Fachbeiträge

Zugänge und Lernwege mit der Bibel

© wobigrafie / pixelio.de

Die Bibel gilt als Basis des Christentums und der abendländischen Kultur. Doch durch einen gesellschaftlichen Wandel in der Einstellung zu ihr („Traditionsabbruch“, EKD 1993) wird es schwerer, unvoreingenommen mit ihr umzugehen. Daher müssen Zugänge gesucht und für den pädagogischen Einsatz differenzierte Lernwege bedacht werden, damit die Begegnung mit Bibeltexten Freude macht und nachhaltig wirkt. 

Zugänge suchen…

…ist ein erster Schritt, um den Alltagsbezug der Bibel herzustellen, um den „garstigen Graben der Geschichte“ (G.E.Lessing) zu überwinden. Dass die Bibel nur ein historisches Dokument sei, ist einer der vielen Vorurteile zur Bibel (Landgraf/Metzger 2011, 9-16) Dazu gehört die Spurensuche im eigenen Umfeld.

  • Welche (Vor)Namen meiner Umgebung sind biblisch?
  • Wo kommt die Bibel in Redewendungen und meiner Sprache vor?
  • Wo gibt es Bezüge zur Bibel in der Alltagskultur – z.B. in der Werbung, der Musik, der Kunst, der Literatur, im Computerspiel oder beim Fußball?

Auch Begegnungen zur Bibel im persönlichen Umfeld können Zugänge sein.

  • Welche Meinungen gibt es zur Bibel um mich herum? Was bedeutet die Bibel für mich?
  • Welche Bibelgeschichten begleiteten mich bzw. welche Texte wurden auf den Lebensweg mitgegeben (z.B. Spruch zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit)?

Unterschiedliche Lernwege mit der Bibel nehmen dann Aktions- und Kreativmethoden in den Blick, mit deren Hilfe man ihr handlungsorientiert begegnen kann (ausführlich Landgraf 2017/2.Aufl, 16-108).  

Bibel lesen…

…ist eine Grundmethode, die mithilfe von altersgemäßen Bibelausgaben (Erstlesebibel, Erzählbibel ohne oder mit Erklärungen, Vollbibeln ohne oder mit Kommentierungen) je nach Lesekompetenz differenziert angegangen werden muss. Mithilfe der zielgruppengemäßen Bibelausgabe kann der Text auch einem Gegenüber vorgelesen, in der Gruppe Vers für Vers gelesen oder in verteilten Rollen vorgetragen werden. Die Västeras-Methode ermöglicht eine kommentierende Erschließung durch Zeichen neben dem Text (Plus-Minus; Emojis). Besonderheiten im Text können Textinseln auf Kopien des Bibeltextes markiert oder durch Textlöschungen das Wichtigste hervorgehoben werden. Da der ursprüngliche Bibeltext keine Überschriften enthält, kann man ihn durch eigene (Zwischen)Überschriften zusammenfassen. Nach der Lektüre können Textschnipsel oder ein Bibellückentext das Gelesene zusammenfassen.

Bibel erzählen…

…ist eine zweite Grundmethode, bei der Erzählende zwischen Textverbundenheit und kreativer Ausgestaltung stehen. Zu viel Freiheit beim Erzählen entfernt vom Bibeltext, zu wenig Kreativität kann die Erzählung leblos wirken lassen. Daher gilt, dass man „so nahe am Text wie möglich und so frei wie nötig“ erzählen sollte. Personen, Orte und der Zeitbezug (Zeitreise für Kinder) müssen lebendig werden, ein Spannungsbogen hilft, der Erzählung zu folgen und der Kern des Bibeltextes muss am Ende für die Hörenden wiederholbar sein (POZEK-Schlüssel). Um eine Erzählung für Kinder begreifbar zu machen, dienen Hilfsmittel wie Figuren (z.B. Biblische Erzählfiguren, Puppen, Kegel), Legematerialien (Tücher, Schnüre, Kerzen) oder auch Symbole, Verkehrszeichen oder Papp-Fußsohlen in unterschiedlichen Farben. Die Rückenerzählung präsentiert eine Geschichte durch Handbewegungen auf dem Rücken eines anderen. Beim Erzählen ist auch der Perspektivwechsel erlaubt, wenn die Geschichte aus der Sicht unterschiedlicher Personen erzählt wird.

Bibel ins Gespräch bringen…

…kann man in Form eines Interviews oder einer Talkshow, bei der eine Rolle eingenommen wird, nonverbal durch ein Schreibgespräch in Kleingruppen  oder beim Textspaziergang, bei dem in die Rolle einer Person oder eines Beobachters der Szene geschlüpft wird.

Bibel kreativ schreiben…

…geschieht z.B. durch kalligraphisches Gestalten eines Verses, indem Geschichten in die eigene Sprache oder Denkwelt übertragen werden (Aktualisierung; Mundart), indem sie als Bibel-Zeitungsreportage oder als andere moderne Sprachformen (Emojis; Kurznachrichten) ausgedrückt werden.

Bibel als Bild gestalten…

…geht über klassisches Ausmalen bis hin zur freien Gestaltung mit unterschiedlichen Techniken (Farben, Collage, figürliches Gestalten), als Leporello, als Kinderkino auf einer Tapetenrolle, als Bibelcomic oder als Fotoreportage einer gespielten Szene.

Bibel in Szene setzen…

…kann mit „Fremdkörpern“ wie Biegepuppen oder biblischen Erzählfiguren begonnen werden, um für das Spiel mit dem eigenen Körper zu sensibilisieren. Stabfiguren eignen sich, um den Auftritt vor anderen zu erleichtern, da hinter den Abbildungen das Gesicht verborgen und ggf. ein Text aufgeklebt werden kann. Über die Pantomime können Bewegungen und die Darstellung von Emotionen eingeübt werden. Rollenspiele bieten Sprech- und Statistenrollen, die auch als Bibliodrama oder als Singspiel bzw. Mini-Musical mit Musik umgesetzt werden können.

Bibel musizieren…

…geht aber auch einfacher, indem Bibeltexte z.B. mit Orff-Instrumenten vertont werden. Auch können Bibeltexte zu bekannten Melodien oder als Sprechgesang selbst gestaltet werden. Schon früh können Bewegungen zu Bibelliedern gestaltet werden.

Bibelspiele…

…dienen der Vertiefung und Wiederholung. Sie können selbst erstellt werden, wenn Impulskarten für ein Brettspiel entworfen oder Fragen für ein Bibelrätsel formuliert werden.

Bibel im Film…

…begegnen kann man über Beobachtungsaufgaben, oder auch, indem man selbst einen kurzen Bibelfilm (z.B. mit der Handy-Kamera) dreht. Zuvor sollte ein Filmdrehbuch erstellt werden, bei dem die beteiligten Personen benannt und die Handlung in einer zeitlichen Abfolge beschrieben wird.   

Meditative Bibelarbeit…

…ist beispielsweise das Arbeiten mit Bibelworten (Wie spricht man ein Bibelwort aus?) sowie das Formulieren von Gedanken oder Gebete zu einem Text z.B. für einen Gottesdienst.

Bibel vor Ort begegnen…

…kann in einer Kirche geschehen, wo Bibeln, Bibelsprüche, Bibelbilder etc. zu finden sind. Auch in Ortsbildern finden sich Spuren (z.B. Bibelsprüche an Wänden, Kreuzwege). Schließlich gibt es Bibelhäuser bzw. Museen, die sich als Lernort eignen.

Rabbiner verglichen das Lernen der Heilige Schrift mit der Ernte eines Feigenbaum. Man erntet Feigen nicht auf einmal, sondern über einen langen Zeitraum. So ist auch die Begegnung mit der Bibel ein langer Prozess, um sie in ihrer Vielfalt und Tiefe zu verstehen.

 

Literatur:

Landgraf, Michael / Metzger, Paul: Bibel unterrichten, Basiswissen – Bibeldidaktische Grundfragen – Elementare Bibeltexte. Stuttgart 2011.

Landgraf, Michael: Bibel kreativ erkunden, Lernwege mit der Bibel. Stuttgart 2017 (2. Auf.).

Zimmermann, Mirjam und Ruben (Hg.): Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2018 (2. Aufl.).

 

 

Michael Landgraf ist Leiter des Religionspädagogischen Zentrums Neustadt an der Weinstraße, Schriftsteller und Lehrbeauftragter der Universität Mainz für Fachdidaktik Religion. Weitere Infos zur Person finden Sie auf der persönlichen Homepage oder auf Facebook. CC BY-NC-SA 3.0  Michael Landgraf | reli.ch
Kompetenz: 1B-1, 1C-3, 1D-4, 2B-1, 2B-2, 2B-3, 2F-4, 3B-2, 3B-3, 4B-3, 4B-5, 4F-1