Ausgangslage

«Mein G’tt ist JHWH» – mit diesem einzigen Satz könnte man den Propheten Elias passend beschreiben. Ausserdem entspricht der Satz, der korrekten Übersetzung seines hebräischen Namens Eliyahu (אֵלִיָּהוּ). Dieser Name ist das Programm des biblischen Propheten. Um ihn zu verstehen, müssen wir uns in das Nordreich Israels hineindenken, wo die Erzählung im 9. Jahrhundert v. Chr. verortet wird. Als Quelle dazu dienen vorwiegend die Erzählungen aus den Büchern der Könige (1 Kön 17-19, 21; 2 Kön 1-2).

Elias im Kontext der Königsbücher

Dieser biblische Text ist grundlegend für das Verständnis des Propheten in den abrahamitischen Religionen und lässt sich wie folgt zusammenfassen: Das Königshaus unter König Ahab und Königin Isebel beginnt mit der Verehrung fremder Götter (Baalskult). Sie werden G’tt untreu, der einst sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreite. Der Aberglaube besteht konkret in der Baalisierung des Landes, wodurch Israel vom Glauben abfällt. Hier schlägt die Stunde des Propheten Elias. Er tritt unvermittelt im Text auf und steht König Ahab gegenüber. Eigenmächtig kündigt er ihm eine Dürrezeit an, die mit einer Hungersnot einhergeht, die nur er allein beenden kann, wenn das Volk bereit zur Umkehr ist. Nach dieser Ankündigung zieht er sich in sichere Entfernung zum König an den Bach Kerit zurück, östlich des Jordans und lebt von der Fürsorge G’ttes, konkret in Form eines Rabens, der im Brot und Fleisch brachte. Als der Bach versiegte und damit kein Trinkwasser mehr bot, ging er auf G’ttes Wort zur armen Witwe von Sarepta. Dort kam es nicht nur zu Speisewundern, sondern auch der tote Sohn der Witwe wird von Elias wieder zum Leben erweckt und sie nennt ihn daraufhin ehrfürchtig «Mann Gottes» (1 Kön 17,24). Doch die eigentliche Thematik oder besser gesagt Problematik der Elias-Erzählung liegt, wie gesagt, in der Baalisierung Israels. Nach drei Jahren schickte Gott Elias wieder zu König Ahab, der ihn aufgrund der Dürre als «Verderber Israels» (1 Kön 18,17) beschimpft, doch es ist das Königshaus selbst gewesen, dass das Volk ins Elend geführt hatte. Auf dem Berg Karmel kommt es zu einem ultimativen Machtkampf zwischen dem einzig übrig geblieben Propheten Israels, wie sich Elias bezeichnet und den 450 Baalspriestern. Die Erzählung hat das Potenzial für Hollywood. Durch ein spektakuläres Zeichen, bei dem Feuer vom Himmel fällt und den Opferstier auf dem Altar entzündet, zeigt sich die Macht G’ttes und Elias lässt alle Propheten des Baals ergreifen und töten (1 Kön 18). Eine heftige, dramatische Aussage, doch der Text selbst ist schlicht und schmückt das Gemetzel gar nicht aus. Es heisst lediglich «Man ergriff sie und Elija liess sie zum Bach Kischon hinabführen und dort töten» (1 Kön 18,40). Dennoch ist vielleicht dieses Töten ein Grund, warum sich Elias bald selbst den Tod wünscht. Als Königin Isebel erfuhr, dass Elias die Baalspriester töten ließ, wollte sie nicht nur den Kopf des Propheten. Der in die Wüste geflohene Elias fiel in eine tiefe Depression, obwohl er seinen Auftrag erfüllt hatte und es wieder regnete. Er beginnt zu zweifeln und wünscht sich selbst den Tod: «Nun ist es genug, G’tt. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter.» (1 Kön 19,4). Ging Elias vielleicht mit dem Töten zu weit? Aus heutiger Sicht auf jeden Fall! Er legte sich unter einen Ginsterstrauch und will nur noch schlafen. «Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss!» (1 Kön 19,5). Der einst eifrige Prophet ist erschöpft, doch G’tt will, dass er zum Gottesberg Horeb geht, und Elias tut es. Er will sich auch dort wieder zurückziehen und geht in eine Höhle. Doch auch hier soll er nicht bleiben, sondern bald G’ttes Nähe und Zuneigung erfahren, trotz allem was geschah. Der einst über seine Feinde triumphierende Prophet, der am Höhepunkt seiner Macht war, hat sich ganz klein gemacht. Er will nicht aus der Höhle. Elias verkriecht sich, ist zerbrochen und erledigt, doch er kann zumindest noch klagen: «Nun ist es genug G’tt» und G’tt spricht ihm zu: 

Komm heraus und stell dich auf den Berg vor G’tt! Da zog G’tt vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging G’tt voraus. Doch G’tt war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch G’tt war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch G’tt war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. (1 Kön 19, 11-12) 

Vom starken Propheten, der G’tt einst im Donner und Blitz, im Erdbeben und Feuer, erfahren hat, erfährt dieser ihn nun ganz anders, und zwar in einem «leisen Säuseln». Martin Buber übersetzt dies in der Bibelübersetzung, die er mit seinem Freund Franz Rosenzweig begonnen hat, mit einer «Stimme verschwebenden Schweigens». Es ist nicht mehr von Gewalt und Macht die Rede, sondern im Dialog stiller Begegnung mit dem Allmächtigen. 

Elias hat Israel zurück zu seinem G’tt geführt. Im segenspendenden Regen zeigt sich die Treue G’ttes an seinem Volk, das zu ihm zurückkehrte und leben soll. Elias hat es geschafft das Volk zur Umkehr zu bewegen und G’tt hat ihn selbst aus seiner Depression herausgerufen. Am Ende seiner Tage lässt G’tt Elias nicht alleine zurück, er lässt ihn nicht einmal sterben. Dieser entrückt ihn direkt in den Himmel. So heisst es, dass der Prophet Elias mit einem feurigen Wagen mit feurigen Pferden im Wirbelsturm zum Himmel emporfuhr (2 Kön 2,11). 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Religionen

In allen drei Religionen wird Elias als Prophet anerkannt, der im Auftrag Gottes handelt. Sowohl im Judentum als auch im Christentum wird Elias als Kämpfer gegen den Baalskult dargestellt. Im Islam wird er erwähnt, allerdings mit weniger dramatischer Wirkung. Elias vollbringt in allen Traditionen Wunder, die seine besondere Beziehung zu Gott verdeutlichen

Zu den Unterschieden zählen, dass Elias Im Judentum die zentralste Rolle einnimmt, während er im Christentum und Islam weniger prominent ist. Im Judentum gilt er als Vorbote des Messias, was im Neuen Testament nachklingt. Die biblischen Erzählungen um Elias sind im Judentum sehr detailliert, während seine Erwähnung im Koran spärlich ist. Im Christentum wird Elias oft mit Johannes dem Täufer identifiziert, was zu einer besonderen theologischen Interpretation führt. Im Islam wird er als einer der Gesandten Allahs genannt.

Unterrichtsimpulse für Religionslehrpersonen

In der Schule kann die Auseinandersetzung mit Elias, die interreligiösen Verbindungen und Unterschiede aufzeigen. Sie bestehen nebeneinander, ohne eine andere abzuwerten. Durch das Verständnis von Elias können Schülerinnen und Schüler lernen, wie verschiedene Traditionen miteinander verknüpft sind und dennoch unterschiedliche Perspektiven auf die gleiche Figur haben. Dies fördert nicht nur das interreligiöse Verständnis, sondern auch die kritische Auseinandersetzung mit theologischen Konzepten. 

 

Literatur

Berenbaum, Michael/Skolnik, Fred., Art. Elijah, Chair of, in: Encyclopaedia Judaica, 2nd ed., vol. 6, Detroit, MI: Macmillan Reference USA, 2007, 337-338, link.gale.com/apps/doc/CX2587505822/GVRL (Stand: 21.08.2026). 

Albertz, Rainer, Elia: ein feuriger Kämpfer für Gott, Leipzig 2006.

Athanasius, Vita Antonii, hrsg. u. eingl. von Gottfried, Adolf, übers. v. Przybyla, Heinrich, Leipzig 1986.

Böttrich, Christfried/Ego, Beate/Eissler Friedmann, Elia und andere Propheten in Judentum, Christentum und Islam, Göttingen 2013.

Koran: Edition of the Qurʾān (al-Qurʾān al-karīm), Cairo 1924, Image, Unicode Text, Latin Transcription, digital edition by Michael Marx, in collaboration with Tobias J. Jocham et al. (Corpus Coranicum), in: https://corpuscoranicum.de/de/verse-navigator/sura/37%20 (Stand: 21.08.2026). 

Öhler, Markus, Art. Elia (NT), in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im

Internet (www.wibilex.de), 2010, (Stand: 21.08.2026).

Seebaß, Horst/Oswald, Nico, Art. Elia, in: Theologische Realenzyklopädie, Online, Berlin, New York: De Gruyter, 2010, https://doi.org/10.1515/tre.09_498_3 (Stand: 21.08.2026).