Fachbeiträge

Weil Gott schon da ist

© Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Sakramente sind im Kern ein Kommunikationsgeschehen zwischen Christus und dem Menschen. Gott selbst will dabei kein Ferner bleiben, sondern konkret in der Welt des Menschen wirken. Ein Blick in die Entwicklung des Gottesbildes lohnt sich für das Heute.

Im 6. Jahrhundert vor Christus geschahen Dinge, die die Welt verändern sollten. Da war der griechische Philosoph Xenophanes, der im Antiken Kolophon nahe des Orakelortes Klaros lebte und mit seiner Reflexion über den griechischen Göttermythos eine Wurzel der griechischen Vernunftstruktur legte. Freiheit vom Mythos durch Reflexionsfähigkeit.

Hunderte Kilometer süd-westlich, in der Grossstadt Babylon, erinnerten sich die jüdischen Gelehrten an ihre Heimat. Der Gott Jahwe, der damals am Tempel zwar nicht alleine, aber doch besonders verehrt wurde, half trotz Kultreform nicht, als die babylonischen Streitmächte den Tempel und Jerusalem zerstörten und die jüdische Oberschicht nach Babylon deportierten. Der Jahwe-Gott, ganz gegen die antiken Vorstellungen von Wirksamkeit der Götter im Sinne des Tun-Ergehens-Zusammenhangs, wurde aber trotzdem in seiner Exklusivität weiter verehrt und der Bundesgedanke Gottes mit dem Volk Israel verfestigte sich. In nachbabylonischer Zeit wurden die alten Mythen und Legenden damit neu geschrieben. Der einzige Gott, der da ist. Freiheit zu Gott durch den Bund.

Die glaubende Reflexion des Christusereignisses führte bei Paulus später dazu, diesen Bund Gottes mit dem Volk Israel auszuweiten. Durch Jesus den Christus ist ein Bund mit allen Menschen entstanden, die Grenzen von Ethnie und Volk sprengend. Freiheit zu Christus durch den neuen Bund, was Erlösung und Neuausrichtung heisst.

Damit sind epochale, kulturhistorische Entwicklungen in Gang gesetzt worden, die bis heute ihre Wirksamkeit nicht verloren haben.

In der katholischen Kirche sind es die Sakramente, welche in einem konkreten Kommunikationsgeschehen den Ausdruck und die Verwirklichung dieses freiheitlichen Bundesgedankens ermöglichen.  Im Wort und im Symbol verwirklicht sich Christus und damit wird das Sakrament zum Geschehen, in dem sich Christus selbst in der Welt mit den Menschen lebendig in Beziehung bringt und bleibt.

Sakramente bleiben damit nicht einfach nur Erinnerungen oder Repräsentationen, sondern sind lebendiges Christusgeschehen. Dieser Zugang bedeutet aber, dass ich als Mensch eine Freiheit zu Christus lebe und ich damit in der Atmosphäre Gottes bin. Es ist nicht in erster Linie die aufklärerische-philosophische Freiheit von Gott, die mich als Wollendes-Individuum sieht. Die Freiheit zu Gott heisst wohl eher, dass ich mich vom freiheitlichen Wollen ins freiheitliche Sein hineinlasse. Eine eigentlich mystische Haltung, die nach Meister Ekkehard zum «Gottesdurchbruch» führt.

Dieser Zugang stellt im heutigen Kontext der Heterogenität mit seiner aufklärisch-empirischen Denkstruktur wohl eine der grossen Herausforderung dar. Wir können nicht hinter diese zurück. Der Weg ist wohl, dass ich als Mensch mich in die Prozesse der Mehrdimensionalität menschlicher Wahrnehmung einlasse, und so Christus in der Welt wirken kann.

Guido Estermann ist Leiter der Fachstelle Bildung-Katechese-Medien BKMin Baar   CC BY-NC-SA 3.0Guido Estermann | reli.ch
Kompetenz: 2B-5, 2E-7, 3E-7, 4E-5