Fachbeiträge

Theologische Randnotizen zum Thema Bitten und Für-Bitten

© Katechetische Blätter

»Bewege die Staaten, den Menschen die Freiheit in der Wahl ihres Glaubens zu gewähren.« – »Für die Staaten: dass sie verantwortungsvoll mit der Schöpfung
umgehen und den kommenden Generationen genug übrig lassen.« – »Für Staat und Gesell­schaft: Hilf ihnen, die christlichen Werte zu
schützen.« – » Jesus, heile die Welt von Krieg und Terror.« Das sind beliebig ausgewählte Fürbitten für Jugend-und Familiengottes­dienste. Warum können sie so wenig überzeu­gen? Wie kommt man zu einer Bitten-Spra­che, die existenziell bedeutsam ist, ohne auf die eigene Welt eingeengt zu sein, die den grö­ßeren Zusammenhang im Blick hat, ohne Verantwortung abzuschieben?

Kann man »falsch« bitten?

Bitten ist ein elementarer Vollzug mensch­licher Existenz mit ihren unerfüllten Wün­schen und Bedürfnissen. So ist es nicht er­staunlich, dass in der religiösen Praxis das Bittgebet -und das gilt für alle Religionen – zentral ist. Die Wünsche und Nöte werden im Angesicht des Göttlichen ausgedrückt und finden, psychologisch gesprochen, einen Ort in der menschlichen Psyche. Deshalb kann schon das Bittgebet für sich eine sinnstiftende und befreiende Veränderung bewirken.
Die Bittgebete werfen aber auch theologische Fragen auf. Betrachtet man etwa die oben zitierten Fürbitten, kann man mit Recht fra­gen, ob hier nicht ein infantiles Gottes-und Menschenbild gefördert wird, indem man Verantwortung abwälzt. Warum soll man für Frauen, für Politiker, für Staatsmänner un d-fraune, für »Mächtige« bitten, wenn man ihnen eigent­lich nichts zutraut, wenn man sie für unfähig und egoistisch hält? Provoziert die Bitte, dass Jesus die Welt von Krieg und Terror heilen möge, nicht massiv die Theodizeefrage? Zeigt nicht gerade die Fürbittenpraxis, dass die Religionskritiker recht haben?
Von der Seite des Betenden drängen sich wei­tere Fragen auf: Werden Gebete erhört? Wenn uns Gott wirklich hörte, müsste es dann nicht um unsere Welt besser bestellt sein? Beten und bitten wir »falsch«, oder bit­ten wir sowieso vergebens?

Gebetshaltung als Zugang zur eigenen Gefühlswelt

Egoistisches Bittgebet nennt Velasco dies, denn es widerspreche »dem Über-sich-Hin-ausgreifen, wie es jeder religiösen Haltung zu eigen ist« (193). Auch Fraas warnt in seinem Buch zur religiösen Erziehung vor der ego­zentrischen Fixierung des Betens. Der Heran­wachsende müsse lernen, dass er nicht für sein eigenes Wohlbefinden wünschen dürfe und dass Gott nicht um etwas gebeten sein will, was der Mensch selbst schaffen kann (Fraas 130).

Darf man beim Bitten nicht um sich selbst kreisen? Dabei kommt mir das »dicke Mäd­chen« in den Sinn, über das es bei Kurt Marti heißt:

wer kennt schon/ die not eines überaus dicken mädchens? / … doch manchmal / möchten auch ihre herzen / verrückt und ge­liebt / statt immer nur gut sein/ dann träumen sie liebe / in wetterleuchtenden farben / lieb­kosen den einsamen körper / abends im trau­rigen bett / mit den fühlsamen händen / des zärtlich erdachten freunds / später verschlie­ßen sie / solche träume tief in ihre enttäu­schung / und versuchen so tapfer als möglich/ gut und gütig zu bleiben …

Ist das egozentrische Fixierung? Furcht vor falschem Bitten und Beten kann zu Unau­thentischem und Formelhaften führen, wie es oft auch in Jugendgottesdiensten zu erleben ist. Gerade in der Pubertät ist es wichtig, den Jugendlichen einen authentischen Gefühls­ausdruck auch in der Liturgie zu ermöglichen und sie nicht in ein Schema theologisch-poli­tischer Korrektheit zu pressen. Der Zugang zur eigenen Mitte, zur eigenen Gefühlswelt ist eine wichtige Voraussetzung auch für den Zugang zu Gott.
Eine zweite Fehlentwicklung sieht Fraas in der magischen Fixierung des Gebets, bei dem dieses als Zauberformel missverstanden wird. Wenn die im Gebet vorgetragene Bitte nicht das erwünschte Ergebnis zeige, so mei­ne das Kind, »es habe nicht richtig oder nicht genügend gebetet« (Fraas 128). Das magi­sche Missverständnis könne zu zwanghaftem Fehlverhalten führen. Dies ist in der Tat nicht nur ein psychologisches, sondern auch ein theologisches Problem.
In einer Untersuchung von in Kirchen ausge­legten Fürbittbüchern kommt Schmied zu der Erkenntnis, dass die Scheidelinie zwischen Magie und Religion das Vertrauen bilde (Schmied 71). Magie nämlich braucht kein Vertrauen, sondern nur die korrekte Ausfüh­rung. Die Grundlage des Gebetes dagegen ist das Vertrauen in ein transzendentes Gegenü­ber, das darin gipfelt, dass -wie in der Bitte des Vaterunser »Dein Wille geschehe« -im Gebet gewissermassen die Begrenztheit der eigenen Wünsche mit aufgenommen wird.

Die bittende Haltung

Niederberger berichtet von Menschen, die darüber klagen, ihre Gebete würden nie er­hört, und kommentiert: »Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass Gott uns nicht mehr bestrafen könnte, als wenn er all unsere Bit­ten erfüllen würde. Wenn ich Gebete höre oder lese, in denen um Gerechtigkeit auf Er­den gebetet wird, stelle ich mir innerlich je­weils vor, wie das genau aussehen würde … 10% der Erdbevölkerung verfügt über 90 %der Finanzen und verbraucht 90 % der Ener­gieressourcen …. Wer von diesen 10 %, zu denen wir gehören, möchte von seinem jetzi­gen Reichtum und Lebensstandard auch nur einen kleinen Teil freiwillig abgeben?« (Niederberger 24f).

Vielleicht können wir auch noch etwas von Kindern lernen. Das überraschende Ergebnis einer nicht-repräsentativen Befragung zum Gebetsverständnis von 8-bis 12-jährigen Schweizer Kindern verschiedener Religions­unterrichtsklassen im Rahmen eines Univer­sitätsseminars war die Tatsache, dass das Nichterhören von Bitten für keines der be­fragten Kinder ein Problem zu sein schien. Al­le gaben zwar an, um etwas zu bitten. Auf die Frage »Was tust du, wenn deine Bitte nicht er­hört wird«, lautete die Antwort durchgängig: »Ich tue es noch einmal.« Hier drückt sich in intuitiv-kindlicher Weise vielleicht eine be­deutende theologische Einsicht aus: Bitten ist kein isolierter Akt, der das eine Mal funktio­niert und das andere Mal nicht, sondern eine Haltung, die man nicht so leicht aufgibt, selbst wenn es nicht nach Wunsch läuft. Die Frage, ob »et Bedde sich lohne däät«, wie in dem bekannten Lied der Rockgruppe BAP, stellt sich also nicht. Eine ähnliche Erfah­rung: Eine Frau, deren Mann chronisch schwer erkrankt ist, betet um Gesundung und Kraft für sich selbst, diese Situation durchzustehen. Nach dem Tod des Mannes sagt sie, dass ihr Gebet sie gestärkt hätte. Die bittende Haltung trägt – vielleicht, weil sie neben Hoffnung und Gottvertrauen auch das Klagen und Zweifeln nicht ausschließt.
Glaubenszweifel widersprechen dem Gebet nicht, denn es ist nicht ein » Reservat der Glaubensgewissheit«, sondern der Ort der Wahrheit, zu dem der Zweifel auch gehört (Werbick 32). Im Beten kommt uns die ganze Fülle vielfältiger menschlicher Erfahrungen entgegen. Im Gebet schaue ich mich an, im Gebet sage ich, dass ich es nicht allein kann. So drückt auch die Gebetsbitte nicht aus, was Gott tun sollte, müsste oder könnte, sondern was der Mensch glaubt und hofft. Diese Ein­sicht vermittelt uns auch schon Martin Lu­ther: Gott braucht nicht unsere Ratschläge, was er tun soll, aber wir brauchen Einsicht in unser eigenes Wollen.

Der Weg zur gelungenen Fürbitte

Das Fürbittgebet in der Liturgie ist eine ge­meinschaftliche und liturgische Sonderform des Gebetes. Die Fürbitten sind in der Litur­giekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Sancrosanctum Conciliumnoch ein­mal besonders hervorgehoben worden, und zwar »für die heilige Kirche, für die Regieren­den, für jene, die von mancherlei Not be­drückt sind, und für alle Menschen und das Heil der ganzen Welt« (SC 5 3 ). Mit der Beto­nung der Fürbitten verband das Konzil eine doppelte Absicht: Einerseits ging es um die Partizipation der Gläubigen in der Messe – der Konzilstext greift die traditionellen Be­zeichnungen »allgemeines Gebet« der Gläu­bigen auf -, andererseits um eine ethische Haltung, die das Fürbittgebet vom rein priva­ten Charakter befreit und den Blick der Ge­meinde weitet.

Die praktische Umsetzung leidet aber bis heute allzu oft unter dem Manko der Erfah­rungsferne, darunter, dass vor der Fürbitte langatmige Erläuterungen abgegeben wer­den (als müsse man Gott erklären, was auf der Welt los ist: »Deine Schöpfung ist ver­schmutzt und die Lebensgrundlagen für Mensch und Tier werden immer knapper.«) oder die Bitte in eine verkappte moralische Ermahnung der Gemeinde mündet (»Hilf uns, mehr auf unsere Umwelt zu achten.«).

Diese Beobachtung betrifft Gemeindegottes­dienste genauso wie Liturgien für Jugendli­che. Warum wirken Fürbitten, auch die von Jugendlichen selbst formulierten, oft unbe­holfen, nicht authentisch, formelhaft, unin­spiriert, blutleer? Wie kann man zu einer le­bendigen Fürbittensprache kommen?

Kräfte für das Gebet schulen

Gebet hat viele Formen, die gewissermaßen auch Formen des Lebens sind. Der pädagogische Anfangspunkt der Gebetserziehung muss deshalb beim Einüben und Fördern dieser Grundformen liegen. Oser spricht von Kräf­teschulung und meint damit »ehrfürchtig handeln, Dankbarkeit zeigen, bitten, Ver­trauen lernen, mitleiden und mitfühlen, Freu­de bereiten und staunen« und Korherr fragt nach den »Seelenkräften«, die am Gebet beteiligt sind und ergänzt »sich einem Du zu­wenden können, Erfahrungen verbalisieren zu können« (Korherr 76). Unversehens ist man nah bei den Psalmen, die Klagen, Dan­ken, Preisen, Bitten enthalten und mit ihrer teilweise expressiven und bilderreichen Spra­che nahe auch an heutigen Gefühlslagen sind. Für den Unterricht bietet sich die Arbeit mit Psalmen, wie etwa von Oberthür/Mayer vor­geschlagen, an.
Das heißt: Das Bitten steht im Kontext des Lebens und der Wahrnehmung der Welt. Wenn Fürbitten etwas vom Leben und Glau­ben der Gemeinde aussagen oder ausstrahlen können, werden sie authentisch und leben­dig. Dann erledigt sich auch die Frage nach dem Abschieben der Verantwortung in der Fürbitte, denn ein authentisches Gebet bringt »das moralische Handeln selbst hervor. Ge­bet ist Selbstbesinnung« (Eibach 227).

Heilsames Erinnern

Bitten als Ausdruck von Glaubenserfahrung sind nicht der erste Schritt, sondern Antwort auf Widerfahrenes. Die Gebetsstruktur der Oration, des liturgischen Gebetes, wie sie z.B. im Tagesgebet begegnet, zeugt von dieser Ein­bettung. Man spricht hier von der anamne­tisch-epikletischen Grundstruktur jüdisch­christlichen Betens. Es beginnt mit der Ge­betseinladung und der Gottesanrufung, bei der ein bestimmter Aspekt betont wird, etwa das Nahe oder das Verborgene. Darauf folgt die Anamnese, d.h. das Gedenken an die Er­fahrung der göttlichen Heilstat, erst dann die Epiklese, also die eigentliche Bitte. Eine Schlussformel beendet das Gebet. Die Glau­benserfahrung, und zwar nicht nur die je ei­gene, ist Grundlage für die vertrauensvolle Bitte. Die gesamte Oration hat einen inhalt­lichen roten Faden, oft von einem biblischen Text her. Es hat sich gezeigt, dass Arbeit mit dieser strengen Form eine überraschende Kreativität und Authentizität der Gebets­sprache hervorbringen kann.

Für die Welt bitten?

Vreni Merz hat darauf hingewiesen, dass ent­wicklungspsychologisch bedingt die Reich­weite von Kindergebeten begrenzt ist. Wie ist das bei Jugendlichen? Wie sieht es dort mit dem Weltbezug aus, der in Sacrosanctum Concilium eingefordert wird? Jugendliche befinden sich in einer Pha­se, in der ihre Welt langsam größer wird; die Ablösung vom Elternhaus ist im Gange; ne­ben der Schule bildet sich eine selbst gestalte­te Freizeitwelt heraus und durch Schule und Medien entwickelt sich ein Gespür für größe­re komplexe Zusammenhänge.

In einer Jugendliturgie unter dem Leitmotiv des Schlüssels hörte ich die folgenden Für­bitten:

Großer Gott, hilf uns, dass wir den Schlüs­sel zueinander finden. Mach, dass wir eine gute Gemeinschaft haben.

Großer Gott, lass uns gute Taten vollbrin­gen, sodass wir das Tor zum Himmel offen finden.

Gib uns den Schlüssel, um aus schwieri­gen, ausweglosen Situationen herauszukom­men.

Großer Gott, hilf uns, dass wir in der Fa­milie gut auskommen.

Ein anderes Mal zum Thema »in den Spiegel schauen«:

Herr, hilf uns, dass wir nicht zu Egoisten werden und auch an die Bedürfnisse der an­deren denken.

Herr, lass uns frühzeitig die Probleme an­derer Menschen sehen und gib uns Kraft, ihnen zu helfen.

Herr, hilf uns dabei, ab und zu in den Spie­gel zu schauen und zu merken, was wir gut oder schlecht machen.

Diese von den Jugendlichen (im Dialekt) vor­getragenen Fürbitten hatten die Authentizi­tät, wonach ich suchte, auch wenn dies allein durch den Wortlaut nur unzureichend wie­dergegeben wird. Sie waren die Frucht einer intensiven Auseinandersetzung mit dem The­ma des Gottesdienstes. Oft aber sieht es bei der Gestaltung von Schul-, Jugend-, Fami­lien- oder Firmgottesdiensten so aus, dass die Fürbitten tatsächlich häufig der einzige Ort der Partizipation bleiben. Der Horizont, die Reichweite von Fürbitten, insbesondere von Jugendlichen wird deshalb immer von ihrer sachlichen und theologischen Auseinander­setzung mit einem Thema abhängen. Die Qualität wird dann gut sein, wenn sie die Gelegenheit hatten, das Thema mit ihren eigenen lebensweltlichen Erfahrungen zu verbinden.
Man sollte sich allerdings davor hüten, die von Kindern und jugendlichen formulierten Fürbitten einer Zensur der politisch-theologischen Korrektheit zu unterziehen. Hin­führung zum Gebet, Partizipation am Got­tesdienst muss immer ein Ermöglichen sein, kein Kontrollieren. Es ist ein Sündenfall von Gebetstheologie, wenn sie das » Gebet von Vor-Bedingungen abhängig macht, die der Beter (denkend und reflektierend) zu erfüllen hat, ehe er dem göttlichen Gebot (der gött­lichen Einladung) zum Gebet folgen kann« (Müller 89).

Der Beitrag ist zuerst in nahezu unveränderter Form in den Katechetischen Blättern (KatBl 132 (2007), 176-181) erschienen

Literatur

  • Berger, Rupert, Pastoralliturgisches Handlexi­kon, Freiburg, 3., durchges. Aufl. 2005.
  • Eibach, Ulrich, Gebet und Gottesvorstellungen, in: Concilium 26 (1990) 227-235.
  • Fraas, Hans J., Religiöse Erziehung und Sozialisa­tion im Kindesalter, Göttingen 1973.
  • Korherr, Edgar, Beten lehren – Beten lernen. Ein Grundkurs der Gebetspädagogik, Graz u.a. 1991.
  • Marti, Kurt, Wen meinte der Mann? Gedichte und Prosatexte, Stuttgart 1998.
  • Merz, Vreni, KatBl 132 (2007)
  • Müller, Gotthold, Dogmatische Probleme gegen­wärtiger Gebetstheologie, in: TRE 12, Berlin u.a. 1984,84-94.
  • Niederberger, Lukas, Kleine Bet-Lektüre, Düssel­dorf 2006.
  • Oberthür, Rainer/Mayer, Alois, Psalmwortkar­tei. In Bildworten der Bibel sich selbst entdecken. Freiarbeitsmaterialien und Kopiervorlagen, Heinsberg 1995.
  • Oberthür, Rainer, Kinder und die großen Fragen. Ein Praxisbuch für den Religionsunterricht. Un­ter Mitarbeit von Alois Mayer, München 2006 (dort ein eigenes Kapitel »In Bildworten der Bibel sich selbst entdecken, 81-94).
  • Oser, Fritz (Hg.), Kräfteschulung, Olten 1977. Schmied, Gerhard, »Lieber Gott, gütigste Frau ••. « Eine empirische Untersuchung von Fürbitt­büchern, Konstanz 1998.
  • Velasco, Juan Martin, Bitt- und Dankgebet in den Religionen, in: Concilium 26 (1990) 189-196.
  • Jürgen Werbick, Gebetsglaube und Gotteszwei­fel, Münster 2001.
Kompetenz: 1E-4, 3E-2, 3E-5