Fachbeiträge

Zwischen «Mission Manifest» und «Ostern wird Jöö»

Wer religionspädagogisch arbeitet, hat sie ständig auf dem Radar, die Statements, die in Kirche und Öffentlichkeit zum Thema «Glauben» abgegeben werden. Schliesslich haben sie alle zu tun mit dem Auftrag, Religion zu lehren bzw. den Glauben weiterzugeben.

Aktuell tönt das etwa so:

«Wir brauchen Jesus!», schreit das Flugblatt einer Freikirche.

«Wir wollen, dass Mission zur Priorität Nummer eins wird», fordert das «Mission Manifest» katholischer Herkunft. 

«Man muss nicht glauben, um sich firmen zu lassen», erklärt die Firmbegleiterin im Pfarreiblatt.

«Fünf nach zwölf» sei es für die Kirche, analysiert der berühmte Schweizer Alt-Abt.

«Ostern wir Jöö» verspricht das grösste schweizerische Detailhandelsgeschäft.

Beispiele wie diese zeigen, dass religionspädagogische Arbeit in komplexen Bezügen steht. Viele bemühen sich mit fachlicher Kompetenz, persönlichem Engagement sowie dem Charisma der Geduld und des langen Atems um die Weitergabe des Glaubens. Vor allem auch mit Respekt den Menschen gegenüber, mit denen sie in Kontakt sind.

Reicht das aus? Oder braucht es noch etwas Anderes? Das kürzlich von katholischer Seite lancierte und von kirchlichen Würdenträgern mitverantwortete «Mission Manifest. 10 Thesen für das Comeback der Kirche» ist ein erklärter Aufruf zur Mission. Mission soll künftig «Priorität Nummer eins» der Kirche sein. Das Manifest beruft sich dafür auf Papst Franziskus als auch auf Freikirchen, von welchen es zu lernen gelte. So heisst es: «Uns bewegt die Sehnsucht, dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben.» Und einleitend in der Präambel: «Wir wünschen, dass unsere Länder zu Jesus finden.»

Die Thesen sprechen von der Freude, den Glauben weitergeben zu dürfen. Auch wenn dabei von Einladung, Toleranz und Religionsfreiheit die Rede ist, wirft das Manifest doch ernsthafte Fragen zum Missionsverständnis sowie zur Art und Weise von Mission auf. Ob der Zweck schliesslich die Mittel heiligt, fragt man sich beispielsweise irritiert, ja befremdet angesichts des Projekts «Elijah21», das unter «Best Practice» empfohlen wird. «Elijah21 bringt Flüchtlinge, vor allem mit moslemischen Hintergrund … zu Jesus.» Es wird dazu aufgefordert, sich Flüchtlingen anzunehmen, um sie zu bekehren. Über deren Kontakte zur alten Heimat sollen immer mehr Menschen zu Jesus finden. Das Elend von Flüchtlingen als erklärte Chance zur Mission?!

Mission und Glaubensweitergabe

»Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch«, sagt das II. Vatikanische Konzil (Ad gentes 2). Niemand würde das bestreiten. Mit Blick auf das Evangelium ist klar, dass Christus nicht einigen wenigen, gewissermassen einer Elite von Auserwählten, vorbehalten ist. Gottes Liebe und Nähe gilt allen – wie wahr! Das Evangelium zu verkündigen, gehört deshalb zum Christsein. Jederzeit sollen wir bereit sein, über den Grund unserer Hoffnung Rechenschaft abzulegen, so der erste Petrusbrief (vgl. 1 Petr 3,15). Dem fundamentaltheologischen Credo des ersten Petrusbriefes haftet aber nichts Schreierisches oder Triumphalistisches an. Die Christen damals werden diskriminiert und verfolgt, weil sie nicht dem Kaiserkult huldigen. Den daraus resultierenden Spaltungen und dem möglichen Glaubensabfall will das Schreiben ermutigend entgegenwirken. Das Gewicht liegt dabei auf der Hoffnung.

Die eigene, schuldhafte Geschichte der Kirche, was Zwangsbekehrungen und Mission angeht, sowie die aktuelle fundamentalistische Verbindung von Religion, Gewalt und Terror, verlangen nach fundierter Auseinandersetzung und gewissenhaftem Dialog. Dies ist die einzige Basis für ein friedliches Zusammenleben. Das II. Vatikanische Konzil hat dafür den Weg eröffnet, indem es Gottes Heilswirken auch ausserhalb der Kirche, in Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus anerkennt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und hei­lig ist.» (Nostra Aetate 2). Der eigene Glaube wird dabei nicht relativiert, sondern Christus als Grund wie auch Fülle des Heils bezeugt. Theologisch wird seither an Fragen zur Heilsmittlerschaft Christi und dem Verhältnis des Christentums zu den anderen Religionen gearbeitet. Auf dem Boden des Konzils sind solche Fragen bestimmt nicht rückwärtsgewandt zu beantworten, sondern nach vorne offen.

Mit Blick auf die Welt und das unermessliche Leid von vielen Menschen muss heute vor allem der Diakonie und dem beherzten Einsatz für Gerechtigkeit erste Priorität zukommen. Christen haben angesichts der gesellschaftlichen Situation nur die Wahl, zu missionieren oder zu demissionieren, so die französische Sozialarbeiterin und Mystikerin Madeleine Delbrêl (zit. nach Klausnitzer, 14). Gemeint ist, dass die christliche Botschaft sich vor allem auch im Tun als lebensfördernd und glaub-würdig erweisen muss. Orthodoxie gibt es nicht ohne Orthopraxis.

Warum Glaubensvermittlung nicht einfach ist

Christen ist ihr Glaube wichtig! Die Frage ist nicht, ob wir gesendet sind, für diesen Glauben Zeugnis abzulegen. Die Frage ist, wie.

Die Gründe für Glaubensschwund und Traditionsabbruch in unseren Breitengraden sind religionssoziologisch hinlänglich erforscht. Religiöse Bedürfnisse und Religiosität verschwinden zwar nicht, aber die Deinstitutionalisierung wird weiter fortschreiten. Keine gute Nachricht für die Kirchen!

Die Weitergabe des Glaubens ist aber grundsätzlich nicht einfach, weil Glaube eine spezifische Weise der Weltwahrnehmung darstellt. Glaube ist nicht das Gegenteil von Wissen, also Nicht-Wissen (und deshalb naiv glauben), sondern eine spezifische Form der Weltwahrnehmung und –deutung. Da Gott nichts Geschöpfliches, Innerweltliches ist, sondern das, was der Welt zu Grunde liegt, kann man Gott nicht «beweisen». Gott als den Grund von Wirklichkeit überhaupt anzunehmen, lässt Vernunft und Erkenntnis jedoch nicht aussen vor, sondern schliesst sie gerade ein. Denn Glaube ist tiefster Grund-Akt von Vertrauen. Das Vertrauen, das sich aus der Beziehung zu Gott speist, der im eigenen Leben als tragend, heilend und leitend erfahren wird.

Glaube als rational verantwortbare Option darzulegen und ihn als existenziell tragfähig vermitteln zu können, ist anspruchsvoll. Das wissen nicht nur Katechetinnen und Katecheten, sondern alle, die die kritischen Fragen von Menschen hören und sich von ihnen herausfordern lassen: Sprechen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht gegen eine Existenz Gottes? Wenn es Gott gibt, warum hilft er dann nicht? Wieso sollte Jesus, der vor zweitausend Jahren gelebt hat, für uns heute noch relevant sein? Weshalb braucht es die Kirche, wenn sie doch selbst nicht glaubwürdig ist? Sind es nicht die Religionen selbst, die mit ihrem Wahrheitsanspruch Kriege verursachen? Und: Warum noch an Gott glauben, wenn der Mensch doch gerade dabei ist, sich selbst unsterblich zu machen? Fragen wie diese ernst zu nehmen und sich selber damit auseinanderzusetzen, ist eine erste Antwort auf die Frage nach dem Wie.

Zwischen Schreien und Schweigen: den Glauben bezeugen

Die Bibel ist voll von Beispielen dafür, dass Glaubensverkündigung schon damals nicht einfach eine Sache von durchschlagendem «Erfolg» war.

Für das Gesendet-sein, unsere missio, gibt uns das II. Vatikanische Konzil Ermutigung und Perspektiven. Die Kirche hat gelernt, die Welt nicht mehr als feindliches Gegenüber, und die Menschen ausserhalb ihrer selbst nicht mehr als verloren anzusehen. Sie hat sich daran erinnert, dass der Heilswille Gottes universal ist. Sie anerkennt, dass Gottes Geist überall wirkt, auch in den anderen Konfessionen und Religionen, ja in allen Menschen guten Willens! Nicht nur der Inhalt, sondern auch die «Tonalität» des Konzils bilden die Grundlage, auf welcher sich ein echter Dialog mit anderen führen lässt.

In einer Gesellschaft, die an Glaubensfragen scheinbar nicht interessiert ist, gleichzeitig aber alle möglichen «Heilsangebote» in Betracht zieht, braucht es Mut, für den christlichen Glauben einzustehen. Glaube lässt sich bestimmt nicht schreiend evozieren. Und darüber schweigen dürfen und wollen wir nicht.

Wie das gelingen kann, ist eine wichtige Frage. Sie fordert uns persönlich, aber auch als Glaubensgemeinschaft heraus.

 

 

Literatur und Quellen

 

Dr. Nicola Ottiger ist Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Liturgik am Religionspädagogischen Institutder Theologischen Fakultätder Universität Luzern CC BY-NC-SA 3.0  Nicola Ottiger | reli.ch
Kompetenz: 4D-4
Leitsatz 4