Während am ersten Halbtag der Weiterbildung im März 2022 vor allem die Theorie vermittelt und diskutiert wurde, lernten die Kursteilnehmenden beim Anlass im November anhand von Beispielen Instrumente für eine gelingende Zusammenarbeit kennen. Diese wurden auch auf eigens erlebte Situationen bezogen.

Hier lesen Sie eine Auswahl der wichtigsten Themeninhalte, die sich im Gespräch zwischen Referentin und Kursteilnehmenden herauskristallisiert haben:

Fernanda Vitello (FV): Sonja Müller, in unserem Titel steht der Begriff «integrative Settings». Was ist darunter genau zu verstehen? Und was ist der Unterschied zu «inklusiven Settings»?

Sonja Müller (SM): Das «inklusive Setting» geht von einer anderen Perspektive aus als das «integrative Setting». Eine inklusive Schule empfängt alle Kinder ihres Einzugsgebietes, egal mit welchem Förderbedarf. Sowohl der Unterricht im Speziellen als auch die Organisation im Allgemeinen wird an die Schülerinnen und Schüler angepasst. Durch genügend Mittel und eine Reihe von Kompetenzen der Unterrichtenden soll jedes einzelne Kind optimal gefördert werden. Momentan ist das integrative Setting in der Schule häufiger anzutreffen. Beim integrativen Setting wird ein Kind mit besonderen Bedürfnissen in der Volksschule beschult und erhält je nach Bedarf eine gewisse Anzahl Lektionen Unterstützung durch eine Heilpädagogin oder einen Heilpädagogen. Ein Kind mit besonderem Förderbedarf wird dadurch in ein bestehendes System «eingefügt» und passt sich der Schule an.

Bilder: Helene Geissbühler, 2022

Helene Geissbühler (HG): Ist die Integration also ein erster Schritt zur Inklusion?

SM: Auf jeden Fall. Gelingt das integrative Setting, wird die Integration und die Möglichkeit zur Zusammenarbeit oft von allen Beteiligten als Bereicherung erlebt. Der Schritt hin zu einer inklusiven Schule führt für mich über Erfolgserlebnisse, welche in erster Linie darin bestehen, Ängste und Unsicherheiten abzubauen.

FV: Eigentlich ist dieses Thema nicht «jung». Wenn ich in der «Schweizerischen Zeitschrift für Heilpädagogik» blättere, sehe ich, dass bereits 2015 vom integrativen Modell geschrieben wurde. Sind die Stolpersteine so gross? Was hat sich seither verändert?

SM: Der Schritt zu einer inklusiven Schule erfordert einen Perspektivenwechsel. Es müssen Einstellungen und Haltungen verändert werden. Ein solcher Prozess benötigt Zeit. Ich bin überzeugt, dass bereits viele gute Erfahrungen gemacht werden konnten. Allerdings zeigt das «Modell inklusiver Prozesse» von Caroline Sahli Lozano et al. (2017, S. 43) auf, wie umfangreich und vielfältig die Prozesse eines Integrationsprojektes sind. Jeder Bereich bietet seine Schwierigkeiten und Stolpersteine. Die passenden Entwicklungsbereiche auszuwählen und zu bearbeiten, ist meiner Ansicht nach eine grosse Herausforderung.

HG: Wenn wir das Modell kurz anschauen: Welche Voraussetzungen, Bedingungen und Faktoren müssen erfüllt sein, damit eine Pädagogik der Vielfalt «normal» wird und inklusive Formen im Unterricht gelebt werden können?

SM: Damit eine Integration oder Inklusion gelingen kann, müssen verschiedenste Prozesse berücksichtigt werden. In unseren Diskussionen haben wir bereits erlebte Stolpersteine besprochen. Gestolpert sind die meisten Kursteilnehmenden bisher in den Bereichen «Einstellungen», «Schule & Leitung» und «Professionelle Kooperation». Damit eine Integration und schliesslich Inklusion gelingen kann, gibt es Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Diese Bedingungen wären: finanzielle und zeitliche Ressourcen, die zur Verfügung stehen und direkte Vorgesetze, die eine inklusive Haltung haben und ein Integrationsprojekt voll unterstützen.

Faktoren, die Integration und Inklusion zum Gelingen bringen, wären: Bereitschaft zur Zusammenarbeit, eine klar vereinbarte Zusammenarbeitsform, ein Ja sowohl zu«Fehlerkultur» als auch Feedbackkultur, Professionelle Beratung – Intervision und Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Liste mit den Faktoren ist keineswegs abschliessend.

Schnell wurde auch klar, dass die genannten Bedingungen und Faktoren auch für den kirchlichen Bereich gelten. Das Wissen um die Theorie sowie das Kreismodell nach Sahli Lozano weitet den Blick, macht sensibel und hellhörig und liefert Argumente, um mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen.

An der Stelle möchte ich auch auf zwei gelungene Sequenzen eingehen. Zum einen wurde die kollegiale Beratung in der Weiterbildungsgruppe erfolgreich angewandt: Eine Person schilderte eine herausfordernde Situation aus dem Religionsunterricht. Diese wurde daraufhin von der Gruppe reflektiert. Dann entwickelten die Teilnehmenden mit ihren reichen Erfahrungen gemeinsam Lösungsmöglichkeiten. Zum anderen erwies sich das Üben in positiver Feedbackkultur als lehrreich. Diese Sequenz wurde von allen sehr geschätzt.

Die anschliessende Erstellung einer Checkliste für die Zusammenarbeit hat deutlich gemacht, wie viele Stolpersteine gerade dann gemieden werden können, wenn von Beginn an verschiedene Punkte geklärt oder zumindest angesprochen werden. Einige Punkte nenne ich hier: Die Klärung der gegenseitigen Erwartungen aneinander und an die Zusammenarbeit, Austausch über Disziplin und Fachwissen, Klärung der Rollen und Aufgaben, Klärung der vorhandenen Rahmenbedingungen, fixe Zeitgefässe für Planung und Nachbereitung, Klärung des Vorgehens im Konfliktfall usw.

FV: Vielen Dank, Sonja, für deine wertvollen Inputs und danke für das Interview.