Fachbeiträge

Was hat Klimagerechtigkeit mit Glauben oder Religion zu tun?

Klimakonferenz Chile Madrid 2019 ; © Fastenopfer

Die Sorge ums Klima beschäftigt auch viele Kinder und Jugendliche sehr. In der Schule oder zu Hause haben sie schon vom Klimawandel gehört und sich oft aktiv damit auseinandergesetzt. Warum soll nun auch noch der Religionsunterricht das Thema aufgreifen? Ist die Zeit vor Ostern nicht ohnehin zu knapp bemessen, damit die Schülerinnen und Schüler danach verstehen, was Christen und Christinnen in dieser Zeit überhaupt feiern?  

Vor kurzem hatte ich eine Fünftklässlerin bei mir zu Besuch. Ich zeigte ihr die neue Nummer der Kinderzeitschrift Jumi zum Thema Klima und das Set für Suppentage mit Klimatipps. Damit setzte sie sich in eine Ecke und vertiefte sich darin. Ihre Lehrperson hatte ihr zuvor schon die Wichtigkeit des Themas aufgezeigt, und das Mädchen war in ihrem jungen Alter schon in der Lage, die Problematik von Treibhausgasen zu begreifen. Sie wollte sich dazu noch mehr Wissen aneignen.

Die ökologische Umkehr

Glaubensinhalte und Weltbezug sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der LeRUKa (Lehrplan Religionsunterricht und Katechese) gibt beidem seine Bedeutung und beschreibt die spezifischen Kompetenzen, die anhand der Fastenopfer-Themen erlangt werden können. Die beste Begründung für das Aufnehmen des Themas und dessen Verknüpfung mit der österlichen Busszeit gelingt Papst Franziskus in seiner Enzyklika «Laudato si’». Der Papst lädt uns darin dringend ein, unserem Planeten mehr Sorge zu tragen. Eine ökologische Umkehr tue Not, durch die Menschen hier bei uns bereit werden, ihren Konsum zurückzuschrauben, damit den Menschen anderswo auf der Erde das Nötige zum Leben bleibt. Die Entwicklungsorganisationen «Fastenopfer» und «Brot für alle» werden in den nächsten vier Jahren ihre Ökumenische Kampagne zum Klima führen. Dieses Jahr liegt der Fokus auf dem Thema Klimagerechtigkeit, was bedeutet, dass wir hier in Europa dringend unseren Beitrag leisten müssen zu mehr Klimaneutralität.

Ein neues Verhältnis zwischen den Menschen und den übrigen Geschöpfen

In der Unterrichtseinheit für den Zyklus 1 liefert Andrew Bonds Lied «Hebed Sorg» die Stossrichtung. Anhand der Schöpfungsgeschichte erfahren die Kinder, wie wichtig es ist, die Erde zu beschützen und zu bewahren. Eine Brücke wird geschlagen zwischen der Schöpfung, die es zu erhalten gilt, und den verschiedenen Lebenswirklichkeiten und Möglichkeiten der Kinder dieser Erde. Am Beispiel Ernährung soll deutlich werden, dass unser Lebensstil in der Schweiz grosse Auswirkungen auf den Weltsüden hat. Einem neuen Verhältnis zwischen Mensch und Natur entspricht natürlich auch ein neues solidarisches Verhältnis zwischen den Menschen hier in der Schweiz und anderswo auf der Erde, zum Beispiel in Kolumbien. Portraits von Kindern aus einem Fastenopferprojekt in Kolumbien zeigen auf, wie sich Kinder im Atucsara Projekt mit Abfallbewirtschaftung auseinandersetzen und im Schulgarten Früchte und Gemüse anpflanzen.

Portrait von Yeison Darío López Gutierrez aus Kolumbien; © Fastenopfer

Eine Frage der Ethik

Klimagerechtigkeit ist eine Frage der Ethik. Darum handelt die Einheit zum Zyklus 2 vom richtigen Entscheiden. Es geht um das Finden guter Entscheidungen. Dabei gelte es, aus einem unsäglichen «Entweder … oder» hinauszukommen und kreativ einen ganzen Fächer von Lösungswegen zu finden, gerade angesichts der Klimafrage. Gute Lösungen sollten für Kopf und Herz stimmen. Darum werden diese Lösungen im Raum abgelaufen und nach der Methode der Tetralemma-Strukturaufstellung, welche im Systemischen Coaching auch von Erwachsenen angewandt wird, erkundet.

Tetralemma Strukturaufstellung (Beilage Kampagnenmagazin, Fastenopfer/Brot für alle)

Mit den verschiedenen Generationen dazu ins Gespräch kommen

Die Unterrichtseinheit zum Zyklus 3 «Meine Spur, deine Spur, … unsere Spur» verweist auf den ökologischen Fussabdruck, welcher jedes Individuum, aber auch eine ganze Generation hinterlässt. Greta Thunberg klagt die ältere Generation an, weil sie sich zu wenig um die Zukunft gekümmert und mit ihrem Lebensstil die Klimakatastrophe mitverschuldet hat. Unabhängig von der Schuldfrage, wohl aber hinzielend auf eine ökologische Umkehr aller Generationen, will die Einheit ein besseres Verstehen von Lebensumständen, Zeitgeist und Fortschrittsdenken erreichen. Schülerinnen und Schüler kommen dazu ins Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern ihrer Grosselterngeneration und machen sich Gedanken, wie ein Enkel/innen-tauglicher Lebensstil künftig aussehen sollte.

Ein Planspiel für Jugendarbeit und Erwachsenenbildung

Der Klimawandel hat auch mit der Abholzung des Regenwaldes zu tun – zum Beispiel in Brasilien. Letzterer ist von globaler Bedeutung, wenn die Lebensweise indigener Gemeinschaften den kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen geopfert und der Klimawandel dadurch angeheizt wird. Das Planspiel ermöglicht ein Stück Demokratiebildung und Einsicht in globale wirtschaftliche Zusammenhänge. Es geht dabei freilich nicht um grundsätzliche Verteufelung wirtschaftlicher Unternehmungen, auch wenn der Hauptakteur des Planspiels nicht ganz unbeabsichtigt «ev.il-Corp» heisst. Der Namen hat aber nicht mit dem Teufel zu tun, sondern ist die Abkürzung für «event.illumination-Corporation». Klimagerechtigkeit – jetzt! ist eine politische Forderung. Schülerinnen und Schüler sollen sich in politische Zusammenhänge hineindenken und zu verantwortungsbewusstem Handeln angestossen werden. Dazu möchte die Anregung für die Jugendarbeit beitragen.

Spiritualität, persönlicher Lebensstil und Politik

«Fastenopfer» und «Brot für alle» streben einen gesellschaftlichen Wandel zu einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft an. Dafür nötig ist ein innerer Wandel, der häufig mit Spiritualität zu tun hat, welcher sich aber auch im Wandel des persönlichen Lebensstils ausdrückt und mit einer Veränderung der politischen Verhältnisse einhergeht. Insofern sind durchaus auch Glauben und Klimawandel miteinander verschränkt.

 

Literaturtipps

  • Hier finden sich alle katechetischen Materialien zur Kampagne
  • Brot für alle/Fastenopfer in Zusammenarbeit mit WelT-SICHTen, Das entscheidende Jahrzehnt, Dossier 11-2020. Das Dossier zeigt das ganze Spektrum von Klimagerechtigkeit aus entwicklungspolitischer Sicht auf und verweist auf konkrete Aktivitäten von Fastenopfer und Brot für alle.
  • Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer, Ganz im Gegenteil, Carl Auer Verlag, 2020 (10. Auflage) Hier wird die Tetralemmaarbeit (siehe Unterrichtseinheit Zyklus 2) tiefgründig erklärt.
Daniel Wiederkehr ist Fachverantwortlicher Theologie und Bildung & Leiter der Zukunftswerkstatt Wandel von Fastenopfer. CC BY-NC-SA 3.0 Daniel Wiederkehr | reli.ch
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