Fachbeiträge

Von der Spiritualität des Kaffees und warum es sich lohnt, einfach mal hinzugehen

© Sebastian Baer-Henney

Kaffee. Kaffee hat heute fast schon spirituelle Bedeutung. Denn Kaffee trägt das Leben. Er erweckt mich morgens auf, er begleitet mich an meinen Schreibtisch. Wenn ich nicht weiter weiß, dann koche ich mir eine Tasse, und wenn ich Menschen treffen will, um mit ihnen zu sprechen, dann nehmen wir uns Kaffee dazu, denn er bricht das Eis, ist Gesprächsöffner, Conférencier unserer Teamarbeit und – ganz nebenbei – auch aller privaten Gemütlichkeit, zumindest so lange, wie der Wein noch nicht mit der Nachtschicht begonnen hat.

Das klingt alles ein wenig überspitzt, aber für viele Menschen ist es tatsächlich so, dass ohne Kaffee gar nichts geht. Entsprechend suchen sie sich Orte danach aus, wie die Darreichungsform ist. Während der geschäftig Arbeitende ihn sich im Pappbecher aus der Bäckerei mitnimmt, geht die Stilbewusste in einen vornehmen Kaffeeladen, wo es Coldbrew-Tonic zu trinken gibt. Andere gehen in ein klassisches Kaffeehaus und konsumorientierte Menschen zu den großen Ketten, wo der Kaffee wie ein Lebensgefühl mit Schlagsahne gekrönt massentauglich vermarktet wird. Wer was von Gastronomie versteht, der macht sich vorher Gedanken darum, welche Menschen er ansprechen möchte und wie sie wohl ihren Kaffee gereicht bekommen wollen – denn schlicht Kaffee anzubieten ist in einer Zeit, wo selbst die Tasse an der Autobahnraststätte emotional aufgeladen wird, einfach nicht mehr ausreichend. Warum ich das schreibe? Weil es vielen sofort einleuchtet.

Bei der Kirche tut es das nicht, obwohl es eigentlich das gleiche Problem ist. Denn die Menschen haben spirituelle Anliegen. In dem – weitgehend nicht kirchlichen – Milieu, in dem ich mich bewege, haben die Menschen viele Fragen, was Übernatürliches, was Gleichgewicht, was Schöpfungsbewusstsein angeht, allerdings würden sie es anders nennen. Und für andere Milieus trifft das ähnlich zu. Es gibt unglaublich viele Menschen, die eigentlich gerne spirituell andocken würden, dies aber bei der Kirche in der Form, wie sie ihnen begegnet, nicht können. Denn während die Menschen auf der Suche nach Gourmetkaffee in ihrer für sie passenden Darreichungsform sind, verkauft die Kirche weiter Einheitskaffee aus großen Automaten. An vielen Stellen wird noch ein „One-Size-Fits-All“ generiert, und der Anspruch vieler parochial organisierter Gemeinden ist, alle erreichen zu wollen. Ein Café, das alle erreichen will, gibt es nicht. Und eine Kirche, die alle erreichen möchte, ist gleichfalls eine Illusion. Nein, es muss darum gehen, dass die Menschen in der  Kirche die Menschen in ihren spirituellen Bedürfnissen und ihren jeweiligen Lebenswelten ernst nehmen und sich auf sie zubewegen, die Kirche so gestalten, dass sie ihrer Lebenswirklichkeit entspricht und so anschlussfähig wird.

Anbiedernd. Das ist das Wort, das vielen Menschen in den Sinn kommt, wenn ich mit ihnen über dieses Vorgehen spreche. Ich sehe das nicht so, weil die Kirche nicht anfangen soll, gekünstelt in die Lebenswelt der Menschen einzudringen und sich dort ihnen gemäß zu verhalten. Das wirkt dann ähnlich aufgesetzt wie ein Fünfzigjähriger, der krampfhaft versucht, in Jugendsprache zu sprechen. Es ist nicht authentisch und daher nicht glaubwürdig. Nein, nicht anbiedernd, sondern ernsthaft aufbrechend muss die kirchliche Arbeit in diesem Fall werden. Das heißt, dass man zu den Menschen hingeht, und sie fragt, was sie sich von der Kirche wünschen. Und wenn man merkt, dass schon das Fragen nicht funktioniert, weil man die Sprache der Menschen nicht spricht, dann muss man Menschen finden, die die Sprache sprechen. In der Jugendarbeit brauche ich jugendliche Mitarbeitende, die zwischen mir und den Jugendlichen übersetzen können. Und in der milieuorientierten Gemeindearbeit ist das genauso. In die Lebenswelt hineingehen, aus der Lebenswelt heraus Kirche so gestalten, dass sie für die Menschen anschlussfähig wird. Das ist die Aufgabe.

Immer mehr Initiativen in Deutschland arbeiten daran. Inspiriert sind sie unter anderem von der Bewegung der Fresh-Expressions of Church, die aus England stammend inzwischen eine weltweite Reformbewegung der Kirche geworden ist. Inkarnatorisch vorgehen, sich aufmachen wie Jesus selbst, der Knechtgestalt annahm, sich entäußerte, seine Welt verließ, um in die unsere zu kommen. Das ist kein leichtes Unterfangen und es braucht Zeit.

Menschen, die sich aus der Kirche heraus aufmachen, nennt man Pioniere. Sie erkunden wie die biblischen Kundschafter Neuland und schauen, wo es hingehen kann für die Kirche. Konkret gehen sie hin und beobachten genau: Welche Menschen gibt es eigentlich hier im Stadtteil, welche Menschen gibt es nicht. Was machen die, die hier wohnen, welchem Milieu, welcher Lebenswelt entstammen sie. Wie trinken sie ihren Kaffee – oder was auch immer. Wie verbringen sie ihre Freizeit? Wie sieht es bei ihnen aus? Und – am allerwichtigsten – bin ich da anschlussfähig, und wenn nicht, wen könnte ich suchen, der da anschlussfähig ist. In Deutschland hat die Kirche ein großes Problem mit der Verengung des eigenen Milieus. Die allermeisten Menschen, die in der Kirche arbeiten, sind von ihr geprägt und sind entsprechend kirchlich. Das wiederum ist für viele Menschen, die nicht kirchlich sind, schwierig. Denn in der Kirche wird oft eine eigene Sprache gesprochen, die ästhetischen Vorlieben sind anders, die Zeiten und Rhythmen (in Deutschland gehen die meisten Menschen sonntagsvormittags doch lieber frühstücken), die Musik, die Wege der Kommunikation – alles ist anders und daher erstmal nicht anschlussfähig. Wenn aber zu viele Menschen aus demselben Milieu stammen, dann wird das auch nicht infrage gestellt. Weil ja alle die Codes kennen und Teil davon sind. Entsprechend ist es eine Aufgabe für die Kirche, Menschen zu finden, die das eigene Ich infrage stellen, die die Codes aufschlüsseln und gucken, was überhaupt davon für andere verständlich gemacht werden kann und soll – und wo vielleicht auch einfach ganz neue Sprechweisen nötig sind, um das Evangelium zu kommunizieren.

In Köln Mülheim haben wir uns als beymeister auf den Weg gemacht. beymeister, das waren im Mittelalter die Zunftmeister der Handwerker, die sich gegenseitig mit Rat und Tat beistanden, aber nicht einer über den anderen gesetzt war. Mit diesem Gedanken sind wir zu den Menschen hingegangen und haben ganz offen gefragt. Auf Augenhöhe, nicht mit fertigen Antworten oder mit einem „Somussessein“. Offen haben wir gefragt und die Menschen in ihrer Meinung ernst genommen: „Was müsste die Kirche eigentlich für Euch machen, damit Ihr was davon habt.“ Uns kam dabei zugute, dass wir eben nicht dem kirchlichen Milieu entspringen sondern – obwohl Pfarrer und Gemeindepädagogin – eher durch Zufall da reingerutscht waren. Wir beherrschen eine andere Milieusprache, sind quasi zweisprachig aufgewachsen. Das Resultat war verblüffend, denn irgendwie hatten sehr viele Menschen tatsächlich Anliegen und Wünsche, und so ist mit den Jahren eine Arbeit entstanden, die Kirche für Menschen ist, die mit Kirche nichts anfangen können.

Mit dem Fragen geht es los. Dem Aufbrechen. Dem Verlassen der kirchlichen Welt. Auf die Menschen zugehen – man spricht nicht umsonst von einer Geh-Struktur. Wenn die Kirche damit anfängt, dann ist schon was erreicht. Denn dann lernen wir, wieder stärker zu hören. Wir sehen, wo wir überhaupt nicht anknüpfungsfähig sind, wir erfahren, wo wir Menschen brauchen, die es sind – und so wird sich die Kirche verändern. Ich freue mich drauf. Wer macht mit?

 

 

 

 

Sebastian Baer-Henney ist Pfarrer in Köln. Zusammen mit Miriam Hoffmann hat er vor fünf Jahren die beymeister gegründet. Er trinkt gerne Kaffee, hat eine Frau und zwei Kinder und sehnt sich nach einer Kirche, die aufbricht. Mehr Infos zu den beymeistern gibt es auf www.beymeister.de und mehr von seinen Gedanken auf www.relevanzvakanz.de .
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