Fachbeiträge

Vaterunser auswendig beten? Aber ja!

Albrecht Dürer: Betende Hände

Nichts ist heute so tabu, wie über den eigenen Glauben, über die eigene Beziehung zu Gott zu sprechen. „Das ist mir zu persönlich, zu intim“, so höre ich immer wieder Eltern sagen, wenn sie darauf angesprochen werden, wie sie denn selbst ihre Beziehung zu Gott gestalten. Doch Kinder können den Wert des Betens erst erfahren, wenn sie bei ihren Eltern erleben, dass für sie das Gebet wichtig ist.

Das Vaterunser ist ursprünglich ein Gebet für Erwachsene und wird doch in vielen Familien gebetet bzw. gehört zu den Gebeten, welche noch viele auswendig können. Heinrich Dickerhoff beschreibt eindrücklich welche Wirkung das Vaterunsergebet für ihn hat:

„Auf Dauer wird mich vor allem das tragen, was ich in mir trage-was mir in Fleisch und Blut übergegangen ist, was ich inwendig weiss. Dazu ist es gut, es auch auswendig zu können…Mit jedem Vaterunser erinnere ich mich an meine und aller Menschen Würde vor jeder Leistung, und ich erinnere mich an meinen Lebens-Auftrag. Ich begrenze mein Wünschen und entgrenze die Grosszügigkeit des Himmels. Das trägt.“

Vaterunser –geschätzt und überall gebetet

Das Vaterunser wird von vielen Menschen geschätzt. Es wird von allen Christen gebetet und ist in fast allen Sprachen der Welt übersetzt. Es wird in unterschiedlichen Situationen und Orten gebetet: im Alltag, als persönliches Gebet oder zusammen mit anderen im Gottesdienst. Es hat die Frömmigkeit, die Liturgie und die christliche Lehre stark geprägt. Der gedankliche Hintergrund des Vaterunsers ist nicht mehr ohne weiteres zugänglich und verlangt nach einem Vorwissen: Für wen war dieses Gebet ursprünglich gedacht? In welche Situation hinein war es formuliert? Was ist sein biblischer Hintergrund und was seine damalige Aussage? Damit das Vaterunser eine Verstehens- und Orientierungshilfe für das Leben sein kann, ist ebenso eine Annäherung notwendig aus der Situation des Lebens der Betenden heraus. Die Sprache des Vaterunsers ist abstrakt sowie offen formuliert und lädt dazu ein, sich mit den eigenen Fragen im Text wiederzufinden und Antworten entdecken zu können. Wenn Christen das Vaterunser beten, dann im Wortlaut des Evangelisten Matthäus (Mt 6,9-13), der dieses Gebet in die Mitte der Bergpredigt stellt. Bei Lukas lehrt Jesus die Jünger auf ihre Bitte hin das Beten und stellt ihnen das Vaterunser vor (Lk 11,2-4).

Vaterunser in der Katechese? Spannend!

Für den konfessionellen Religionsunterricht bzw. Katechese in der Pfarrei stellt sich die Aufgabe, die Eigenart des Vaterunsers und die heterogenen Voraussetzungen der Lerngruppe in den Blick zu nehmen. Auch wenn das Vaterunser ein wesentlicher Bestandteil christlichen Lebens ist, sagt das noch nichts aus über die Beziehung der Kinder und Jugendlichen zu diesem Gebet. Während den einen das Vaterunser fremd ist, gibt es andere, für die es ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens und ihrer Kultur ist. Manche beten es nur in Ausnahmesituationen, weil sie bestimmte Wünsche oder Ängste haben. Wieder andere kennen das Vaterunser nur aus dem Gottesdienst und können es nicht in Verbindung mit ihrem Alltag bringen. Weitere Unterschiede ergeben sich durch das soziale Umfeld, die konfessionelle Prägung und den Migrationshintergrund. Die Herausforderung für katechetisch Tätige besteht darin, diese Voraussetzungen wahrzunehmen und die Ressourcen der Kinder und Jugendlichen in einem moderierten Lernprozess zu entfalten oder weiterzuentwickeln. Das Vaterunser bietet hierzu verschiedene Ansatzpunkte:

  • Es bietet eine Orientierungshilfe für das Beten
  • Es vermittelt Gott als tragenden Grund des Lebens
  • Es zeigt Verhaltensweisen für ein gelingendes Leben

Vaterunser–Materialien: das verlockt zum Ausprobieren

Die Fachstelle für Religionspädagogik Zürich hat zum Vaterunser verschiedene Materialien entwickelt, die sich unmittelbar in die eigene Unterrichtspraxis einsetzen lassen. Diese beinhalten acht Unterrichtslektionen und einen Materialkoffer, der verschiedene Bücher und kreative Elemente bereitstellt wie Leporello, Vaterunser-Quartett, mehrsprachige Bandolinos und vieles mehr. Die Lektionen sind nicht mehr stufenbezogen, sondern jahrgangsübergreifend gestaltet. Sie können so für unterschiedliche Alter bzw. Reifegrade eingesetzt werden. Ebenso sind die Lektionen schon auf den neuen Lehrplan (LeRUKA) ausgerichtet, der Kompetenzen nach Zyklen einteilt. Darüber hinaus gibt es einzelne Lektionen mit interkulturellen, intergenerationellen und weiterführenden liturgischen Impulsen. Der Materialkoffer enthält eine Grundausstattung verschiedener Bücher sowohl für die Lehrperson als auch für den Unterricht sowie kreativ-spielerische Materialien für den Einsatz im Unterricht. Die Vaterunser Materialien können über die Fachstelle gekauft werden, der Materialkoffer über Relimedia ausgeliehen werden.

Kostproben aus den Vaterunser-Lektionen

Interkulturell

Ein kultursensibler Umgang mit der eigenen und fremden christlichen Kultur fördert das „Interkulturelle Elterncafe“ zum Thema Beten. Es wendet sich an die Zielgruppe Erwachsene mit und ohne Migrationshintergrund und ermutigt sie, die eigene wie die religiöse Ausdruckform der anderen als Bereicherung zu erleben. Eine weitere Empfehlung aus dem Materialkoffer sind Lektionen zum Vaterunser, die die Erfahrungen von christlichen Flüchtlingen zur Sprache bringen (Manfred Rieger, 2016). LeRUKA, Kompetenz 4; Zyklus 4 (16-18J).

Intergenerationell

In der Lektion 3 „Dein Name leuchte durch uns“ erleben Kinder sich in der Fürsorge von Erwachsenen in ihrer Identität gestärkt und können die Fürsorge Gottes damit in Verbindung bringen. Im Gestalten einer gemeinsamen kreativen Aufgabe erleben sie Katechese zwischen Menschen unterschiedlichen Alters. LeRUKA, Kompetenz 1, Zyklus 0 (4+5 J) oder HGU I. Eine weitere spielerische Methode für das intergenerationelle Lernen aus dem Materialkoffer: Das Vaterunser-Quartett.

Identität entwickeln

In der Lektion 2 „Gott ist Vater und viel mehr“ setzen sich die Kinder mit den verschiedenen Formen von Vaterschaft heute auseinander und setzen sie in Bezug zur Vaterschaft Gottes. Die kreative Umsetzung geschieht in der Ausgestaltung des Vaterunser-Leporellos. LeRUKA, Kompetenz 1, Zyklus 2 (9-12 J).

Religiöse Ausdrucksfähigkeit erwerben

In der Lektion 1 „Herr lehre uns beten“ wissen die Kinder, dass Gott immer für sie da ist und sie im Gebet Kraft und Geborgenheit erfahren können. Durch die Einübung der Gebetsgebärden zum Vaterunser erweitern sie ihre religiöse Ausdrucksfähigkeit. Durch die Gestaltung eines mehrsprachigen Vaterunser-Bandolinos entdecken sie das Vaterunser als Gebet der ganzen Welt. LeRUKA, Kompetenz 2, Zyklus 1 (5-8 J).

Christliche Werte vertreten

In der Lektion 8 „In der Versuchung steh‘ uns bei“ erproben die Jugendliche anhand der konkreten Versuchungssituation „Cybermobbing“ den Umgang mit ausgrenzendem Verhalten. Sie entwickeln mit einem digitalen Comicprogramm auf der Grundlage von biblischen Verhaltensweisen Lösungsvorschläge im Umgang mit Mobbing. LeRUKA, Kompetenz 3, Zyklus 3 (13-15J).

Musisch-künstlerisch

Musik und Kunst fördern die religiöse Wahrnehmung und Ausdruckskraft. Die Vaterunser-CD bietet ein breites Spektrum von Musikrichtungen: Pop, Hip-Hop, Rap, Volksmusik, Klassik, Mystik und Kinderlieder (mehrsprachig) und eignet sich für den Einsatz in allen Zyklen. LeRUKA, Kompetenz 2.

Für Jugendliche könnte die Auseinandersetzung mit zwei Malern spannend sein, die sich künstlerisch mit dem Vaterunser auseinandersetzen: Henning Diers (2015) und Andreas Felger (2009). Hier eignet sich besonders die Methode der Bildbegegnung (Günter Lange) kombiniert mit einer kreativen Umsetzung. LeRUKA, Kompetenz 2, Zyklus 4 (16-18 J).

Und zu guter Letzt: Die Rückmeldungen aus der Praxis zu den Vaterunser-Materialien fliessen zurück und entwickeln sie weiter…

 

Literatur und Links

  • Dickerhoff, Heinrich, Das Vaterunser lernen? Oder: Wenn Worte uns tragen, Katechetische Blätter   140, 2015
  • Felger, Andreas/Wanke, Joachim Gottesnähe – Vater Unser, Hrsg. v. Oliver Kohler, 2007
  • Diers,Henning Das Vaterunser – gemalt – gebetet- gedacht, 2015
  • Methodik der Bildbegegnung nach Günter Lange

 

Uta-Maria Köninger Leiterin der Fachstelle für Religionspädagogik im Kanton Zürichund Künstlerin   CC BY-NC-SA 3.0  Uta-Maria Köninger | reli.ch
Kompetenz: 1B-2, 1B-3, 1E-6, 1F-3, 2A-1, 3C-3, 4B-1, 4D-2