Prophet Elias im Christentum
Elias ist ein zerrissener Mensch. Er hadert mit G’tt. Wer war der Prophet Elias, der bis heute Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen fasziniert? Aus dem Volke Israel stammend, nimmt er im Judentum die grösste Bedeutung ein. Allerdings spielt Elias auch im Christentum und im Islam eine wichtige Rolle, der in diesem Beitrag nachgegangen wird.
Sein Name ist Programm
«Mein G’tt ist JHWH» – mit diesem einzigen Satz könnte man den Propheten Elias passend beschreiben. Ausserdem entspricht der Satz, der korrekten Übersetzung seines hebräischen Namens Eliyahu (אֵלִיָּהוּ). Dieser Name ist das Programm des biblischen Propheten. Um ihn zu verstehen, müssen wir uns in das Nordreich Israels hineindenken, wo die Erzählung im 9. Jahrhundert v. Chr. verortet wird. Als Quelle dazu dienen vorwiegend die Erzählungen aus den Büchern der Könige (1 Kön 17-19, 21; 2 Kön 1-2).
Der Prophet Elias aus christlicher Perspektive
Elias nimmt aufgrund der alttestamentlichen Prophezeiungen, insbesondere im Buch Maleachi, die Rolle des Vorboten für den Messias im Neuen Testament ein. In einer Art Transmission wird diese Rolle teils auf die Gestalt Johannes des Täufers übertragen, der nicht nur aufgrund seiner einfachen und asketischen Lebensweise in der Wüste dem Propheten Elias gleicht, sondern auch mit seinem Aufruf zur Umkehr (Mt 3,1-4). Das ähnliche Auftreten und die gleiche Mission führen bei den Synoptikern zur Identifikation von Elias mit Johannes dem Täufer. Am deutlichsten ist dies nach der Verklärungsgeschichte zu lesen, wo Jesus sagt, Johannes ist Elias (Mk 9,13, Mt 17.12-13). Im Johannesevangelium wird dies dezidiert zurückgewiesen (Joh 1,21.25). Bei der Verklärung Jesu am Tabor erscheinen Mose und Elias. Sie unterstreichen damit die Verbindung herausragender Personen im Alten Testament mit dem Neuen Testament und lassen Kontinuität entstehen. Die prophetischen Figuren Mose und Elija, die aus der himmlischen Wirklichkeit stammen, bekräftigen, dass Jesus der „Sohn Gottes“ ist, und verdeutlichen dies in der vorwegnehmenden Verwandlung Jesu. Darüber hinaus wird Elias selbst von einigen Juden im Neuen Testament als wiedergekommener Elias identifiziert (Mk 8,28; Mt 11,13f; 17,11-13). So heisst es beim Tod Jesu, als dieser schrie: «Eli, Eli, lema sabachtani?», dass sich einige Juden, die dabeistanden sagten, Jesus ruft nach Elias (Mt 27,47; Mk 15,35). Aus christlicher Sicht ist Elias eine Schlüsselfigur, die teilweise mit dem Täufer identifiziert wird, um das Kommen des Messias Jesus anzuzeigen.
Diese wenigen Beispiele des Propheten Elias mit seiner unklaren Rolle, lassen bereits erahnen, dass er in der christlichen Tradition weniger populär wurde, als er es bis heute im Judentum ist. Jedoch hat er besonders im frühen Mönchstum wegen seiner asketischen Lebensweise Bedeutung erlangt. Eine Lebensform, die es so im Judentum nie gab. Das Nasiräertum (Num 6,1-21) wäre damit nicht vergleichbar, denn ersteres ist auf eine bestimmte Frist beschränkt, in der der Nasiräer auf berauschende Getränke und dem Schneiden der Haare verzichtet, doch er zieht sich weder in die Einsamkeit zurück, noch verzichtet er auf Sexualität. Der berühmte Einsiedler Antonius (251-356 n. Chr.) wird in seiner Lebensgeschichte beschrieben, die von Bischof Athanasius von Alexandrien verfasst wurde:
Er (Antonius) dachte auch an das Wort des Propheten Elia, der sagt: «So wahr der lebt, vor dem ich heute stehe (1 Kön 18,15).» Er beachtete nämlich genau, dass Elia da er «heute» sagte, die vergangene Zeit nicht maß; vielmehr bemühte er sich täglich, als ob er stets einen neuen Anfang setzte, so zu werden, wie er von Gott erscheinen musste: rein im Herzen und bereit, seinen Willen zu gehorchen und keinem anderen, Er sagte sich aber, dass der Asket in der Lebensweise des großen Elia wie in einem Spiegel stets sein eigenes Leben genau betrachten müsse. (Vita Antonii 7)
Was den Asketen Antonius und Elia verbindet ist die Radikalität ihrer Lebensweise sich täglich neu vor Augen zu halten und kompromisslos für Gott einzutreten. Es ist Bischof Athanasius der Elia und seinen Schüler Elischa als «Mann Gottes» bezeichnen wird und damit ein Vorbild für die monastische Tradition schuf.
Dass sich aber eine monastische Gemeinschaft direkt auf Elias beruft, dafür dauerte es bis ins 12. Jahrhundert. Um 1150 schliessen sich Eremiten auf dem Berg Karmel zu einer Gemeinschaft zusammen, womit der Karmeliterorden im Heiligen Land gegründet war. Besondere Bedeutung erlangt Elia als Schlüsselfigur im Denken von Jochachim von Fiore (gest. 1202). Elias steht bei ihm sinngebend für einen endzeitlichen Orden, der gegründet werden wird und das Kommen Christi vorbereitet. Dazu deutet er die zwei Zeugen in Offb 11,3 als Mose und Elia, wobei Mose für einen noch entstehenden Predigerorden und Elia für einen Eremitenorden stehen. Als nach dem Tod von Joachim von Fiore der Dominikaner- und Franziskanerorden entstehen, erinnerte man sich an seine Prophezeiungen.
- Vgl. Böttrich, Christfried, Elia in der christlichen Überlieferung, in: Böttrich, Christfried /Ego, Beate/Eissler Friedmann, Elia und andere Propheten in Judentum, Christentum und Islam, Göttingen 2013, 123–126.
- Vgl. ebd., 127f.
- Vgl. ebd., 128.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Religionen
In allen drei Religionen wird Elias als Prophet anerkannt, der im Auftrag Gottes handelt. Sowohl im Judentum als auch im Christentum wird Elias als Kämpfer gegen den Baalskult dargestellt. Im Islam wird er erwähnt, allerdings mit weniger dramatischer Wirkung. Elias vollbringt in allen Traditionen Wunder, die seine besondere Beziehung zu Gott verdeutlichen
Zu den Unterschieden zählen, dass Elias Im Judentum die zentralste Rolle einnimmt, während er im Christentum und Islam weniger prominent ist. Im Judentum gilt er als Vorbote des Messias, was im Neuen Testament nachklingt. Die biblischen Erzählungen um Elias sind im Judentum sehr detailliert, während seine Erwähnung im Koran spärlich ist. Im Christentum wird Elias oft mit Johannes dem Täufer identifiziert, was zu einer besonderen theologischen Interpretation führt. Im Islam wird er als einer der Gesandten Allahs genannt.
Unterrichtsimpulse für Religionslehrpersonen
In der Schule kann die Auseinandersetzung mit Elias, die interreligiösen Verbindungen und Unterschiede aufzeigen. Sie bestehen nebeneinander, ohne eine andere abzuwerten. Durch das Verständnis von Elias können Schülerinnen und Schüler lernen, wie verschiedene Traditionen miteinander verknüpft sind und dennoch unterschiedliche Perspektiven auf die gleiche Figur haben. Dies fördert nicht nur das interreligiöse Verständnis, sondern auch die kritische Auseinandersetzung mit theologischen Konzepten.
Literatur
Berenbaum, Michael/Skolnik, Fred., Art. Elijah, Chair of, in: Encyclopaedia Judaica, 2nd ed., vol. 6, Detroit, MI: Macmillan Reference USA, 2007, 337-338, link.gale.com/apps/doc/CX2587505822/GVRL (Stand: 21.08.2026).
Albertz, Rainer, Elia: ein feuriger Kämpfer für Gott, Leipzig 2006.
Athanasius, Vita Antonii, hrsg. u. eingl. von Gottfried, Adolf, übers. v. Przybyla, Heinrich, Leipzig 1986.
Böttrich, Christfried/Ego, Beate/Eissler Friedmann, Elia und andere Propheten in Judentum, Christentum und Islam, Göttingen 2013.
Koran: Edition of the Qurʾān (al-Qurʾān al-karīm), Cairo 1924, Image, Unicode Text, Latin Transcription, digital edition by Michael Marx, in collaboration with Tobias J. Jocham et al. (Corpus Coranicum), in: https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/37%20 (Stand: 21.08.2026).
Öhler, Markus, Art. Elia (NT), in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im
Internet (www.wibilex.de), 2010, (Stand: 21.08.2026).
Seebaß, Horst/Oswald, Nico, Art. Elia, in: Theologische Realenzyklopädie, Online, Berlin, New York: De Gruyter, 2010, https://doi.org/10.1515/tre.09_498_3 (Stand: 21.08.2026).
Dieser Beitrag ist Teil der Serie Elias – ein Prophet im Spiegel von Judentum, Christentum und Islam. Weitere Teile:
Prophet Elias im Christentum Prophet Elias im Judentum