Fachbeiträge

Versöhnungskultur

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«Versöhnungskultur» ist der Titel der neuesten Publikation, welche das «Netzwerk Katechese» den katechetisch Tätigen anbietet. Versöhnungskultur als Basis jeglichen Bussgeschehens weist auf ein Programm hin, welches die Engführungen der vergangenen Jahrzehnte (Fixierung auf die Beichte, Fixierung auf Kinder) überwinden kann.

Literatur zu Busse und Versöhnung

Sagen wir es offen: Das Thema hat im Rating sowohl der theologischen als auch der katechetischen Literatur einen schweren Stand. Im deutschsprachigen Raum wurde in den vergangenen zwanzig Jahren ein katholisches fachtheologisches Buch zur Beichte publiziert. Auch die katechetische Literatur lässt sich an einer Hand abzählen. Wenn wir das mit der Fachliteratur zu Eucharistie und Erstkommunion vergleichen, stehen Welten dazwischen.

Darum hört man auch immer wieder von jenen katechetisch Tätigen, die das Thema Busse/Versöhnung meist in der 4. Primarklasse vermitteln, einen gewissen Frust. Sie stehen im Schatten der emotional im positiven Sinne hoch besetzten Erstkommunion.

Aktuelle Versöhnung!

Natürlich erfreut sich die Auseinandersetzung mit Schuld, Sünde und Busse keiner grossen Beliebtheit. Vor allen die Kirche hat in vielerlei Hinsicht damit Missbrauch getrieben. Auch viele in der kirchlichen Verkündigung Tätigen haben die Begriffe inzwischen aus ihrem Vokabular gestrichen.

Da tönt Versöhnung schon besser! Allerdings braucht es diese nicht, wenn nicht irgendeine Schuld im Raum stehen würde, die aufgearbeitet und vergeben werden soll.

Das gilt auch für den profanen Raum: Wahrheitskommissionen in Südafrika und anderen von bürgerkriegsähnlichen Konflikten geprägten Ländern haben dies gezeigt. Erst wenn die Geschichte aufgearbeitet wurde und die für die Missstände Verantwortlichen zu ihrer persönlichen Mitschuld bekannt haben, dann wird Versöhnung möglich.

Dies kann nur in einem länger dauernden Prozess geschehen. Damit sind wir wieder bei der Kirche: Es ist nicht möglich, im Rahmen eines stündigen «Versöhnungsgottesdienstes» Gewissenserforschung (im Sinne einer inneren Wahrheitskommission!) und einen neuen Lebensstil (Bussprozess) mit abschliessender Versöhnung zu feiern. Das ist oberflächlich und unseriös.

Es braucht in unseren Pfarrgemeinden eine eigentliche Versöhnungskultur.

Der Name ist Programm

Damit sind wir wieder bei der oben erwähnten Publikation. Diese ist die Überarbeitung eines Werkbuches zur Gemeindekatechese, das noch «Busswege und Versöhnungsfeiern» hiess. Dieser Titel ist als Untertitel erhalten geblieben. «Versöhnungskultur» verweist auf die grundsätzlichen Probleme, die wir mit dem Thema haben:

  • Die sogenannte Beichtkrise hat dazu geführt, dass das Busssakrament zum Kindersakrament wurde. Mit dem Argument, dass die Kinder auf die Beichte hingeführt werden müssen, damit dies zu einer guten Gewohnheit werde, wurden Kinder jahrzehntelang in eine Sackgasse geführt.
  • Aber auch die Versöhnungswege, die anstelle der Beichtvorbereitung angeboten wurden, hatten einen ähnlichen Mangel: All zu oft waren sie auf Kinder zugeschnitten und blieben eine einmalige Angelegenheit.
  • Die Erwachsenen blieben da aussen vor. Schuld und Sünde waren zum Kinderthema geworden. Diese absurde Situation führte auch dazu, dass die Verdrängung des Themas bei den Erwachsenen, zu einem Begriffschaos führte. Wer heute katechetisch Tätige zu diesem Thema ausbildet, muss zuerst die Begriffe klären, sonst redet man stundenlang aneinander vorbei.

Alte und neue Versöhnungskultur

Versöhnungskultur gab es schon einmal: In den Kirchen der ersten Jahrhunderte war das Busssakrament für die schweren Sünden reserviert (Glaubensabfall, Mord und Ehebruch). Die anderen, alltäglichen Sünden wurden in verschiedensten Bussprozessen bereut und aufgearbeitet. Vor allem in der sonntäglichen Eucharistiefeier fand die Versöhnung mit Gott und der Gemeinschaft statt.

Damit findet sich eine alte Perspektive, die in erneuerter Form auch für uns wieder aktuell werden könnte. Eine lebendige Versöhnungskultur in den Pfarrgemeinden, welche die Angst nimmt, die Dinge beim Namen zu nennen und die Prozesse zum befreienden Versöhnungsgeschehen anbieten will, kann sich etablieren. Das dies zuerst bei den Erwachsenen geschehen muss, versteht sich von selbst.

Das Buch

In verschiedenen Fachartikeln werden biblische, theologische, liturgische, religionspädagogische und katechetische Grundlagen zum Thema vermittelt. Verschiedene Praxismodelle helfen bei der Umsetzung und regen an, in den Pfarreien eine authentische Versöhnungskultur aufzubauen.

Am 28.10.2020 findet eine Vernissage des Buches in Luzern statt. Alle Infos finden Sie hier.

Das Werk können Sie mittels dieses Links beziehen.

Dr. theol. Markus Arnold (*1953) studierte in Zürich, Chur und Fribourg Pädagogik sowie Theologie mit dem Schwerpunkt Theologische Ethik. Er war bis 2018 Studienleiter und Dozent für Theologische Ethik des RPI. CC BY-NC-SA 3.0 Markus Arnold | reli.ch    
Kompetenz: 1A-2, 2E-1, 2E-7, 3E-3