, rein himmlische Vision ist, sondern eine Wirklichkeit, die sich konkret auf der Erde realisieren soll.

Damit diese Gute Welt in unserer Welt Wirklichkeit sein kann, braucht es natürlich auch die Mitwirkung der Menschen. Dazu gehört in biblischer Perspektive selbstverständlich, das eigene Leben nach der Tora auszurichten. Es mag manchmal auch sinnvoll sein, sich im Vertrauen auf Gott einer unausweichlichen Situation zu stellen. Wichtig dabei ist aber, dass immer das grosse Ganze im Blick behalten wird: Gottes „Heilsplan“ für die Welt. Ihren eigenen Beitrag müssen die Menschen nicht erflehen, sondern schlicht und einfach tun.

Die drei Wir-Bitten: Gib, was wir zum guten Leben brauchen!

So fokussieren denn die drei Wir-Bitten auf das, was die Menschen in ihrem Alltag von der Basileìa trennt. Dabei klingen drei grosse theologische Themen an, die gleichzeitig drei Facetten von Gott einspielen:

  • Gott nährt und spendet Leben. Die Brotbitte ist eine Bitte an Gott, Leben zu ermöglichen und die Menschen mit dem zu versorgen, was sie dringend brauchen – und zwar jeden Tag von neuem.
  • Gott übt Barmherzigkeit und ermöglicht Beziehung. Die Vergebungsbitte ist eine Bitte an Gott, Beziehung zu ermöglichen und sich barmherzig zu erweisen; im Wissen darum, was der eigene Beitrag zu gelingenden Beziehungen sein muss.
  • Gott befreit in einer schuldverstrickten Welt. Die Erlösungsbitte ist die Bitte an Gott, aus Situationen von existenzieller Entscheidungsnot (= Verführung) zu befreien und durch Erlösung von allem Bösen die Basileìa herbeizuführen, in der es keine Bedrängung mehr gibt.

So fordern die drei Wir-Bitten Gott dazu auf, sich so zu erweisen, wie es in den alten Texten versprochen ist. Dann wird der Himmel auf Erden erfahrbar, dann ist die Basileìa Wirklichkeit.

Das „Vaterunser“ in Religionsunterricht und Katechese

Das Lehrmittel „Dein Reich komme!“ wählt den Zugang zum Gebet über diese Reich Gottes Thematik. Eine packende Geschichte führt die Kinder in den Alltag einer Familie im ersten Jahrhundert und zeigt so fast nebenbei die Härte des damaligen Lebens auf. Anhand von Gutenachtgeschichten, welche die Mutter erzählt, werden zudem wichtige Themen aus dem Alten Testament eingeflochten: Befreiung, Vertrauen auf Gott, Heilung und Fülle als Zeichen der Basileìa. Die Kinder in der Geschichte bringen jeweils das Erlebte mit diesen Bibelgeschichten in Verbindung – und sind so Vorbilder für heutige Kinder, indem sie aufzeigen, wie Bibeltexte Deutungshilfe sein können für das eigene Leben.

Die Alltagsgeschichte und die Bibelgeschichten liefern den heutigen Kindern das nötige Wissen, um einzelne Teile des Vaterunser-Gebets deuten und verstehen zu können. Mit den Vertiefungsvorschlägen So werden sie befähigt, das Gebet selbstständig existenziell und bibeltheologisch zu deuten.

Ein solcher Zugang wird dem Text als Bibeltext gerecht, denn er belässt ihn in seinem Kontext. Er hat ausserdem den grossen Vorteil, dass das Gebet nicht verkindlicht wird. Vielmehr können die Kinder im biblischen Kontext die theologische und existenzielle Tiefe des Gebets erahnen. Dies aber macht klar, dass das Gebet eben kein „Kinderkram“ ist, sondern ein ganzes Leben lang tragen kann.

Dr. Moni Egger, Dozentin für Bibelhebräisch an der Universität Luzern, Fachmitarbeiterin an der Fachstelle Katechese – Medien Aarau. CC BY-NC-SA 3.0 Moni Egger | reli.ch
Kompetenz: 1B-3, 1E-6, 1F-3