Fachbeiträge

«BIBEL erzählt!» – Freies Erzählen als Methode im kompetenzorientierten Unterricht

Der Lehrplan LeRUKa will die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen fördern. Kompetenzorientierung heisst unter anderem, Kinder und Jugendliche zu befähigen, sich eigenständig mit biblischen Texten auseinander zu setzen. Eine besonders geeignete Methode dafür ist das Erzählen. Von den verschiedenen Erzählmethoden wiederum ist es das freie Erzählen, das am einfachsten die tiefen Ebenen einer Geschichte und die tiefen Ebenen der Zuhörenden erreicht.

Warum erzählen?

Geschichten haben gegenüber Erklärungen viele Vorteile:

  • Sie sind unterhaltsam und spannend.
  • Sie ermöglichen die Identifikation mit den Figuren und damit das „Miterleben“ des Geschehens.
  • Sie bleiben besser im Gedächtnis als reine Sachinformationen.
  • Sie übermitteln Wertvorstellungen ohne Zeigefinger.
  • Sie lassen sich mit vielfältigen Methoden lustvoll vertiefen.

Besonders wichtig ist das Erzählen als Methode in der Bibeldidaktik, denn die Bibel ist voller Geschichten. Und Geschichten wollen erzählt werden.

Warum frei erzählen?

Neben Lesen und Vorlesen gibt es ganz unterschiedliche Erzählmethoden. So wird im Godly Play mit einfachen Figuren erzählt oder beim Kamishibai mit Bildern; Handpuppen, Bilderbücher und Erzählfiguren können das Erzählen unterstützen. Das freie Erzählen hingegen kommt ganz ohne Hilfsmittel aus oder reduziert diese auf ein Minimum. Denn das freie Erzählen legt den Fokus auf die je eigenen inneren Bilder. Ziel dabei ist, dass jedes Kind seine eigenen Bilder zur Geschichte ’sieht‘. Im besten Fall wird es so sehr in die Geschichte hineingenommen, dass die erzählte fremde Welt eine Zeit lang zur eigenen Welt wird. Dadurch entsteht ganz ohne weiteres Zutun eine Korrelation. Das Anliegen des LeRUKa, Lernaufgaben jeweils in der konkreten Lebenswelt zu verorten, ist beim freien Erzählen per se schon erfüllt.

Wie frei erzählen?

Ziel des freien Erzählens ist, dass die Zuhörenden ihre eigenen Bilder zur Geschichte entwickeln, dass sie eine Art Film im Kopf sehen. Dies kann durch eine gezielte Erzähltechnik unterstützt werden. Das A und O ist dabei die sehr gute Vorbereitung der Erzählerin oder des Erzählers. Je klarer ich beim Erzählen meine eigenen Bilder sehe, desto leichter fällt es den Zuhörenden, sich eigene Bilder zu machen. Je mehr ich als Erzählerin in der Geschichte drin bin, desto leichter kann ich die Zuhörenden in die Welt der Geschichte mitnehmen.

Innere Bilder werden unterstützt durch:

  • Freies Erzählen im eigenen Dialekt.
  • Grosse innere Beteiligung der Erzählerin oder des Erzählers.
  • Augenkontakt mit dem Publikum.
  • Zur Erzählung passend modulierende Stimme.
  • Pausen, bei denen sich Bilder entfalten können.
  • Erzählen ohne Unterbrechung (auch nicht für Fragen oder Erklärungen).
  • In ein Ritual eingebettete Erzählsituation mit einem Moment der Stille am Ende.

Welche Geschichten frei erzählen?

Als Erzählvorlage können biblische Geschichten aus Kinderbibeln hilfreich sein. Am eindrücklichsten aber wird das Erzählerlebnis, wenn eine Geschichte selbst aufgebaut wurde. Denn dies verlangt eine vertiefte sachliche, inhaltliche, theologische und spirituelle Auseinandersetzung mit dem bearbeiteten Bibeltext. Mit dieser Vorbereitung wird es leichter, ganz in die Geschichte einzusteigen und sie so von innen heraus erzählen zu können.

 

Freies Erzählen lernen

Erzählen ist eine Kunst. Das heisst, es kann gelernt werden. Im Moment ist ein neues Wahlmodul M37 „Bibel frei erzählen“ bei formodula in Arbeit, das in 80 Lernstunden einen fundierten Einstieg in die biblische Erzählkunst bietet. Ein Pilotkurs startet im Januar 2019 in Brugg. Daneben gibt es auch kürzere Weiterbildungs-Angebote über die kantonalen katechetischen Weiterbildungen (Kontakt per Mail) und den «BIBEL erzählt!»-Grundkurs der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks (Kontakt per Mail).

 

Moni Egger leitet die Fachstelle Katechese – Medien in Aarau, ist Dozentin für Bibelhebräisch am Religionspädagogischen Institut (RPI) an der Universität Luzern sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift FAMA. CC BY-NC-SA 3.0  Moni Egger | reli.ch
Kompetenz: 1B-1, 1C-2, 1C-3, 2B-3
Leitsatz 12