Fachbeiträge

Godly play – Gott im Spiel, im Religionsunterricht

Das Volk Gottes unterwegs in der Wüste, zwischen Jerusalem und Babylon © Tobias Arni

Ich sitze am Boden. Vor mir liegt ein ausgebreitetes Leintuch mit weissem Quarzsand darauf. Eine Klasse Gymnasiasten sitzt im Halbrund um den Sand herum.

Dann beginne ich: «Die Wüste ist ein gefährlicher Ort…». Mit einer Hand bewege ich den Sand sanft hin und her. Ich bin ganz in der Geschichte, deute die kommende Bedrohung der Assyrer nur mit einer Handbewegung an. Die Babylonier werden dann bei der Zerstörung von Jerusalem aber aktiv. Die Mauer und der Tempel fallen und ein Grossteil des heiligen Volkes, dargestellt durch Menschenfiguren aus unterschiedlichen Holzarten, muss sich auf den Weg machen. In der Mitte des Weges von Jerusalem nach Babylon fällt eine Kette klirrend zu Boden. Dem Volk Gottes wird bewusst: «Wir sind im Exil!»

Noch weiter geht die Geschichte, die den Titel «Das Exil und die Rückkehr» trägt. Insgesamt vielleicht 10-15 Minuten. Sie endet mit den Worten: «Nun war das Volk Gottes nicht mehr im Exil. Sie konnten heimkehren. Wisst ihr, was geschah? Nicht alle kehrten aus Babylon zurück. Sie wussten jetzt, dass Gott auch in der Fremde war, auch im Ausland.»

Dann schaue ich in die Runde und beginne mit der «Ergründungsphase», wie sich die Zeit nach der Geschichte nennt. «Mich würde wundernehmen, was die Daheimgebliebenen dachten, als die Heimkehrer kamen? Wie fühlten sich die Heimkehrer, als sie Jerusalem wieder sahen? Mich würde wundernehmen, welcher Teil der Geschichte etwas von euch erzählt?»

Auf jede Frage folgt eine Diskussion. Die Schülerinnen und Schüler ziehen Vergleiche zu ihren Übergängen in Lebenserfahrungen. Wohin führt uns der Weg nach der Matura? Wiederholt sich die biblische Geschichte mit den heutigen Flüchtlingsströmen? Einige Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, der zur Sprache kommt. «Wenn ich meine Verwandten in Italien besuche, bin ich die Schweizerin, und hier in der Schweiz die Italienerin.» Das Gespräch gewinnt an Tiefe. Viel zu schnell sind die 45 Minuten vorbei…

Was Godly play leisten kann

Das Gleichnis von der kostbaren Perle (Mt 13,45f.)
© Tobias Arni

Meine Erfahrungen mit den Geschichten von Godly play sind vielfältig. Im Kindergottesdienst, auf der Primar- und Sekundarstunde I und II habe ich die Methode eingesetzt, in der Aus- und Weiterbildung von Katechetinnen und Katecheten, wie auch in der psychiatrischen Klinik in meiner Rolle als Klinikseelsorger. Und jedes Mal staune ich, wie die Methode vermag, eine biblische Geschichte in Bezug zu setzen zur eigenen Lebensgeschichte und zum eigenen Empfinden. Dabei wird während der Geschichtsphase gar nicht viel geredet. Im Gegenteil: Das Gesagte bleibt sehr nahe beim biblischen Text, der ja auch meist sehr kurz gehalten ist. Das zur Geschichte nötige Material ist spärlich, aber aus hochwertigem Material. Nichts ist aus Plastik.

Die Bücher (Literaturliste siehe unten) bieten eine grosse Hilfe, um sich auf die Geschichte vorzubereiten. Der theologische Hintergrund wird erklärt, jede Handlung und jedes Wort, das man sagen soll, ist genau beschrieben. Man schüttelt eine Geschichte also nicht einfach aus dem Ärmel, sondern man muss sich einlesen, sie zu Hause üben und mit dem dazugehörenden Material spielen und auswendig lernen.

Auf welchem Boden Godly play wächst

Einblick in den ersten von 30 Godly play Räumen in Deutschland, Brandenburg
© Tobias Arni

2004 an der European Conference on Christian Education (ECCE) bin ich der Methode zum ersten Mal begegnet. Sie hat ihre Ursprünge in den USA und ist via England in den deutschen Sprachraum gekommen. Als ihr Gründer gilt Dr. theol. Jerome W. Berryman (1937*), ein Montessorischüler der 4. Generation. Das ganze «System» Godly play ist denn auch nicht wirklich zu verstehen ohne den freiheitlichen, religionspädagogischen Ansatz der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952). Godly play ist auch viel mehr als «nur» eine Methode biblische Geschichten zu erzählen, sondern beinhaltet eine Ankommens-, eine Phantasie-, eine Geschichten-, und eine Ergründungsphase, dann das freie Spiel und zu guter Letzt eine kurze Feier mit Essen und Trinken. Insgesamt dauert so eine Sequenz gut und gerne 1,5 bis 2 Stunden und ist darum für den Kindergottesdienst, im Bereich kirchliches Feiern, ausgelegt. Nicht nur die Phantasie der Kinder wird angeregt, sondern auch die biblische Geschichte in Bezug zur eigenen Lebensgeschichte gebracht. Auch der Raum spielt eine Rolle, hat doch eine Kirchgemeinde oder Schule im Ideal einen eigenen Godly play-Raum, in dem alle Geschichten zusammen in einer bestimmten Ordnung aufgestellt sind und in der freien Spielphase von den Kindern genutzt werden können.

Es ist aber durchaus legitim, für den Religionsunterricht nur einen Teil dieses ganzen «Systems», also die Geschichte und die daraus folgenden Fragen zu nehmen.

Mehr als 52 Geschichten (für jeden Sonntag eine) sind erarbeitet. Meiner Meinung nach eignen sich aber die sogenannten Glaubensgeschichten und vor allem auch das Erzählen bzw. das Spiel von Gleichnissen besonders gut für den Religionsunterricht am Lernort Schule.

Ein Motivationsfilm auf der Startseite des Godly play-Vereins Deutschland gibt einen guten Einblick in das Konzept und die Umsetzung von Godly play:

Ausbildung für Godly play

War es für deutschschweizer Katechetinnen und Katecheten bisher nötig in Deutschland einen zertifizierten Erzählkurs zu besuchen, wird im laufenden Jahr 2018, vom 18. -21.September im Bildungshaus Kloster Kappel zum ersten Mal ein zertifizierter Erzählkurs in der Schweiz angeboten. Diese Ausbildung ist zu empfehlen.

Godly play Material

Einige kirchliche Medienstellen haben einiges Godly play Material schon angeschafft, das ausgeliehen werden kann. Direkt bestellen kann man aber auch in Deutschland bei den Lindenwerkstätten Leipzig, einer Werkstatt mit geschützten Arbeitsplätzen.

Godly play – alleinseligmachend?

Wie jede Methode hat auch Godly play Anhängerinnen und Anhänger, die restlos davon begeistert sind und nur mit Godly play arbeiten. Ich selber bin ein Verfechter von vielen Methoden, um biblische Geschichten den Menschen näher zu bringen. Ich erlebe die Methodenvielfalt als Reichtum. Für Godly play spricht, das ist meine persönliche Erfahrung, dass es eine theologisch fundierte, durchdachte und religionspädagogisch sinnvolle Methode ist, und nicht zuletzt darum ihre Kreise zieht und immer bekannter wird.

Links

www.godlyplayfoundation.org

www.godlyplay.de

Literatur

  • BERRYMAN, Jerome: Godly Play. Einführung in Theorie und Praxis. Hg. v. Martin Steinhäuser. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2006.
  • BERRYMAN, Jerome: Godly Play. Glaubensgeschichten. Hg. v. Martin Steinhäuser. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2006.
  • BERRYMAN, Jerome: Godly Play. Weihnachtsfestkreis und Gleichnisse. Hg. v. Martin Steinhäuser. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2006.
  • BERRYMAN, Jerome: Godly Play. Osterfestkreis. Hg. v. Martin Steinhäuser. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2007.

 

Tobias Arni (1964) ist Fachstellenleiter Religionsunterricht der evangelischen Landeskirche Thurgauund unterrichtet an der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen (PMS). Er war 12 Jahre Gemeindepfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Aadorf-Aawangen, 12 Jahre Klinikseelsorger der psychiatrischen Klinik Münsterlingen und parallel dazu Geschäftsleitungsmitglied desKind und Kirche Verbandes. CC BY-NC-SA 3.0  Tobias Arni | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 12