Fachbeiträge

„Von grösstem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift“ – Bemerkungen zur Heiligen Schrift im Gottesdienst

© Liturgisches Institut der deutschsprachigen Schweiz

Am Ersten Advent wird in den meisten Gemeinden der deutschsprachigen Schweiz das neue Lektionar in einem neuen Gewand mit der revidierten Einheitsübersetzung eingeführt. Das ist Grund genug, wieder einmal darüber nachzudenken, welche Bedeutung überhaupt die Bibel im Gottesdienst auch mit Kindern hat.

Ein bisschen Geschichte…

Jahrhundertelang führte die Heilige Schrift im Leben der katholischen Kirche, insbesondere in der Liturgie, ein Schattendasein. Waren Wort Gottes und Liturgie in der frühen Zeit der Kirche aufs Engste und untrennbar miteinander verbunden, nahm die Bedeutung der Bibel im Mittelalter immer mehr ab. Nur noch ein Bruchteil wurde in der Eucharistiefeier gelesen und bei der Feier von Sakramenten und Sakramentalien (z.B. Taufe, Trauung, Segnungen aller Art, Prozessionen) fehlten die Schriftlesungen fast ganz. Ein Neubesinnung auf die Bedeutung der Bibel und des Wortes Gottes im Leben der ChristInnen und besonders in der Liturgie begann Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Ein Grundsatz mit ökumenischer Tragweite

Nicht zuletzt diese Neuentdeckung der Bibel führte zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Dieses wiederum formulierte grundsätzlich, fast als eine Definition von Gottesdienst: „In der Liturgie spricht Gott zu seinem Volk; in ihr verkündet Christus noch immer die frohe Botschaft. Das Volk aber antwortet mit Gesang und Gebet.“ (SC 33) Liturgie ist nicht in erster Linie ein Kult, den Menschen vor und für Gott vollziehen, sondern Liturgie ist Begegnung und Dialog, Wort und Antwort, zwischen Gott und Mensch. Ein wesentlicher Teil dieses Dialogs ist das Vorlesen und Verkünden der Heiligen Schrift, die „Gottes Wort in Menschenwort“ ist und in der „Gott zu seinem Volk spricht“. Übrigens ist das Konzil mit diesem Verständnis von Liturgie, bewusst oder unbewusst, auf einer Linie mit Martin Luther, der in einer Predigt bei der Weihe einer Kirche sagte, dass „nichts anders darin geschehe, denn das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir widerumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang.“

So lernte die katholische Kirche von ihren evangelischen Schwestern wieder neu, was sie jahrhundertelang vergessen hatte: Eigentlich ist ein Gottesdienst ohne Schriftlesung nicht denkbar, auf jeden Fall aber mangelhaft. Aus diesem Grund sind heute für alle Gottesdienste – Eucharistiefeier, Wort-Gottes-Feier, Sakramente, Segensfeiern, Sakramentalien –  Schriftlesungen vorgesehen. Und sie sollten eigentlich auch in Andachten, „alternativen“ Gottesdienstformen, Frauenliturgien, Familien-, Kinder- und Seniorengottesdiensten usw. selbstverständlich sein.

Sonder- und Normalfall

Die Leseordnung in der Messe bzw. Wort-Gottes-Feier am Sonntag sieht eigentlich drei Lesungen vor: die erste meist aus dem Alten Testament, die zweite aus einem Brief aus dem Neuen Testament und schliesslich das Evangelium. Diese Leseordnung will eine eindrückliche Forderung des Konzil verwirklichen: „Auf dass den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden“ (SC 51).

Vor allem im deutschsprachigen Raum sind aber diese drei Lesungen eher die Ausnahme. Viele Gemeinden machen regelmässig Gebrauch von einer Regelung, die es in Ausnahmefällen erlaubt, von den beiden ersten Lesungen eine auszuwählen. Das Evangelium muss immer gelesen werden. Grundsätzlich ist es bedauerlich, dass mit dieser Praxis das Weglassen einer Lesung – meist ist es die aus einem Brief des Neuen Testaments – Normalfall wurde.

Auswahlmöglichkeiten in der Feier mit Kindern

In Gottesdiensten mit einer grossen Beteiligung von Kindern kann es aber durchaus Sinn machen, nicht alle drei Lesungen vorzutragen. Das „Direktorium für Kindermessen“ – ein inzwischen schon 45-jähriges Dokument der römischen Gottesdienstkongregation – ist auch heute noch lesenswert für alle, die bei der Feier von Gottesdiensten mit Kindern besondere Verantwortung tragen. Es zeichnet sich durch eine hohe pastorale und katechetische Kompetenz aus. Dort wird zur Auswahl der biblischen Lesungen in Kindermessen zunächst der Grundsatz betont, dass es keine Kindermesse ohne biblische Lesung geben darf (Nr. 41). Dabei sollen an Sonn- und Feiertagen zunächst die Lesungen vom Tag beachtet werden. Falls diese aber „den Kindern nur schwer verständlich sind“, können auch nur zwei oder sogar nur eine Lesung ausgewählt werden, wobei diese immer aus dem Evangelium sein muss (vgl. Nr. 42). Und das Direktorium geht noch weiter: „Wenn alle Tageslesungen für die Kinder wenig geeignet erscheinen, dürfen die Lesungen […] beliebig aus dem Lektionar oder aus der Heiligen Schrift ausgewählt werden.“ (Nr. 43)

Trotz dieser Auswahlmöglichkeiten kann es für Liturgieverantwortliche bei der Vorbereitung eines Kinder- oder Familiengottesdienstes am Sonntag spannend sein, zunächst einmal ernsthaft die für diesen Tag vorgesehenen Lesungen zu betrachten. Vielleicht gibt es im Leben der Kinder Anknüpfungspunkte auch zu diesen Texten. Es kann inspirierend sein, nicht zuerst das Thema eines Gottesdienstes festzulegen und dann die entsprechenden (biblischen) Texte zu suchen, sondern sich von einer für diesen Tag vorgesehenen Lesung zu einem roten Faden im Gottesdienst anregen zu lassen.

Eine versteckte Quelle praktischer Tipps…

Die Hochschätzung der Heiligen Schrift auch in der Liturgie, die mit Kindern gefeiert wird, bedeutet nicht nur, dass sie nicht ausfallen darf, sondern auch, dass sie nicht einfach heruntergelesen werden darf. Auch die Verkündigung muss der Aufnahmefähigkeit der Kinder angepasst werden. Die sorgfältige Vorbereitung der Verkündigung ist ein Zeichen der Hochschätzung der Heiligen Schrift. Neben vielen Anregungen aus entsprechenden Werkbüchern finden sich dazu in der Pastoralen Einführung des leider vergriffenen „Lektionars für Gottesdienste mit Kindern“ Impulse, die auch auf andere Gottesdienstformen angewandt werden können. Sie sind vielfach schon lebendige Praxis, können aber auch heute, 37 Jahre nach Erscheinen dieses Lektionars, inspirieren. Deshalb werden sie im Folgenden abschliessend genannt (kursiv) und teilweise kurz kommentiert:

  • Kinder können beim Vortragen der Lesung beteiligt werden. Besonders, wenn Kinder sich schon vor dem Gottesdienst mit einem biblischen Text auseinandergesetzt haben, können sie in der Lage sein, diesen Text für die anderen Kinder und die Gemeinde verständlich (!) vorzulesen.
  • Auch wenn Paraphrasen, also eine umschreibende Wiedergaben biblischer Texte, v.a. in der Eucharistiefeier nicht erlaubt sind, schlägt das Lektionar, besonders bei langen Texten, vor, einen Teil der Lesung zu erzählen und einen anderen Teil dann aus der Bibel vorzulesen. Dies kann, gerade beim ersten Hören, die Spannung des Textes erhöhen.
  • Durch eine nichtbiblische Lesung können die Kinder zu den Lesungen hingeführt werden. Es sind also auch nichtbiblische Texte möglich. Im Idealfall helfen sie dem Verständnis eines biblischen Textes oder deuten diesen. Aus den oben genannten Gründen darf die nichtbiblische Lesung allerdings nicht die biblische ersetzen.
  • Der Hinführung zur biblischen Lesung kann auch ein Bild dienen. Heute sind, vor allem in Gottesdiensten mit kleineren Gruppen oder nur mit Kindern, andere Medien denkbar. In der Pastoralen Einführung zum Lektionar fehlt ein Hinweis auf die Bedeutung des Gesangs: Auch ein Lied kann auf eine Lesung vorbereiten oder bei ihrer Auslegung helfen.
  • Die Auslegung des biblischen Textes, in der den Kindern der Gehalt erschlossen werden soll, kann als Predigt geschehen, als Gespräch oder „in Form einer szenischen Darstellung mit einem deutenden Wort.“
  • Oft ist es sinnvoll, dass sich die Kinder schon vorgängig mit den Lesungen beschäftigt haben. Das „Lektionar für Gottesdienste mit Kinder“ nennt das Malen von Bildern, die dann im Gottesdienst von den Kindern vorgestellt werden. Heute sind auch andere Ergebnisse einer Beschäftigung mit einem biblischen Text denkbar, von einem selbst gedichteten „Rap“ bis zu eigenen Videos.
  • „Die Verkündigung und Auslegung des Gotteswortes“ kann auch Aufgabe von Nicht-Priestern und NichtheologInnen sein, nämlich von solchen, die besonders mit der Sprach- und Lebenswelt von Kindern vertraut sind. Das Lektionar nennt Eltern, KatechetInnen und ErzieherInnen. Der Kreis kann aber sicher noch weiter gezogen werden: JugendarbeiterInnen, PfadileiterInnen, usw.

Schliesslich weist das Lektionar auf den Zusammenhang zwischen Wortverkündigung und anschliessender eucharistischer Feier hin. Die Ausdeutung des Schrifttextes sollte diesen Gesamtrahmen berücksichtigen. Ähnliches gilt auch für Schriftlesungen und deren Verkündigung in anderen Gottesdienstformen, z.B. bei der Feier von Sakramenten.

«Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn.»

2. Vatikanisches Konzil (1962-1965): Konstitution über die heilige Liturgie (Sacrosanctum Concilium SC), Art. 24

Das „Direktorium für Kindermessen“ ist u.a. veröffentlicht in: Die Messfeier – Dokumentensammlung. Auswahl für die Praxis, 122015, 145-161 (auch online verfügbar).

Martin Conrad, Mitarbeiter Liturgisches Institut CC BY-NC-SA 3.0  Martin Conrad | reli.ch
Kompetenz: 1E-1, 1E-3, 2E-1, 2E-3, 2E-5, 3E-1, 3E-3, 4E-2
Leitsatz 12