Fachbeiträge

Wenn Unterschiedlichkeit zum Ziel führt

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Ist Toleranz schon Inklusion? Ich kann vieles tolerieren, wenn es mich nicht unbedingt angeht. Jeder darf seiner Auffassung nachgehen, wenn er nicht die Sphäre des Anderen beeinträchtigt. Zita Schild über Inklusion und Stimmen aus der Erfahrungswelt von Firmlingen.

Was ist Inklusion

Unter Inklusion versteht man heutzutage, dass ein Mensch oder eine Gruppe mit besonderen Merkmalen in eine grosse Gemeinschaft hineingenommen ist. Das heisst, es findet eine Vermischung aller Beteiligter statt. Alle sind miteinander und jede/r kann jedem auf „Augenhöhe“ begegnen. Um Inklusion zu leben, brauchen wir etwas Verbindendes. Das können Ziele, Pläne, Interessen, Ideen und Ideale sein, die wir miteinander teilen. Wenn wir dann inklusiv miteinander leben wollen, müssen wir uns miteinander austauschen. Klar ist, dass Inklusion nicht zur Belastung werden darf. Wo viel Kraftanstrengung nötig ist, muss geklärt werden, woran das liegen könnte.

Inklusion in Konkretion

Letztes Jahr begleitete ich Florence, eine Jugendliche mit Down-Syndrom, zusammen mit 28 anderen Firmandinnen und Firmanden und mit den Verantwortlichen der Pfarrei Worb ins gemeinsame Firmlager nach Jeizinen VS. Schon während des gesamten Schuljahres waren wir alle miteinander unterwegs. Spannend die Stimmen einiger Firmlinge nach dem Lager:

Annalisa: Am Anfang hatten ich und die Gruppe mit Florence Berührungsängste. Wir wussten nicht, wie kommunizieren. Das Anderssein von Florence hat mich fasziniert. Es war eine gute Erfahrung.

Jade: Florence war in unserer Gruppe besser integriert als ich dachte. Wir sind uns nicht erst im Firmlager begegnet, sondern schon während der Vorbereitungszeit. Florence hat überall mitgemacht. Florence war freundlich und in kritischen Situationen habe ich ihr über die Haare gestreichelt. Das Dabeisein von Florence war für mich eine Bereicherung.

Gregory: Ich war das erste Mal mit einem Menschen mit Down-Syndrom in einem Lager. Florence hat es genossen. Ihre fröhliche und offene Art hat mir gefallen. Sie ist nicht so viel anders als wir. Florence war eine Bereicherung für uns.

Leonardo: Für die Gruppe war es am Anfang speziell. Es wurde dann <normalisierend>, das heisst ganz normal anders. Für mich gehören Menschen mit einer Behinderung zu uns. Die Gruppe hat Rücksicht genommen und ausgehalten. Florence kann zu ihrer Behinderung stehen. Das hat mich beeindruckt.

Luana: Uns hat gefallen, dass Florence zu sich steht, so wie sie ist. Den Entscheid der Eltern von Florence, vor der Geburt Ja zu sagen zu einem Mädchen mit Down-Syndrom, fanden wir stark und mutig.

Prisilya: Florence hat so herzvolle Sachen gesagt. Wir anscheinend normalen Menschen reden nicht von Herzen sondern mit Verstand. Alle Menschen haben ein Recht auf ein lebenswertes Leben.

Diego: Religionsunterricht ist der richtige Ort, um das Anderssein zu leben und zu feiern.

Sebastian: Menschen zu integrieren ist am Anfang herzig, mit der Zeit aber anstrengend. Ich musste mich abgrenzen. Ich glaube, ich habe das liebevoll gemacht. Wir haben unbewusst von Florence gelernt, dass man so, wie man ist, zufrieden ist.

Florence: Ich konnte überall nach meinen Fähigkeiten mitmachen. Mein Leben basteln (Anm.: Biographiearbeit) hat mir gut gefallen. Salbe herzustellen war interessant. Ich schenke sie Mama zum Muttertag. In der modernen und zugleich altmodischen Kirche war es schön zu feiern. Das Ferienhaus war gemütlich, doch Ferien machen möchte ich dort nicht. Gruppe und Leiterteam waren sehr nett. Das Essen und die feinen Desserts haben mir geschmeckt.

 

Inklusion ist, wenn alle mitmachen dürfen; wenn Unterschiedlichkeit zum Ziel führt; Inklusion ist, wenn Ausnahmen zur Regel werden; Inklusion ist, wenn anders sein normal ist.

 

 

Zita Schild ist die Verantwortliche des Heilpädagogischen Unterrichts an der Fachstelle für Religionspädagogik in Bern CC BY-NC-SA 3.0  Zita Schild | reli.ch
Kompetenz: 3A-2, 3C-1, 3C-2, 3D-1, 3E-7
Leitsatz 10