Wir sind Gottes geliebte Kinder! Angenommen sein von Gott als Grundlage für Vers
Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie, Kinder brauchen Urvertrauen, um als Persönlichkeit gesund zu wachsen und sich angenommen zu fühlen. Was für die Beziehung zu Eltern und Bezugspersonen gilt, das gilt auch für die Beziehung zu Gott, sie kann uns stärken und resilient machen. Gottes geliebtes Kind zu sein, befreit, gibt Selbstvertrauen und macht Mut zur Authentizität in Versöhnungsprozessen. Katechese und Religionsunterricht begleiten Kinder und junge Menschen beim Aufbau dieses Urvertrauens in Gott, das kirchliche Umfeld schafft Raum und Rituale für eine Versöhnungskultur, die den Menschen mit seiner Würde in den Mittelpunkt stellt.
Gedanken von Barbara Bartl zum «Weiterbildungssnack» vom 7. Februar 2023
Du bist so wunderbar gemacht, – und dann …
Jeder Mensch ist ein Wunder. Wenn ein Kind zur Welt kommt, erkennen wir das sofort. Von den Eltern erbt das Kind Dinge wie Nase und Charaktereigenschaften. Wir begegnen Kindern mit Liebe, das fördert ihr Urvertrauen. Doch bald wachsen mit dem Kind Erwartungen, verschiedene Interessen treffen aufeinander. Konflikte und Verletzungen sind vorprogrammiert. Der Mensch, das Kind, wird schuldig und versöhnungsbedürftig.
Kein Mensch bleibt frei von der Erfahrung, schuldig zu werden. Pointierter: Menschliche Entwicklung ist nicht möglich ohne Schulderfahrung.
Helga Kohler-Spiegel 2012
Welche Rolle hat Gott in diesem Prozess? Wir «erben» von ihm Ebenbildlichkeit, Verantwortung für unsere Schöpfung. Nähe und Verbundenheit. Auch hier gibt es Erwartungen, die uns Menschen fordern, die Bibel ist voller Geschichten dazu. Wir finden aber auch Gottes Zusage, seine geliebten Kinder zu sein. Diese Gotteskindschaft ist auch ein Geschenk der Versöhnung.
Gott musste lernen, wir Menschen sind nicht perfekt, sondern menschlich – und das ist gut so.
In unserer Gesellschaft hat frei von Schuld zu sein, häufig damit zu tun, schuldenfrei zu sein. Versöhnung geht dann als Abrechnungsprozess mit Strafe hervor – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Am Schluss stehen meistens Verlierer:innen auf beiden Seiten. Was macht Gott? Er erkennt das Dilemma. Er deeskaliert und geht auf uns zu. Sein Bund mit uns Menschen bildet eine Brücke der Versöhnung, das Fundament ist Gottes Liebe. Das erstaunt uns Menschen bis heute und ist entwicklungspsychologisch ein Befreiungsschlag. Gott schenkt uns die Freiheit, Fehler machen zu dürfen und bewahrt dabei den Menschen ihre Würde – auch als Schuldige. Gottes vorbehaltloses Ja ist Grundlage dafür, dass wir ja zu uns sagen können. Hier wirkt Gott als Grund für ein versöhntes Leben und ist Grundlage für die psychische Gesundheit.
Biblische Versöhnungsgeschichten geben Hoffnung und Geborgenheit.
In der Religionspädagogik sind wir herausgefordert, dieses liebevolle Angenommensein durch Gott erfahrbar zu machen. Jesu Botschaft, Gottes geliebte Kinder zu sein, zeichnet ein positives Menschenbild, ist aber nicht als Ruhekissen zu verstehen. Biblische Versöhnungsgeschichten bestärken darin, gut und ethisch zu handeln. Kinder lernen am Beispiel Jesus was es heisst, solidarisch zu sein und so Versöhnung zu ermöglichen.
Gott entlastet, er reicht immer als erster die Hand zur Versöhnung. Der Barmherzige verzeiht auch ohne Bitte, macht Hoffnung, den Weg zu ihm zu suchen, besonders wenn die Worte fehlen. Kinder, die sich erproben, brauchen solche Optionen auf einen Neuanfang. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf als Bild für das Angenommensein des Menschen durch Gott wird für Kinder besonders eindrücklich als Bild für Geborgenheit bei Gott erfahren. Solche Geborgenheit schafft tiefes Vertrauen und Selbstvertrauen (vgl. R. Schindler 2006).
Von der Theologie in die Praxis – mit Kindern an einer christlichen Versöhnungskultur arbeiten.
Gottesbeziehung beginnt für Kinder beim Vorbild. Handlungsorientierte Zugänge füllen christliche Vorstellungen mit Sinn. Der Satz «Ich habe dich lieb» ist mindestens so wichtig wie der Satz «Es gibt einen guten Gott» (R. Schindler, 2006), so kann Glauben wachsen. Einen versöhnlichen Gott erfahren Kinder durch Menschen, Orte und Rituale. RU und Katechese werden für Kinder zum behüteten «Experimentierfeld» und zur Lebensschule, wo sie begleitet an ihrer Fähigkeit zur Versöhnung arbeiten können. Das Einüben von Versöhnungsritualen kann im Alltag zu einem versöhnlichen Umgang mit den eigenen Fehlern und mit den Fehlern anderer beitragen.
«Vergebung ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebensstil.»
Martin Luther King
Schuld neu besetzen: Wer zu seiner Schuld steht, steht zu sich – so wie Gott.
Unsere Schuld ist bei Gott gut aufgehoben, das befreit und ist heilsam. Es ermöglicht Kindern Versöhnung mit sich selbst (vgl. M. Jacobs, 1999). Die Heilwirkung ist performativ, Gott wird so zum «Sicherheitsnetz» unseres Lebens. Kinder können selbstsicher und offen mit Schuld und Fehlern umgehen und entwickeln eine positive Fehlerkultur.
Eine wohlwollende Haltung trägt zur Versöhnungsbereitschaft bei. Sie hilft uns, das Gute zu sehen, in mir und im Gegenüber. In RU und Katechese umgesetzt, kann diese Haltung ein Kontrapunkt zum kompetitiven Alltag von Kindern sein, deren Persönlichkeitsentwicklung unterstützen.
Die kirchliche Gemeinschaft als Ort der Versöhnung (nicht nur) für Kinder stärken.
Die Kirche bietet im Gottesdienst sowie mit Buss- und Versöhnungsfeiern die Möglichkeit zur Versöhnung.
Kinder werden auf dem Versöhnungsweg mit den Ritualen des Busssakramentes vertraut gemacht und lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Die Einzelbeichte kann – adressatengerecht gestaltet – therapeutisch und spirituell befreien.
Versöhnung kann gelingen, wenn Kindern mit einer Haltung der liebenden Annahme und nicht moralisierend begegnet wird. Schwierig ist, wenn das Busssakrament in der Pfarrei zum «Kindersakrament» wird und seinen Sitz in der Gemeinde- und Familienkatechese verloren hat.
Das macht Versöhnung in der kirchlichen Gemeinschaft für Kinder wenig plausibel und nimmt dem Busssakrament seinen ekklesialen Charakter, den das 2. Vatikanische Konzil wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt haben möchte.
Fest steht: Vergeben und verzeihen können wir als innerseelischen Prozess alleine, es braucht nicht notwendigerweise ein Gegenüber. Zur Versöhnung braucht es auf jeden Fall zwei Beteiligte, manchmal mehr. Gottes Zusage an seine geliebten Kinder ist, dass er sie bei diesem Prozess nie allein lässt, Versöhnung ist also immer möglich. Aus dieser Gewissheit können Kinder Hoffnung schöpfen und Versöhnungsprozesse voller Zuversicht gestalten lernen.
Literatur:
- Arnold, Markus et al. Versöhnungskultur – Busswege und Versöhnungsfeiern in der Gemeinde, Kontext Katechese, Bd. 3 © 2020 by Rex Verlag Luzern und den Herausgebern
- Regine Schindler: Zur Hoffnung erziehen – Gott im Kinderalltag, © 1999 Verlag Ernst Kaufmann GmbH, Lahr; © Theologischer Verlag Zürich, © 1999, 3. Auflage 2006. ISBN 9783780624925
- «Schuldig werden – und dann?», Katechetische Blätter: Zeitschrift für Religionsunterricht, Gemeindekatechese, Kirchliche Jugendarbeit 1/12. ISSN 0342-5517
- Anselm Grün: Vergib’ dir selbst © 2020 Vier Türme Verlag. ISBN 9783736503038 Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen
Praxistipp:
Medienpakte zum Themenkreis bei Relimedia Zürich online erhältlich unter: https://www.relimedia.ch/themensammlung/versoehnung/