Fachbeiträge

Vom Sitzen und Herrschen

© Lothar Teckemeyer

Im Kontext mit der Kulturgeschichte des „Stuhls“ und unseren Sitzgewohnheiten (übrigens die umfassendste Tätigkeit der Schüler in Bildungseinrichtungen) lassen sich Themenfelder wie „Gottesherrschaft“, „Von wem lasse ich mir etwas sagen“ oder „Bewahrung der Schöpfung“ konkret  im Sinne der performativen Religionsdidaktik behandeln.

Wer hat was zu sagen

„Von wem lasse ich mir etwas sagen?“- „Über wen und was kann wer bestimmen?“- „Wem gehört was?“ – „Wem gegenüber muss ich mich verantworten?“ – „Gelten Gesetze und Gebote uneingeschränkt?“ dies alles sind grundsätzliche Fragen im Religionsunterricht. Auch das Bibelwort über die „Herrschaft“ des Menschen „über die ganze Erde“(Gen 1,26) wirft Fragen auf. Im Umgang mit Stühlen lassen sich diese Fragen klären.

Ein Stuhl ist mehr als ein Stuhl

Sitzen ist für uns zur Alltagsgewohnheit geworden. Wir sitzen am Schreibtisch, im Bus, auf der Toilette, im Kino, vor dem Computer… Meistens sitzen wir auf Stühlen.

Dass ein Stuhl mehr ist als ein Stuhl, wird spätestens dann deutlich, wenn vom „Heiligen Stuhl“ in Rom die Rede ist oder vom „Lehrstuhl“ eines Professors oder einer Professorin. Der Kanzlerstuhl am Kabinettstisch in Berlin ist höher als der Stuhl der Minister. Ein ganz besonderer Stuhl ist der Thron. Stühle können Rang und Bedeutung einer Person bestimmen. Spätestens dann, wenn jemand vor den Richterstuhl treten muss, weiss er, vor wem er seine Taten verantworten muss.

Wer sitzt hat Besitz

Die Nomaden haben keine Stühle. Wer keinen festen Wohn-„Sitz“ hat, braucht auch keinen Stuhl. Wer „Besitz“ erwirbt, besetzt mit einem Stuhl sein Herrschaftsgebiet. Wer einen „Sitz“ hat, zeigt an, dass ihm etwas gehört. Er Besitz, Eigentum oder Anspruch auf etwas hat. Göt­ter sitzen auf Thronen, später Kaiser, Könige und Bischöfe. Der Stuhl war so sehr ein Symbol des göttlichen und weltlichen Herrschers, dass er diesen sogar zu er­setzen vermochte. Der Bischofsstuhl in einem Dom zeigt an, wer das Oberhaupt der Diözese ist. Auch wenn der Bischof nicht anwesend ist, wird durch den Bischofs­stuhl intermediär die Gegenwart des Bischofs präsentiert. Zur klerikalen Regel gehört, auch dann dem leeren Stuhl seine Ehrerbietung zu erweisen, wenn der Bischof abwe­send ist.

Wie das Sitzen im Gottesdienst Einzug hielt

In den Kirchen sind die Bänke für alle erst mit der Reformation eingeführt wor­den. Sitzen ist die körperliche Ausdrucksform der reformatorischen Entdeckung, „dass nämlich der Mensch zu seinem Heil nichts tun kann und auch nichts tun muss, weil Gottes seligmachendes Wort ihm alle Gerechtigkeit schenkt“, muss er sitzen. (M Josuttis, S. 126 f.) Bis zur Refor­ma­tion gab es nur das Chorge­stühl, auf dem der Klerus saß. Doch auch nach der Re­forma­tion durfte nicht jeder sitzen, wo er wollte. Die Plätze waren num­meriert und „im Be­sitz“ verschiedener Familien. Die, die nichts besassen, kamen auf die „arme Sünder­bank“. Während Jesus noch mit seinen Jüngern beim Abendmahl zu Tische lag (Lk 22,14), ist heute die Haupt­tätigkeit aller Gottesdienstbesuchenden das Sitzen.

Vom Sitzen bis zum Gesetz

Wer liegt, der ruht. Wer steht oder geht, der demonstriert Tatkraft. Das Sitzen ist dazwischen. Sitzen ist gut, wenn man seinen Gedanken nachfolgen will. Zuschauer sitzen meistens. Viele Beratungen finden in Sitzungen statt. In der Schule ist das Stillsitzen erwünscht aber nicht das Sitzenbleiben. Übel ist es, wenn jemand seine Strafe im Gefängnis „absitzen“ muss. Länder werden in Kriegen besetzt. Man spricht da­von, dass Menschen von „bösen Geistern“ besessen sein können. Das, was ich habe, was mir gehört, ist mein Besitz. Das Unumstössliche ist Gesetz, was für alle gilt, ist die Satzung, wer Recht bekommen will, muss sich durchsetzen. „Sitzen“ klärt in vielen Bereichen Machtstrukturen und Rechtsverhältnisse. (H. Eickhoff, S. 12 ff.)

Das Stuhl-Projekt

Als gemeinsames Projekt des Kunst- und Religionsunterrichts haben 22 Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe ihren Stuhl hergestellt. Aus alten, nicht mehr gebrauchten Stühlen entstanden u.a. ein Reservat für Flora und Fauna, ein Hand­­­puppentheater, ein gedeckter Tisch mit Pasta und Wein, ein himmlischer Thron mit Engelsflügeln bzw. ein Reitsitz mit Sattel und Steigbügeln. 22 Schüler und Schü­lerinnen „besetzten“ Alltagsstühle mit ihrer Phantasie. Abschliessend wurden die Stühle in einer Ausstellung präsentiert.  Sie zeigen anschaulich, was „Besetzungen“ sein können. Die Besucher wurden aufgefordert, sich auf einige Stühle zu setzen. Wer sich auf den Naturstuhl setzte, zerstörte zugleich das Kunstwerk „Natur“. Man konnte aber auch auf „Wolke sieben“ schweben. Auf dem „Gottes Stuhl“ konnte niemand Platz nehmen. Feine, kaum sichtbare Nylonfäden waren zwischen Sitzfläche und Lehne so verspannt, sodass es unmöglich war, auf dem schwarz lackiertem Stuhl zu sitzen. Die Interpretation des Künstlers: „Dieser Stuhl ist unbesetzbar. Es ist ein Stuhl der Freiheit. Er ist auch nicht mit Gegenständen geklebt. Die Leere lässt Platz für Vorstellungen in unserem Kopf.“

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Literatur

Josuttis, Der Wege in das Leben, 2. Aufl., Gütersloh 1993

Eickhoff , Kulturgeschichte des Sitzens, Frankfurt 1997

 

Lothar Teckemeyer, Pfarrer i.R., hat in Deutschland und in der Schweiz als Pfarrer und Lehrer gearbeitet. Er ist ausgebildeter Psychodramaleiter. Aktuell hat er einen Lehrauftrag an der Uni Paderborn (Fakultät für Kulturwissenschaften) mit dem Schwerpunkt Performative Religionsdidaktik   CC BY-NC-SA 3.0  Lothar Teckemeyer | reli.ch
Kompetenz: 2C-3, 3B-2, 3B-3, 4B-3