Warum Glaube unter die Haut geht und Spiritualität nicht am Körper vorbeikommt
Was passiert in deinem Körper, wenn du betest? Wird dein Atem ruhiger? Richtest du dich auf? Faltest du deine Hände? Nimmst du deinen Körper beim Gebet bewusst wahr – oder versuchst du sogar ihn auszublenden?
Wir lesen Texte, hören Predigten, diskutieren Theologien und reflektieren das eigene Glaubensverständnis. Vieles davon geschieht scheinbar ausschließlich „im Kopf“. Aber wir glauben, hoffen, zweifeln und beten nicht körperlos. Wir tun dies als leibliche Wesen.
Der Leib als Ausdruck menschlicher Existenz – Leibphänomenologische Einsichten
Der französische Phänomenologie Maurice Merleau-Ponty bestimmte in seiner Anthropologie den Menschen wesentlich über seine Leiblichkeit. Dabei betrachtete er den Leib nicht als endliche, geistlose Materie, die durch ein Bewusstsein reguliert wird, sondern als Ausdruck der gesamten menschlichen Existenz. Die menschliche Leiblichkeit ist der unhintergehbare Ausgangspunkt jeder menschlichen Äußerung, der Wahrnehmung sowie der Bewegung. Bei Merleau-Ponty ist der Leib das ursprüngliche Erkenntnismedium des menschlichen Zur-Welt-Seins. Diese leibphänomenologische Ansicht widersetzt sich einem materialistischen Verständnis von Körper.
Wir sind Körper! – Die Embodimenttheorie
Ende des 20. Jahrhunderts entsteht in den Kognitionswissenschaften ein interdisziplinärer Diskurs, der die These einer sogenannten verkörperten Kognition (embodied cognition) diskutiert. Diese These besagt, „dass ohne Bezug auf den Körper psychische und kognitive Konstrukte unzureichend spezifiziert sind.“ (Tschacher/Storch 163) Das bedeutet, dass sich Geist und Körper wechselseitig beeinflussen und zugleich durch die Umwelt mitbestimmt werden. Mit der Embodimenttheorie wird nun wissenschaftlich erforscht, was wir alltäglich erleben: Wie wirken sich unsere Gedanken und Gefühle körperlich aus und wie beeinflusst unser Körper, wie wir eine Situation wahrnehmen und wie wir über sie denken? Dieser noch junge und zugleich recht diverse Diskurs bezieht sich auf psychologische, neurowissenschaftliche und auch leibphänomenologische Einsichten. Mit diesen Erkenntnissen verändert die Embodimenttheorie die verobjektivierende Konnotation des Körperbegriffs. Körperlichkeit wird als konstitutive Dimension menschlichen Erlebens, Denkens und Handelns einsichtig und nähert sich dem phänomenologischen Leibbegriff an. Wir haben nicht nur einen Körper, sondern wir sind verkörpert. Wir sind leibliche Wesen. Unser Sein ist ein verkörpertes Sein oder – in phänomenologischer Tradition gesprochen – ein leibliches Zur-Welt-Sein. Es ist kein Entweder-Oder von Kopf und Körper oder Logik und Intuition, sondern ein äußerst komplexes Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele. Das eine funktioniert ohne das andere nicht und kann dieses auch nicht ersetzen.
Glaube geht unter die Haut
Unter diesen Prämissen wird deutlich, warum auch Spiritualität leiblich ist und verkörpert werden will. Der Körper ist dabei nicht bloßer Ausdruck einer abstrakten geistigen Spiritualität. Ganz im Gegenteil: Wir denken, fühlen, handeln, interagieren, staunen, erfahren Sinn und Transzendenz als leibliche Wesen. Damit ist der Körper wesentlich an diesen Prozessen beteiligt. Das zeigt sich auch in vielen sprachlichen Ausdrücken: Ein Text bewegt uns. Ein Musikstück geht uns unter die Haut. Ein Bild berührt uns. Ein Sakralraum verschlägt uns den Atem. Ein Gebet gibt uns Halt. Der Leib ist Ausgangspunkt unserer Wahrnehmung und Ort unserer Erfahrungen. Gerade religiöse Erfahrungen und Erkenntnisse werden oftmals zuerst körperlich wahrgenommen, bevor in einem zweiten Schritt die sprachliche Ebene hinzukommt. Dabei übersetzt die Sprache nicht einfach das, was der Körper bereits „gesagt“ hat, sondern fügt eine andere Dimension hinzu. Das Wissen des Körpers und das Wissen der Sprache sind komplementär zu verstehen. Manchmal reichen Worte nicht aus, um das, was sich zeigt, was gefühlt und erlebt wird, auszudrücken oder mitzuteilen. Vielleicht beginnt eine verkörperte, gelebte Spiritualität deshalb mit etwas ganz Einfachem: wahrzunehmen, was bereits da ist und dem zu lauschen, was unter die Haut geht.
Die folgenden Fragen können dazu anregen:
Was bewegt dich gerade?
Wo spürst du Ruhe – und wo Unruhe?
Was richtet dich auf?
Literatur
- Merleau-Ponty, Maurice, Phänomenologie der Wahrnehmung. Übers. von R. Boehm (Phänomenologisch-psychologische Forschungen). Berlin 1974.
- Storch, Maja/Cantieni, Benita/Hüther, Gerald/ Tschacher, Wolfgang: Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Bern 2022, 4. Aufl.
- Tschacher, Wolfgang/Storch, Maja: Embodiment und Körperpsychotherapie. In: Künzler, Alfred/Böttcher, Claudia/Hartmann, Romana/Nussbaum, Marie-Helen (Hg.): Körperzentrierte Psychotherapie im Dialog. Grundlagen, Anwendungen, Integration Der IKP-Ansatz von Yvonne Maurer. Heidelberg 2010.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie Verkörperter Glaube. Weitere Teile:
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