Fachbeiträge

Werte im Unterricht

Helene Souza / pixelio.de

Welche Rolle kommt Werten in der Theologie und insbesondere in der Religionspädagogik zu? Handelt es sich bei der Debatte lediglich um „Gefühlsduselei“ oder kann eine Kriteriologie wissenschaftlich begründet werden?

Wo liegen die Grenzen der Toleranz gegenüber intoleranten Grundeinstellungen? Was sind grundlegende Werte und welche Rolle nehmen Sie im Unterricht ein? Dieser Problematik spürt der Luzerner Ethiker Markus Arnold in seinem Beitrag nach.

Werte im Spannungsfeld der Philosophie und Theologie

„Da kommt wieder einer mit seinen Werten, das ist ja nicht zum Zuhören, unwissenschaftliches Gesäusel!“ So ereiferte sich an einem Ethikkongress ein Philosophieprofessor halblaut über einen Diskussionsbeitrag. Vielen philosophischen Ethikerinnen und Ethikern sind Werte suspekt. Sie sind oft schwammig, was ihre Geltung anbelangt und sie werden selten begründet, weil sie Evidenz beanspruchen. Sie sprechen eher das Gemüt an, schaffen Stimmungen und eignen sich vorzüglich fürs Moralisieren.

Im Unterschied zur philosophischen Ethik hat die katholische Tradition Werte sehr geschätzt. Als Johannes Paul II. noch Karol Wojtyla hiess, war er ein Schüler des Begründers der deutschen Wertethik, Max Scheeler. Er ist nicht der einzige. Ob wir wollen oder nicht, Werte spielen eine wichtige Rolle. Kein Wahlkampf, keine Parteiprogramm ohne plakative Werte. Kein Lehrplan, kein Leitbild ohne explizites oder implizites Menschenbild, das eben durch Werte charakterisiert ist. Werte stehen für unsere grundlegenden Überzeugungen und unsere grossen Ziele, wie auch denen von Gemeinschaften.

Kurz: Philosophierende können sich der Diskussion um Werte verweigern, in der Theologie und der Religionspädagogik spielen sie eine wichtige Rolle. Das Problem ist nur, Kriterien zu finden, um Werte zu bewerten. Einen guten Weg wies der vor einigen Jahren verstorbene Moraltheologe Bruno Schüller SJ. Man kann sich bei jedem Wert die Frage stellen, ob die Person, die diesen Wert zu ihrem Handlungsziel macht, dadurch in guter Gesinnung handelt.

Dann fällt schon mal einiges heraus, z.B. die materiellen Werte, aber auch ästhetische Werte. Man kann sein Leben in den Dienst des Schönen stellen und gerade darum mit allen Mitteln das Hässliche bekämpfen. Am Ende der ethischen Diskussion bleiben dann die grossen Wertbegriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden.

Doch damit geht es erst richtig los. Denn diese Begriffe sind abgegriffen, sie wurden missbraucht, sie müssen immer wieder neu definiert und inhaltlich gefüllt werden. Nur so taugen sie für den Religionsunterricht und die vielen Leitbilder. Sie zeichnen Bilder gelungenen Menschseins und geglückten Gemeinschaftslebens, eben Menschenbilder. Auch diese müssen diskutiert werden, sie sind grundsätzlich plural. Es gibt z.B. nicht daschristliche Menschenbild, es gibt verschiedenste Entwürfe gelungenen Christseins.

Die Methode der Value Clarification

Am besten lassen sich die Dinge mit extremen Beispielen verdeutlichen. In den USA wurde die Methode der Value Clarification entwickelt. Entgegen der ideologischen Wertevermittlung sei es des Staates oder von Religionsgemeinschaften, sollten die Schüler/innen ihre je eigenen persönlichen Werte entdecken. Die Lehrpersonen sollten dies fördern, keinesfalls aber positiv oder negativ kommentieren. Sie hatten wertneutral zu sein.

Konkret kann das so aussehen:

„Schüler: Ich glaube, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.

Lehrer: Was meinst du damit?

Schüler: Ich meine, dass alle Leute gleich gut sind und keiner einem anderen gegenüber im Vorteil sein sollte.

Lehrer: Legt dieser Gedanke nahe, dass einige Veränderungen in unserer Welt stattfinden sollten, auch in dieser Schule und in dieser Stadt?

Schüler: Oh jede Menge, soll ich welche nennen?

Lehrer: Nein, wir müssen mit unserer Rechtschreibe-Lektion fortfahren, ich hätte nur gern gewusst, ob du an einigen dieser Veränderungen schon arbeitest und tatsächlich versuchst, sie zustande zu bringen.

Schüler: Noch nicht, aber vielleicht bald.

Lehrer: Ah so. Nun zurück zu unserer Rechtschreibe-Übung.“ (Götz Christian, Entwicklung und Förderung moralisch-ethischer Überzeugungen von Jugendlichen, Giessen 2001, 52.)

Das ist ein wunderbares Konzept. Jedes Individuum hat einen unermesslichen Wert und ist als solches zu respektieren. Dem würde ich zustimmen. Ich habe indes Mühe damit, dass die Lehrperson nicht kritische Fragen stellen soll, sondern jede Schülerin und jeden Schüler in seinen werthaltigen Äusserungen bestaunen und bestärken soll. Im obigen Beispiel geht die Rechnung natürlich wunderbar auf, weil der Schüler sich für die mit Aufklärung und Christentum kompatible Überzeugung der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen stark macht.

Aber funktioniert es auch mit der rassistischen Gegenvariante? „Ich glaube nicht, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden!“ Denn auch diese Überzeugung legt einige Veränderungen nahe und wenn dann der Lehrer mit seiner Rechtschreibe-Übung fortfahren will, ist er ein Feigling.

Die Value Clarification steht an und für sich für die Meinungsfreiheit von Schülerinnen und Schülern ein. Sie sollen mit ihren Überzeugungen respektiert und im Unterricht nicht ideologisiert werden. Dem ist zuzustimmen. Denn auch einem solchen Konzept stand letztlich die Erfahrung des Totalitarismus Pate, den es zu verhindern galt.

Was sind die grundlegenden Werte?

Heute stehen wir vor einer veränderten Situation. Die immer wieder diskutierte Grundfrage lautet, darf der Fanatiker für seine Meinung Toleranz beanspruchen?

Ich würde die Frage verneinen. Schmarotzer am Gedanken der Toleranz müssen in Grenzen verwiesen werden. Die erzieherisch plausible Orientierung am Individuum darf nicht beinhalten, dass auf die Vermittlung grundlegender Werte verzichtet wird, um der Originalität eines Schülers/einer Schülerin gerecht zu werden.

Womit wir wieder am Ausgangspunkt angelangt sind: Welches sind diese Werte?

Für die Schule fällt die Beantwortung der Frage nicht schwer: Es sind jene Werte, die den Geist der Verfassung des Landes oder des Kantons, in welchem die Lehrperson unterrichtet, geprägt haben. Meist kommt dies in den Grundrechtskatalogen zum Ausdruck, welche meist auch kompatibel sind mit Erklärungen von Menschenrechten. Letztlich geht es um die Menschenwürde. Dies hat auch für die Lehrpersonen verpflichtenden Charakter.

Natürlich müssen im Unterricht persönliche Sinnziele, die der Identitätsfindung dienen in einem ersten Schritt ernsthaft angehört werden, dabei muss grösstmögliche Toleranz gelten. Aber dort, wo tatsächlich ethisch relevante Werteklärungen anstehen, muss die Lehrperson ihre Verantwortung wahrnehmen. Sie muss werten. In einem analogen Sinn gilt dies auch für den Religionsunterricht: Auch hier geht es letztlich um die Menschenwürde, für welche es im Namen der Toleranz keine Dispens geben kann.

 

Dr. Markus Arnold ist Dozent für Ethik und Studienleiter am Religionspädagogischen Institutder Theologischen Fakultätder Universität Luzern CC BY-NC-SA 3.0  Markus Arnold | reli.ch
Kompetenz: 1D-3, 2C-2, 2D-1, 3D-2, 4A-1