Martin Luther auf der Spur – ein Zeitreise-Abenteuer. © MMC 2017. Pressefoto auf: http://schulprojekte-reformation.de/spiel/

Das Lernspiel „Martin Luther auf der Spur“ gibt Einblick in das Leben und Wirken des Reformators. Das Game ist nicht nur ein spielerischer Zugang zur Reformationsgeschichte, sondern auch eine Möglichkeit, die Konfessionen im RU zu thematisieren.

Die Reformationsgeschichte ist untrennbar mit der Mediengeschichte verknüpft. Die Erfindung des Buchdrucks einige Jahrzehnte vor Martin Luther gehörte zu den Voraussetzungen dafür, dass das reformatorische Gedankengut sich so schnell ausbreiten konnte. Anlässlich des Jubiläums folgt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) diesem Geist und nutzt mit dem Computerspiel ein weiteres neues Medium, um an die Reformatoren und ihre Lehren zu erinnern. Nachdem die EKD mit Destination 2064 und Martin Luthers Abenteuer eher kurze und simple Spiele über Calvin und Luther gefördert hat, gibt sie mit dem Comenius-Institut nun ein umfassenderes Lernspiel heraus: Martin Luther auf der Spur – ein Zeitreise-Abenteuer.

Martin Luther – das Game

Die Handlung des Spiels ist schlicht: Die Studierenden Klara und Simon suchen im Archiv nach Gegenständen für die bevorstehende Martin Luther-Ausstellung. In einem geheimen Raum finden sie eine Zeitmaschine, die sie nutzen, um in die Zeit von Martin Luther zu reisen und Ausstellungsgegenstände aus erster Hand zu finden. Wahlweise mit Klara oder Simon besuchen die Spielenden sechzehn Stationen im Leben Luthers. Dabei geben jeweils die Gespräche mit Zeitgenossen Aufschluss über den Reformator und sein Wirken. Spielerisch gilt es jeweils ein Rätsel zu lösen, um einen Gegenstand für die Ausstellung zu erhalten. Dafür müssen die Szenen aufmerksam beobachtet und wichtige Gegenstände gesammelt sowie am richtigen Ort eingesetzt werden.

Martin Luther auf der Spur bietet aber nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Ansätze eines Krimi sowie moralische und selbstkritische Erwägungen, die teilweise auch die Entscheidungsfindung der Spielenden erfordern. Wer ist der mysteriöse Mann in der dunklen Kutte, der die Zeitreisenden verfolgt? Ist es richtig, aus dem Leben der Menschen einfach Gegenstände für die eigene Ausstellung zu entwenden – welche Gegenstände sind unbedenklich, welche nicht? Wem dient letztlich diese Ausstellung?

Martin Luther auf der Spur – ein Zeitreise-Abenteuer. © MMC 2017. Foto: Autor

 

Spielerische und pädagogische Würdigung

Martin Luther auf der Spur ist ein solides und gut zugängliches Abenteuer-Lernspiel für Kinder und Jugendliche. Die Steuerung per Maus oder Touch ist simpel. Die Rätsel erfordern schlichtes Suchen sowie Kombinieren und sind meist rasch zu lösen. Spielhilfen wie der Transmitter-Tipp sind kaum notwendig. In einigen wenigen Fällen sucht man womöglich etwas länger nach Gegenständen. Ein kompletter Spieldurchgang dauert ca. 2-3 Stunden. Praktischerweise ist das Spiel in 22 kürzere, in sich abgeschlossene Szenen geteilt. Dies erleichtert den Fokus auf einzelne Themen sowie das Spielen im Unterricht. Eine Speicherfunktion gibt es nicht. Doch mit den am Schluss einer Szene eingeblendeten Codes kann in einer anderen Sitzung an jedem beliebigen Computer weitergespielt werden.

Die Spielenden sind nicht nur passive Vollstrecker vorgespurter Ereignisse, sondern können an manchen Stellen persönliche (moralische, konfessionsbezogene) Entscheidungen fällen. Dies wirkt sich zwar kaum auf den Spielverlauf aus, dafür aber auf die Auswahl der Ausstellungsgegenstände. Da in einem Durchgang nicht alle möglichen Gegenstände gesammelt werden können, bietet das Game auch einigen Wiederspielwert. Auf der Webseite der Entwickler lässt sich der jeweils aktuelle Zahlencode eingeben, womit sich die Sammlung der bereits erhaltenen Ausstellungsgegenstände in ein PDF inklusive Bilder und Erklärung umwandeln lässt. Auf diese Weise können die Spielenden nicht nur ihr Spielergebnis, sondern ihren individuellen Zugang zu Luthers Lehre und Leben aus dem Spiel mitnehmen – als Erinnerung, zum Vergleich mit den Sammlungen anderer SuS oder als Grundlage für eine Präsentation.

Das vermittelte Wissen umfasst in erster Linie Luthers Leben und Lehre. Diese werden vor dem Hintergrund der religiösen, politischen und lebenspraktischen Wirklichkeiten des 16. Jh. gezeigt und sind damit gut nachvollziehbar. Komplexere Themen wie die göttliche Gerechtigkeit werden in einfachen Worten gut erklärt. Auch Luthers Schattenseiten verschweigt das Game nicht, sondern problematisiert etwa seine verhetzenden Schriften gegen die revoltierenden Bauern und gegen die Juden. Die Spielenden werden sogar auf die eine oder andere historische Ungewissheit aufmerksam gemacht, doch sinnvollerweise werden die grossen Debatten und Unklarheiten der Lutherforschung im Spiel umgangen. Auch wenn das Spiel auf Luthers Leben fokussiert, hätte die Bedeutung des Reformators für das heutige individuelle und gesellschaftliche Leben deutlicher hervorgehoben werden dürfen.

Martin Luther auf der Spur – ein Zeitreise-Abenteuer. © MMC 2017. Foto: Autor

 

Eignung für den RU und Lehrplanbezug

Aufgrund der Thematik und seiner Zugänglichkeit eignet sich das Spiel für den Einsatz im Unterricht ab Mittelstufe. In der hier angebotenen Anleitung für Lehrpersonen werden die 22 Szenen im Detail vorgestellt, ihre zentralen Thematiken benannt, Lösungswege aufgezeigt und Vorschläge für Aufgaben-/Fragestellungen vorgelegt.

Im neuen Lehrplan für die Katholische Kirche der Deutschschweiz (LeRUKa) wird die Auseinandersetzung mit der Reformationsgeschichte sowie mit anderen christlichen Gemeinschaften in den Kompetenzbereichen „Religiöse Ausdrucksfähigkeit“ und „kirchliche Gemeinschaft“ für den 2. bzw. 4. Zyklus empfohlen. Die Aufarbeitung der Geschichte und Lehren der Reformation trägt dazu bei, die kirchliche Gemeinschaft in ihrer Vielfalt kennenzulernen, die eigene Position einzuschätzen sowie zu reflektieren und den eigenen religiösen Ausdruck zu stärken. Gerade für den ökumenisch organisierten Religionsunterricht bietet das Game die Möglichkeit der gegenseitigen Wahrnehmung und Achtung der Konfessionen. Als Einführung in Luthers Leben und Lehre wirkt das Spiel zwar wenig ökumenisch: Die Parteinahme der Spielenden für katholische oder reformierte Haltungen betont den Kontrast zwischen „fortschrittlichen“ reformierten Haltungen und „rückständigen“ katholischen Praktiken wie dem Ablasshandel oder dem Kirchenbann mit seinem Fluchcharakter. Hier kann die Lehrperson ergänzend oder korrigierend die Inhalte und Praxis der gegenwärtigen katholischen Lehre erläutern.

 

Die „Anleitung für Lehrpersonen“ finden Sie hier zur Nutzung.

 

Angaben zum Spiel

Martin Luther auf der Spur – ein Zeitreise-Abenteuer (MMC Agentur/EKD/Comenius-Institut 2017)

Das Spiel liegt gegenwärtig (Anfang September) in der „Open Beta“ für Windows 8 oder höher vor. Die fertige Version wird zusätzlich als Online-(Browser)-Version, für iPad iOS 10 oder höher sowie für Android 6.0 Marshmallow oder höher erhältlich sein. Alle Versionen sind kostenfrei.

Die Spielversionen sowie das didaktische Material der Entwickler (Komplettlösung, Hintergrundinformationen zu den einzelnen Szenen) sind auf der offiziellen Webseite zugänglich.

Auf dieser Seite können die im Spiel erhaltenen Codes eingegeben werden, um mit den gesammelten virtuellen Gegenständen ein Ausstellungs-PDF zu erstellen.

Hinweis: Die hier getestete Version ist die „Open Beta“ (Version 0.9 RC02). Gegenüber der demnächst erscheinenden fertigen Version könnte es noch kleinere Änderungen geben.

 

Autor

Oliver Steffen ist freischaffender Religionswissenschaftler und assoziierter Forscher am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern

 

CC BY-NC-SA 3.0 Oliver Steffen | reli.ch

 

 

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