Fachbeiträge

Vom Heiligen Nikolaus oder: „Wir sind das Volk“

© Jörg Sabel / pixelio.de

Über den Heiligen Nikolaus wird viel erzählt: In zahlreichen Legenden tritt er als Wundertäter auf. Im Brauchtum ist er fest verankert, am 6. Dezember erscheint er als Samichlaus, als Sinterklaas oder Santa Claus. Er ist Schutzpatron und Namensgeber vieler Kirchen und Schulen. Weniger bekannt ist jedoch, dass seine Wirkkraft in seinem Namen steckt.

Christenverfolgung

Wir schreiben das Jahr 303. In Rom ist der Kaiser Diocletian an die Macht gekommen. Er beschliesst gegen die Chri­sten in sei­nem Reich gesetzlich vorzugehen. Fünfzig Jahre waren sie unbe­helligt geblieben, ab jetzt soll nur der Kaiserkult gel­ten. In den zehn Jahren der Regentschaft Diocletians kommt es zu den schwersten Ver­folgungen, die das Chri­stentum in alter Zeit erlebt hat: Chris­tliche Gottesdienste wer­den ver­boten, heilige Bücher ver­brannt. Christen verlie­ren die bür­ger­lichen Rechte, sie werden gefoltert. Jene, die sich stand­haft zu Christus bekennen, müssen mit dem Tod rech­nen. Die Beamten und Soldaten, die mit der Ver­fol­gung in der Provinz Lykien beauftragt sind, haben keine leichte Auf­gabe. Zum einen sind die Chris­ten zahl­reicher als vermutet, zum an­deren bekennt sich ein­ beträcht­licher Teil der römischen Ver­wal­­tungs­­beamten selbst zum Chri­stentum. Trotz kaiserlicher Gebo­te und Ge­walt­an­dro­hung gelingt es nicht, die Christen auszurotten.

Der Name „Nikolaus“ wird populär

Eine Form des „stille“ Wi­derstand des Volkes findet in der Namensge­bung der neu­geborenen Söh­ne statt. Viele Christen nennen in dieser Zeit ihre  Söhne „Ni­ko­laus“ – „Sieg des Volkes“. „Niko­laus“ heißt im Griechischen „Niko­laos“. Die ersten zwei Silben benennen die Siegesgötting „Nike“, „laos“ heißt „ein­faches Volk“, das deutsche Wort „Laie“ ist von „laos“ abgeleitet. Nachdem Kaiser Konstantin die Macht im römi­schen Reich be­sitzt, kommt es im Jahre 313 zur Duldung der Christen. Mit der so­ge­nann­ten „Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de“, an derem En­de das Christentum Staatsre­li­gion ist, hört die Christenverfolgung auf. So ist unter der Herrschaft des Diocletian der Name Nikolaus zum Bekenntnis geworden und zugleich in Mode gekommen. Viele heissen so. Deshalb überrascht es nicht, wenn in Myra, einer Stadt in Lykien, ein Bischof namens Nikolaus bis 340 amtet.

Die friedliche Revolution von 1989

Bis zu zweitausend Menschen versammeln sich im Herbst 1989 jeden Montag in der Nikolai-Kirche in Leipzig zum Frie­dens­gebet. Anschliessend kommt es zu Demonstrationen. Die Menschen ziehen durch die Strassen und rufen: „Wir sind das Volk“. In den Geschichtsbüchern steht heute, dass die Ni­kolai-Kir­che in Leipzig einer der Orte war, von denen der friedliche Umsturz in der ehemaligen DDR ausging. In einem Gedicht des Schriftstellers Hermann Goltz heisst es dazu: „Die Staatssicherheit hatte ganz vergessen, den Heiligen (Nikolaus) in Sicherheitsver­wahrung zu nehmen. So tat er still seine Arbeit. Und alle wun­der­­ten sich über die Gewalt­lo­sig­keit und über die Friedlichkeit des Umsturzes im Spätherbst 1989 um Sankt-Nikolai.“(„Hymnus“ v. Hermann Goltz; aus P. Imhof, Nikolaus, Aschaffenburg, 1997.)

Wir sind das Volk

Eine der Parolen, die 1989 bei der friedlichen Revolution auch in Leipzig gerufen wurde hiess: „Wir sind das Volk“. Wohl nur wenige der Demonstranten haben dabei an den Nikolaus gedacht, sonst hätten sie auch „Nikolaus“ rufen kön­nen, denn frei übersetzt bedeutet Niko­laus nichts anderes als „Wir sind das Volk“. „Das einfache Volk gewinnt“.

Das Programm „Nikolaus“

„Nikolaus“ ist nicht nur ein Name, „Nikolaus“ ist Pro­­gramm: Rechtlose be­­kommen Recht, Arme werden beschenkt, Schwache beschützt. In der Person des Bischofs von Myra hat dieses Programm seine Per­­­sonifizierung erfahren. In zahlreichen Legenden werden seine helfenden Taten erzählt. Kirchen und Schulen werden nach ihm be­nannt. Er wird zum Schutzpatron der Kauf­leute und Bäcker, der Seefahrer, der Richter, aber auch der Armen und Rechtlosen.

Das Programm „Nikolaus“ wird personifiziert, die Überzeugung, dass das Volk siegen wird, wird verkörpert. Das Korn ge­hört den hun­gern­den Menschen in Myra und nicht dem Kaiser in Konstantinopel (Legende von den Getreideschiffen), die drei Jungfrauen müssen nicht in die Prostitution verkauft werden (Jungfrauenlegende), so die Poi­n­ten bekann­ter Nikolauslegenden. Das Volk wird satt, es erfährt Hilfe, es siegt. Und: Das zeigen die Ereignisse in Leipzig, Nikolaus wirkt bis heute, auch wenn er nur als Statue dabei ist. Er wirkt unscheinbar und geheimnisvoll – so behauptet es die Sprache des Glaubens.

Genitivus subjectivus oder objectivus

Allerdings kann der Name „Nikolaus“ auch anders gedeutet werden. In der bisher vorgestellten Interpretation wird der Name „Niko-laos“ als  Genitivus subjectivus verstanden. Da ist das einfache Volk siegender Akteur. Verstehen wir „Niko-laos“ im Sinne des Genitivus objektivus, dann wird das Volk besiegt, dann heißt „Niko-laos“ „Sieg über das Volk“. Menschen haben sich zu fügen und unterzuordnen. Auch diese Deutung finden wir in der Brauchtumsgeschichte.

Der Spekulator

Im Mittelalter – zunächst in den Dom- und Klosterschulen, später auch in den Stadtschulen – wurden die Zeiten vor den kirchlichen Hochfesten (Ostern und Weihnach­ten) für unterrichtliche Zwecke ge­nutzt. War in der Passionszeit der Unterricht primär für die Tauf­­­­­­be­wer­ber gedacht, so nutzte man die Ad­vents­zeit, die mit dem Martinstag (11.11.) begann, vor allem für die Unterweisung der Kin­der in Gesang, Bibellektüre und Glaubenslehre. Im Rahmen dieses vorweihnachtlichen Unterrichts spielt der Heiligen Niko­laus eine wichtige Rolle. Am Vorabend des 6. De­­zem­­bers kam er in die Schulen, um die er­wor­be­nen Kenntnisse und den Anstand der Kinder zu ­prüfen. Heute geschieht das immer noch, meistens aber in Familien, Kindergärten, Vereinen oder anderen Versammlungen. In diesem Brauchtum ist Nikolaus der Inspektor, der episcopos spe­­culator. Er ist der „Sieger über das Volk“, der Kontrolleur und Richter über Anstand, Wissen und Sitte.

Nikolaus und seine Begleiter

Oft erscheint der Nikolaus nicht alleine, zahlreiche dunkle Gestalten begleiten ihn. Die Begleiter des Heiligen haben je nach Region un­terschiedli­che Namen, sie heissen „Schwarzer Geselle“, „Bick­esel“, „Schmutzli“ oder „Knecht Rup­recht“. Mit Dramatik und Strenge werden die Prüflinge zu einem tugendhaften Leben angehalten. Während der Ni­ko­laus als der Schen­kende und Lobende auftritt, haben sei­ne Begleiter die Funktion, die Kon­­se­quenzen eines lasterhaften Lebens vor Au­gen zu führen. Knecht Rup­recht, der die bö­sen Kinder mit der Rute bestraft oder in den Sack steckt, steht da­bei am Ende einer langen Tra­di­tion.

Kerbholz und Spekulatius

In der Barockzeit entstand der Brauch, Klau­sen­höl­zer, später dann auch Klausenbücher, her­zu­stellen. An der Anzahl der Kerben bzw. Ein­tra­gungen konnte der Be­such der Messen und auf­gesagten Gebete nach­ge­wie­sen werden. So wurden die guten Werke markiert, die nötig waren, um Gnade vor dem Nikolaus aber auch vor Gott zu erlangen. An Hand der Eintragungen im Buch oder der Kerben im Holz sahen die Inspektoren, wie viel die Zöglinge auf dem „Kerbholz“ hatten. War es zu wenig, hagelte es Strafen.

Im Niederdeutschen erhielten die braven Kinder zur Belohnung einen „Spekulatius“ aus der Hand des Inspektors Nikolaus, ein bis heute sehr beliebtes Adventsgebäck. Gegenwärtig geschieht die Belohnung eher indirekt, der Nikolaus füllt die vor die Tür gestellten frisch geputzten Schuhe mit Süßigkeiten und anderen Geschenken.

Der Nikolaus im Struwwelpeter

Wie sehr das Prinzip des Belohnens und Be­strafens als pädagogisches Konzept bis heute verbreitet ist, zeigt uns das in unserer Volks­kultur nach wie vor weit verbreitete Bilderbuch „Der Struwwel­pe­ter“ von H. Hoffmann (Erst­erscheinung 1847). Es ist ein Paradebeispiel schwarzer Pädagogik. In ihm tritt Nikolaus als „Erzieher“ auf. Drei un­ge­zogene Knaben, die sich über einen Mohren amü­sieren, werden von ihm in ein Tintenfass ge­steckt.

Welchen Erzieher wollen wir?

Der Nikolaus ist in den Legenden und im Brauchtum bis heute „aktiv“, sowohl in Sinne des Genetivus subjektivus als auch des Genetivus objektivus. Dort wo wir von ihm erzählen oder ihn ins Spiel bringen, kann er tröstend oder strafend, richtend, verzeihend, stärkend oder fürsorglich erscheinen. Als Inspektor tritt er prüfend und urteilend auf. Welche Eigenschaften hat er heute als Anwalt der Schüler und Schülerinnen? Nikolausbrauchtum aktuell zu gestalten, bedeutet auch, danach zu fragen: „Für welche Erziehung stehen wir?“.

Lebendiges Brauchtum

Wenn wir das Brauchtum vom Nikolaus gestalten, wird nicht nur erinnert. Hier findet gestaltete Ge­genwart statt. Jemand über­nimmt die Rolle des Heiligen und trägt seine Kleidung. Mit Gestik und Spra­­che mit „Wort und Tat“ macht er den Mythos lebendig. Die schützenden Taten des Nikolaus, wie sie uns aus den Le­genden bekannt sind, werden im Augenblick der Inszenierung oder Erzählung aus der Geschichte „her­­aus­geholt“ in die Gegenwart.

Niko-Laien

Die Figur des Nikolaus kann zum einen christliche Tugenden wie Liebe, Fürsorge und Helfen verkörpern. Durch die Personifi­zierungen be­kommt die „Demut“ ein Gesicht und die Hilfsbereit­schaft eine mensch­­liche Hal­tung. Vom Heiligen Nikolaus wird erzählt, was es heisst, sich um andere zu küm­mern. Zum anderen kann er aber auch in der Rolle des Tugendwächters auftreten. Wie auch immer, dort, wo der Nikolaus ins Spiel kommt, wird „in seinem Namen“ gehandelt. „Im Na­men“ eines Heiligen zu handeln ist Ver­pflichtung. Heute handelnde Akteure tun im Spiel das, was der Heilige Niko­laus tun würde.

Was dem Nikolausbrauchtum aktuell neu Bedeutung verleihen könnte, sind Menschen, die die Rolle des Nikolaus als „Niko-Laien“ gestalten. „Niko-Laien“ sind Menschen, die darauf vertrau­en, dass das einfache Volk, Recht bekom­men, denn das einfache Volk siegt. Schliesslich ist der Heilige Nikolaus Schutzpatron. Er schützt vor Mobbing, ist Anwalt der Aussenseiter und steht an der Seite derer, die sonst zu kurz kommen.

Lothar Teckemeyer, Pfarrer i.R., hat in Deutschland und in der Schweiz als Pfarrer und Lehrer gearbeitet. Er ist ausgebildeter Psychodramaleiter. Aktuell hat er einen Lehrauftrag an der Uni Paderborn (Fakultät für Kulturwissenschaften) mit dem Schwerpunkt Performative Religionsdidaktik. CC BY-NC-SA 3.0 Lothar Teckemeyer | reli.ch
Kompetenz: 1C-3, 2A-1, 2A-2