Fachbeiträge

Umsonst vorne stehen

© S. Hofschlaeger / pixelio.de

Wer frontal unterrichtet, steht vorne. Diese Methode eignet sich weiterhin, um in einer Katechesestunde gezielt Wissen zu vermitteln. Solche Einheiten sind aber kurz geworden. Die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler verfliegt schnell. Mit Methodenvielfalt soll die Lehr-Lern-Atmosphäre spannungsvoll bleiben.

«Vorne stehen» heisst, eine Klasse zu führen. Bei der Vorbereitung einer Stunde entsteht unter dieser Perspektive ein roter Faden: Wie führe ich inhaltlich und methodisch die Klasse, um das Lernziel zu erreichen? Welche Lernsituationen schaffe ich, damit diese oder jene Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern gefördert werden?

Über mehrere Stunden hinweg heisst «vorne stehen», eine Beziehung zur Klasse aufzubauen. Darin liegt die pädagogische Herausforderung. Welches sind die Lernziele aus der Sicht der Lehrperson und der Lernnutzen aus der Sicht der Schüler? Welche Begabungen und Kompetenzen bringen die Schülerinnen für die Unterrichtsgestaltung ein und wie kann ich als Lehrperson die einzelnen aktivieren? Wie stehen die Schülerinnen und Schüler zueinander und zur Lehrperson? Wer ist als Leitfigur akzeptiert? Wer wird ausgegrenzt? Welche gruppendynamischen Eigenheiten charakterisieren diese Klasse?

Viel hängt von diesen Aspekten ab, damit «vorne stehen» gelingt und Freude bereitet. Aufmerksamkeit, Disziplin, Kooperationsbereitschaft, Lernerfolge und Zufriedenheit werden durch diese Aspekte geprägt. Ein Faktor kommt dazu: Vorne steht ein Mensch, der in jedem Fall Eindruck macht. Wer vorne steht, wirkt auf die Klasse durch Wort und Tat, durch Unterlassung und Schweigen, durch Zuwendung und Abwendung, durch Kleidung und Gehabe. Dieser Eindruck, den die Schülerinnen und Schüler eher unbewusst wahrnehmen, beeinflusst sie doch stark. In Witzchen und Parodien über eine Lehrperson findet dieser Eindruck ein Ventil.

Wie eine Lehrperson wirkt, hängt stark von ihrer Motivation ab. Manche Motive scheuen das Licht. Warum stehe ich vorne? Warum unterrichte ich? Für die Selbstreflexion oder das Gespräch mit Kollegen oder Kolleginnen hilft mir die Perspektive des Umsonst.

Umsonst vorne stehen. Vergeblich möchte keine Lehrperson eine Klasse führen. Jede und Jeder verlässt zwar dann und wann den Unterrichtsraum mit dem Gefühl «vergeblich». Auf Dauer aber benötigen wir Früchte unserer Arbeit und behelfen uns selbst mit der Vorstellung, dass wir jetzt nur säen und nicht wissen können, wann die Frucht aufgehen wird.

Eine andere Deutung versteht «umsonst» als «ohne Absicht für mich selber», «ohne Verdienst für mich». Es ist die Haltung der Zeugin. Der Mann aus Nazareth sendet die Zwölf aus mit dem Wort: «Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben» (Matthäus 10,8).

Die Frage nach der eigenen Motivation bleibt unergründlich. Und doch kann es heilsam sein, dann und wann hinten zu stehen und sich zu fragen: Warum stehe ich da vorne?

Ich wünsche Ihnen ein erfüllendes und fruchtbares Schuljahr.

 

Markus Thürig ist Generalvikar des Bistums Baselund Delegierter der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK)im Präsidium Netzwerk Katechese CC BY-NC-SA 3.0  Markus Thürig | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 1112