Fachbeiträge

Fremd sein – ein roter Faden in der Bibel, Teil 1.

Juergen Jotzo / pixelio.de

Ich bin fremd. Immer wieder. Vor mir selbst. Mein Körper, wie siehst du auch aus? Warum mach ich das, obwohl ich ganz genau weiss, es ist falsch? Das soll ich sein, die das gesagt hat

Ich bin fremd. Immer wieder. Inmitten von anderen. Die sehen anders aus als ich. Die kenne ich nicht. Wie soll ich mich verhalten? Die sind mir fremd.

Die Bibel kennt beide Seiten des Fremdseins. Und wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema von den allerersten bis zu den allerletzten ihrer Texte. Ein Häkelversuch in drei Teilen. In diesem ersten Beitrag gerät das Buch Ruth und seine Akteure in den Blick von Dr. Moni Egger. Zwei weitere Teile widmen sich den Narrationen der Fremdheit in den Büchern des Alten und Neuen Testaments.

Not als Ruf in die Fremde

Noomi und Elimelech wohnen mit ihren beiden Buben in Bethlehem. Beth-Lechem heisst das Dorf, Brot-Haus. Aber dieser Name passt derzeit leider gar nicht. Brot gibt es keines mehr in Brothausen. Die Felder sind verdorrt, die Speisekammern leer, die Vorräte aufgebraucht. Also machen sich Noomi und Elimelech auf die Suche nach Lebensmöglichkeit. Sie nehmen ihre Buben und wandern in die Fremde nach Moab. Dort sind die Felder fruchtbar. Dort gibt es Grundlage für einen Neuanfang.

So erzählen es die ersten beiden Verse im Buch Ruth. Die Geschichte verrät nicht, was der Grund der Hungersnot war (Trockenheit, Krieg, Misswirtschaft, Steuerdruck?). Und sie erzählt uns nichts von den Gefühlen der Hauptfiguren. Kein Wort über das Abwägen „wollen wir wirklich alles aufgeben?“ – „Aber ist es nicht besser, in der Fremde zu leben als in der Heimat zu verhungern?“, keine Silbe über den Abschied, über die Mühsal der Reise, über das Leben in einem fremden Land.

Kaum angekommen aber stirbt Elimelech. Und nur wenige Jahre später sterben auch die beiden inzwischen erwachsenen Söhne. Was soll Noomi noch hier, ganz allein in der Fremde? Man sagt, in Bethlehem sei die Hungerzeit vorbei. Da macht sich Noomi auf den Heimweg.

Der einen Fremde ist der anderen Heimat

Ganz allein hält Noomi es in Moab nicht aus. Vielleicht ist es doch einfacher, arm zu sein in der Heimat, als gänzlich vereinsamt in der Fremde? Der Bibeltext bestätigt Noomis Wahrnehmung aber nicht. Sie ist gar nicht so allein, wie sie sich fühlt. Ihre Schwiegertochter Ruth begleitet sie. Noomis Heimkehr ist gleichzeitig Ruths Neuanfang im nun für sie fremden Land. Und wieder verschweigt die Bibel mehr, als dass sie erzählt. Wie es den beiden Frauen geht auf ihrem Weg, das muss ich mir selbst ausmalen. Oder: Das darf ich mir selbst ausmalen. Ich fülle meine eigenen Erfahrungen in die Textlücken. Ich flechte meine eigenen Gefühle von Fremdsein und Einsamkeit in Noomis Geschichte; mein eigenes Bemühen um Anpassung, meinen Wunsch dazuzugehören, verbinde ich mit Ruth. Die Bildstrecke dazu wird aus den aktuellen Nachrichten fast automatisch zusammengestellt.

In den beiden folgenden Wochen werden zwei weitere Beiträge zur Thematik folgen, die zunächst einen Blick in das Alte Testament werfen und in einem weiteren Schritt die neutestamentlichen Passagen betrachten.

 

Moni Egger leitet die Fachstelle Katechese – Medien in Aarau, ist Dozentin für Bibelhebräisch am Religionspädagogischen Institut (RPI)an der Universität Luzernsowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift FAMA. CC BY-NC-SA 3.0  Moni Egger | reli.ch
Kompetenz: 1A-4, 1B-1, 1C-2, 2A-2, 2B-1, 2B-3, 2C-1, 3B-2, 4B-5, 4C-2, 4C-3