Fachbeiträge

Das Hausgebet im Advent als «Einstiegsdroge»

Ein Wohnzimmer bei Freunden am 1. Advent im letzten Jahr: Das halbe Wohnzimmer ist ausgeräumt, um gut zwei Dutzend Gäste aufzunehmen. Etwa zehn Adventskränze liegen auf einem langen Tisch. Die roten Hefte mit Adventsliedern – seit etwa fünfzehn Jahren in Gebrauch – liegen bereit. Wir sind eingeladen zur ersten Hauskirche im Advent. Franz segnet die Adventskränze. Während eines der Kinder die erste Kerze entzündet, singen wir «Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet, die erste Kerze brennt.» Wir beten, hören eine kurze Schriftlesung, einen Impuls oder eine Meditation, singen immer wieder, treten mit unseren Fürbitten für andere ein, sprechen gemeinsam das Vaterunser und empfangen einen Segen. Die einen singen dann weiter Adventslieder, andere versorgen uns mit Punsch und Guetzlis, servieren eine feine Suppe, dazu Gespräche und später nochmal Adventslieder zum Wünschen. Und am 2. Advent laden andere ein, am 3. und 4. Advent wechselt es noch einmal.

Nein, das ist kein fiktiver Einstieg in einen Artikel, keine Szene aus einer längst vergangenen Zeit. Seit mehr als zehn Jahren erlebe ich diese Hauskirche im Advent. Immer noch erscheint es mir als etwas Besonderes, dass Freunde – Familien, Paare, Einzelne – auf einfache Weise zusammen singen, beten und feiern. Würde ich diese Erfahrung nicht ganz vielen wünschen und wäre ich nicht als Theologin davon überzeugt, dass hier Potential für die Zukunft liegt – und das Erleben von digitaler Hauskirche in der Zeit des Lockdowns hat das noch einmal bestärkt –, ich würde diesen Beitrag nicht schreiben.

Hausgebet in der Corona-Zeit

In der Phase des Lockdowns entstanden in einer Kooperation von österreichischen Liturgiereferenten inklusive Südtirol und dem Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz sehr schnell Vorlagen für Hausgottesdienste an Sonn- und Feiertagen. Ein Netzwerk von Beterinnen und Betern in den Häusern trat ins Blickfeld. Zeitweise gab es gleich drei Vorlagen: für Familien, kleinere Gemeinschaften und Einzelpersonen. Auch deutsche Bistümer boten Material für Hausgebete an.

Berichte wie die im Zürcher Pfarrblatt Forum zeigen, dass Menschen mit einem einfachen, kleinen Gottesdienst in ihrem Zuhause neue Erfahrungen gesammelt haben: «Wir können nicht einfach konsumieren. … Wir bemühten uns, nicht nur die Texte zu lesen, sondern sie mit den Kindern zu erleben. Am Gründonnerstag haben wir unsere Familien aus Wien, Zürich und Madrid zum Mitmachen via Skype eingeladen.» (Florian und Sabina Hanslik) – «Wir erlebten die Hausgottesdienste als interessant, feierlich, stärkend, aber auch noch als anstrengend.» (Kathrin Giger) – «Das Schöne war, dass alle kreativ wurden und sich mitverantwortlich fühlten. Wir haben mehr als sonst über das gesprochen, was Jesus erlebt hat und was das für uns bedeutet.» (Christine Bachmann)

Mit dem Wiederhochfahren der Gottesdienste reduzierte sich schnell das online zugängliche Material, obwohl bis heute nicht alle Feiernden in der gewohnten (Eucharistie-)Gemeinschaft mitfeiern (können). Die länderübergreifende Kooperation arbeitet weiter und beschenkt damit nicht nur hierzulande BeterInnen, sie wirkt bis zur deutschsprachigen Gemeinde in Thailand.

Das Potential des Hausgebets

Die Hauskirche im Advent knüpft an die besondere Atmosphäre des Advents an, verbindet mit Gebet und Guetzli Gottesdienst und Leben. Mit Kindern macht es dreimal mehr Freude. Ohne aktive Teilnahme geht es gar nicht. Sicher ist: Hausgottesdienste sind keine Alternative zur Eucharistiefeier oder anderen Gottesdiensten einer Pfarrei. Sicher sind sie anspruchsvoll oder wie es Detlef Hecking vom Schweizerischen Katholischen Bibelwerk formulierte: «Homeoffice geht einfacher als Homechurch.»

Hauskirche erfordert eine Einübung, es braucht den Mut zu etwas Ungewohntem, denn persönlich miteinander zu beten, das Wort der Schrift zu hören und womöglich auch noch darüber ins Gespräch zu kommen, ist für KatholikInnen eher neu und fremd. Für Menschen, die sich darauf einlassen, kann ein Hausgebet zum Lern- und Erfahrungsort werden: eine kleine häusliche Gebetsschule und angeregte Schriftgespräche, die nachwirken – gerade durch unbeantwortete Fragen –, und für gemeinsam gelebten Glauben.

Hauskirchengottesdienste können den Zugang zum viel anspruchsvolleren Gemeindegottesdienste erleichtern. Sie ersetzen diese nicht, vielmehr werden hier «Menschen … in ihren Alltagswelten zu Feiernden», so die Churer Theologin Eva-Maria Faber. Das ist ein Wert in sich. Familien können zwischen den pfarreilichen Feiern für Kinder an Wochentagen oder sonntags miteinander feiern. Angesichts der demografischen Entwicklung und dem schon heute hohen Lebensalter von vielen, die die Gottesdienste der Pfarrei mitfeiern, darf man fragen, ob das Hausgebet nicht auch für diese Generation wertvoll ist und vielleicht sogar eine Form für eine spätere Lebensphase darstellt. – Das Hausgebet im Advent könnte zur «Einstiegsdroge» werden – für den normalen Gemeindegottesdienst, für eine Fortsetzung als häusliche Gemeinschaft.

Hausgebet im Advent

Das Liturgische Institut stellt ab Mitte November Vorlagen für die vier Adventssonntage online zur Verfügung. Weitere Materialien sind verlinkt. Die Vorlagen können ebenso an Wochentagen verwendet werden z.B. im Anschluss an das Backen von Guetzlis. Auch wenn es schön ist, alle vier Adventssonntage zusammen zu feiern, kann man sich auf einen beschränken. Ausprobieren ist das Gebot der Stunde!

Link zu den Ideen

Wer kann einen Adventskranz segnen?

Einige Praxismaterialien bieten für den 1. Advent eine Segnung des Adventskranzes. Doch wer kann oder darf ihn segnen? Im Benediktionale, dem Buch mit den Segensfeiern der Kirche, heisst es dazu: «Auf Grund des allgemeinen oder besonderen Priestertums oder eines besonderen Auftrags kann jeder Getaufte und Gefirmte segnen. Je mehr aber eine Segnung auf die Kirche als solche und ihre sakramentale Mitte bezogen ist, desto mehr ist sie den Trägern eines Dienstamtes (Bischof, Priester, Diakon) zugeordnet. … Eltern segnen in der Familie.» (Pastorale Einführung Nr. 18) Beim Hausgebet am 1. Advent kann also jemand aus dem Kreis der zuhause miteinander Feiernden die Segnung des Adventskranzes übernehmen.

Hosting – oder Prisca und Aquila mit ihrer Hausgemeinde

Hauskirche ist nichts Neues. Ohne gastfreundliche Menschen hätte sich das Christentum nicht ausgebreitet. Das Ehepaar Prisca und Aquila z.B. wird gleich mehrfach im Neues Testament genannt. Ursprünglich Juden dürften sie zu den ersten Christen in Rom gehört haben. Aufgrund eines Edikts wurden sie vertrieben und liessen sich in Korinth nieder. Dort nahmen sie Paulus als Gast auf. Um Paulus und die beiden bildet sich eine Hauskirche. Es ist nicht vorstellbar, dass in dieser Hauskirche nicht auch gebetet, gesungen, die Schrift gelesen und gefeiert wurde. Später sind alle drei in Ephesus, wo sich wieder eine Hauskirche bildet. Von hier schreibt Paulus den ersten Korintherbrief, an dessen Ende es heisst: «Aquila und Prisca und ihre Hausgemeinde senden euch viele Grüße im Herrn.» (1 Kor 16,19) Paulus schätzt die beiden sehr (vgl. Röm 16,4). An drei Stellen wird Prisca vor Aquila genannt (Apg 18,18.26; Röm 16,3; 2 Tim 4,19), was die antiken Konventionen durchbricht und ihre Bedeutung zeigt. «Sie entfaltete ihre weittragende Wirksamkeit von der Basis ihrer Hausgemeinde aus.» (Hans-Josef Klauck)