Fachbeiträge

Welche Kinderbibel darf’s denn sein?

© Delaja Mösinger

Das derzeitige Angebot an Kinderbibeln ist unüberschaubar. Doch welche Kinderbibeln sind empfehlenswert? Diese Frage lässt sich nicht mit einer Top-Ten-Liste beantworten. Kinderbibeln sind als literarische Gattung derart komplex, dass sie auf sehr verschiedene Aspekte hin kritisch betrachtet werden können. Und dann steht fest: Alle Kinderbibeln haben sowohl Stärken als auch Schwächen. Hinzu kommt, dass die Lesenden ihre je eigenen Vorlieben und Abneigungen haben.

Der folgende Fachbeitrag soll zum selbständigen, fundierten Einschätzen von Kinderbibeln ermutigen. Dazu zeigt er verschiedene Aspekte auf, die es dabei zu prüfen gilt.

Aspekt Lesesituation

Das mag auf den ersten Blick banal klingen, aber es ist entscheidend: Für welche Altersgruppe ist die Kinderbibel vorgesehen? Ist sie als Erzähl-, als Vorlese oder als Selberlesebuch konzipiert? Ist die Sprache entsprechend angepasst? Wer seiner 9jährigen Nichte eine Kinderbibel zum Selberlesen schenkt, muss gewahr sein, dass dieses Buch in Konkurrenz zu zahlreichen anderen Jugendbüchern stehen wird und dass die Nichte schon bald kein Kind mehr genannt werden möchte (Diesen beiden Umständen trägt beispielsweise das Buch «Sternenfänger in dunkler Nacht – von biblischen Abenteuern» von Matthias Morgenroth (München 2005) Rechnung). Wer für Kinder im Vorschulalter eine bilderreiche Bibel wählt, muss damit rechnen, dass zu wenig Text zum Erzählen vorhanden ist (Mit diesem Problem sehen sich Menschen mit geringer Bibelkenntnis z.B. bei der fünfbändigen Bilderbibel von Kees de Kort (Deutsche Bibelgesellschaft) konfrontiert). Nicht immer scheinen die Kinderbibeln auf ein bestimmtes Zielpublikum und eine spezifische Lesesituation hin ausgerichtet zu sein.

Aspekt Bilder

Die Illustrationen von Kinderbibeln sprechen intuitiv an – oder gefallen einfach nicht.

Eine kurze Einführung in vier verschiedene Bildfunktionen mag zu einer objektiveren Sichtweise verhelfen.

Grundsätzlich interpretieren Bilder den Text. Schon nur durch die Auswahl der Szene, die dargestellt wird, findet eine Gewichtung statt (Funktion 1: Gewichten). Da lohnt es sich zu fragen: Werden mit den Bildern die Kernaussagen der Geschichte transportiert? (Ein gängiges Beispiel, das die Kernaussagen der Geschichte untergräbt: Die Seeleute werfen Jona über Bord – z.B. in «Mit Gott unterwegs» von Regine Schindler und Stepan Zavrel (Zürich 1996).

Des Weiteren vermitteln Bilder oft eine Eindeutigkeit, die im Text nicht gegeben ist – ein gutes Beispiel dafür ist die Darstellung von Engeln (Funktion 2: Deuten).

Bilder liefern auch Informationen. Besonders wenn Illustrationen einen historisierenden Stil haben, muss damit gerechnet werden, dass Kinder die daraus zu entnehmenden Informationen als historische Tatsachen einordnen (Funktion 3: Informieren). (Ein gutes Beispiel dafür ist «Die grosse illustrierte Kinderbibel» von Peter Dennis (München 2018). In dieser Kinderbibel sind suggeriert die Darstellung des Pfingstereignisses die Feuerzungen als historische Tatsache, obschon in Apg 2,3 sogar wörtlich steht: Es erschienen ihnen Zungen WIE von Feuer.)

Schliesslich schaffen Bilder auch neue Relationen: Sie vermitteln zwischen der Geschichte und der Gegenwart (Funktion 4: Vermitteln).  Jede Illustration enthält die erwähnten Funktionen und es liegt in der Hand der Betrachtenden, der einen oder anderen Funktion mehr oder weniger Bedeutung zuzusprechen. (In der «Kinderbibel» von Sieger Köder findet sich beispielsweise bei seiner Illustration zur Schöpfung ein roter Feuerball neben den ansonsten traditionellen Schöpfungsmotiven. Köder verbindet damit die Schöpfungsgeschichte auf eindrucksvolle Weise mit dem heutigen Weltbild. (Stuttgart, 2015).)

Aspekt Kanon

Kinderbibeln haben ihrem Namen nach den Anspruch, ein Abbild der sogenannten Vollbibel zu sein. Tatsächlich handelt es sich aber immer nur um eine Auswahl von Bibeltexten. Diese Auswahl muss sich gegenüber der Vollbibel in verschiedener Hinsicht verantworten. Erwähnt sei hier insbesondere ein Punkt:

Die Vollbibel vielstimmig. Sie kennt zwei Schöpfungsberichte, vier Evangelien und weitere Doppelungen. Sie enthält eine Vielzahl unterschiedlicher Gottes-, Welt- und Menschenbilder und verwendet verschiedene Ausdrucksformen (Erzählungen, Gesetze, Psalmen, Briefe, etc). Jede diesbezügliche Reduktion und Harmonisierung in den Kinderbibeln suggeriert eine nicht vorhandene Einstimmigkeit der Vollbibel. Das Kinderbuch verliert damit gegenüber seiner Vorlage an Diskussionspotential und Anschlussfähigkeit – ja, an Bedeutung – in unserer heutigen, pluralen Welt. An dieser Stelle sei auf den Fachbeitrag von Veronika Bachmann auf reli.ch verwiesen: «Bitte nicht mogeln, wenn es um die Bibel geht!». Sie geht ausführlich auf das Phänomen der Harmonisierung ein («Wenn aus zwei Erzählungen ein Tatsachenbericht wird»).

Aspekt Nacherzählung

Das Nacherzählen von biblischen Geschichten ist mit spezifischen Risiken verbunden. Manchmal werden durch Auslassungen falsche Zusammenhänge gestiftet und dadurch wesentliche Aussagen verändert. Ein typisches Beispiel dafür ist der Baum des Lebens, der zusammen mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht in der Mitte des Gartens von Eden steht. In der biblischen Geschichte weist Gott die Menschen aus dem Garten, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen. Lässt man nun aber diesen Baum bei der Erzählung weg (was in zahlreichen Kinderbibeln der Fall ist), so gerät man in Begründungsnot: Warum weist Gott die Menschen aus dem Garten? – Allzu oft wird dazu der strafende, zornige Gott herbeigezogen.

Aber auch die Veränderung des Erzählduktus kann verheerende Folgen haben: Durch einen zusammenfassenden Stil im Sinne einer Berichterstattung kann zum Beispiel der Eindruck entstehen, es handle sich um einen historischen Tatsachenbericht.

Des Weiteren tendieren viele Autorinnen und Autoren zu einer vereinfachten Darstellung von Gut und Böse. Damit wird den Geschichten ihre Komplexität und ihre Lebensnähe genommen und sie bekommen oftmals einen moralisierenden Grundton. Auch hier verweise ich gerne auf den Fachbeitrag von Veronika Bachmann auf reli.ch: «Bitte nicht mogeln, wenn es um die Bibel geht!». Am Beispiel von Kain und Abel legt sie die genannte Problematik eindrücklich dar.

Es liegen aber – neben der sprachlichen Anpassung der Ur-Erzählung an die Zielgruppe –  auch ganz spezifische Chancen im Nacherzählen von Geschichten:

So kann die Einnahme einer bestimmten Perspektive für die Lesenden ein Angebot sein, sich mit jemandem aus der Geschichte zu identifizieren.

Oder die Lesenden können in der Nacherzählung unmittelbar angesprochen werden und fühlen sich so mitten ins Geschehen hineinversetzt. (Es ist nicht von Ungefähr, dass der Autor der meistverkauften «Kinderbibel», Anne de Vries, dieses Stilmittel perfekt beherrscht: Der unglückliche Mann aber war wieder allein und jammerte und litt. Aber horch! Stapf, stapf, stapf…(Neukirchen-Vluyn1954, S.190))

Auch die Verwendung einer Rahmenerzählung hat Potential: Damit kann ein grosser Spannungsbogen geschaffen werden. Zudem ist die Rahmenerzählung ein Ort, an dem Sachwissen eingebracht werden kann und an dem Deutungen ihren Platz haben, die nicht in die eigentliche Nacherzählung gehören.

Mit einer kritischen Betrachtung der Aspekte Lesesituation, Bilder, Kanon und Nacherzählung ist es möglich, eine Kinderbibel eingehend zu analysieren und ihre Eignung für den beabsichtigen Zweck zu prüfen. Dennoch ist die Zusammenschau dieser Aspekte nicht abschliessend zu verstehen. Sie soll als Anregung dienen, den je eigenen Kriterienkatalog auszubauen und zu verfeinern.

 

Delaja Mösinger
Kompetenz:
Leitsatz 12