Fachbeiträge

Sprachlehre des Glaubens

„Maria ging in die Küche“, „Jésus sitzt links neben Letizia“: das sind unmissverständliche Informationen. Kann man die Sätze „Maria wurde in den Himmel aufgenommen“ und „Christus sitzt zur Rechten des Vaters“ genauso verstehen? Nein. Wörtlich genommen, gehen Sinn und Tiefe dieser Aussagen verloren. Wenn aber religiöse Sprache in ihrer Eigenart nicht verstanden wird, scheint sie unverständlich, irrelevant oder gar als irrationaler Unsinn.

Die religiöse Sprache kennt eine Vielfalt von Ausdrucksformen, die in der Glaubenspraxis ihren Ort haben bzw. in der Tradition verwurzelt sind. So gilt etwa kritischen Zeitgenoss*nnen das „Dogma“ als der Inbegriff unhinterfragbarer, starrer religiöser Autorität, wohingegen sich das Gebet wegen seiner formalen Vielfalt und Ausgestaltungsmöglichkeiten einer nach wie vor hohen hohe Akzeptanz erfreut.

Doch selbst versierte Gläubige sind gegen Missverständnisse nicht gefeit. Ebenso wie die Unkenntnis der religiösen Vorstellungswelt, in welcher die am Anfang genannten Glaubenssätze verstanden werden müssen, kann nämlich das allzu Vertraute zu einer Leerformel werden. Dabei setzen gerade biblische Texte auf Überraschung und Verfremdungseffekte, denn sie wollen Aufmerksamkeit und Nachdenken erzeugen.

Sollen christliche Glaubenstradition nicht nur oberflächlich angeeignet, sondern verstanden und nachempfunden werden, müssen Sinn und Verstand für religiöse Sprache geschult werden. Der sachgemäße und sinnvolle Umgang mit dem Mehr-Wert und Anders-Wert religiöser Sprache ist die Grundlage dafür, vom Glauben auch immer wieder neu, zeitgemäß und verständlich zu sprechen.

Sprache für das Unsagbare

Im Alltag sind wir auf zuverlässige Informationen angewiesen, sei dies in den Medien, in einer Gebrauchsanweisung, bei der Beschreibung eines Produktes im Internet, bei Informationen, die wir untereinander austauschen. „Fake News“, also die Behauptung von Falschem, führt zu Verunsicherung, Misstrauen und kann politisch missbraucht werden. Ungenaue oder falsche Information kann im persönlichen Bereich zu Enttäuschung und Vertrauensbruch führen.

Religiöse Sprache informiert nicht, sondern sie bezeugt und bekennt, sie erzählt. Der Satz „Christus ist von den Toten auferstanden“ ist weder eine richtige noch eine falsche Information, sondern eine Glaubensaussage.

Dass die Sprache der Religion „anders“ ist, hat mit dem zu tun, worüber sie spricht: über Gott und Erfahrungen mit Gott, über die Deutung des Lebens und der Welt im Angesicht Gottes, also etwas, was sich der Sprache eigentlich entzieht. Gott ist nicht in Worte zu fassen, aber als Menschen brauchen wir die Worte.

Um dieses eigentlich Unsagbare in Worte zu fassen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine Strategie traditioneller Sprache ist, das Göttliche in Negationen zu beschreiben, also durch das, was es nicht ist. „Gott ist keine Kraft, ist nicht das Sein, ist keine Zahl, nicht einmal das Leben“ dichtete Dionysius Areopagita im 6. Jahrhundert. Gemeint ist, dass das Göttliche mit keinem Begriff gleichzusetzen ist oder in ihm aufgeht. Eine andere traditionelle Sprechweise ist das Paradox bzw. der Widerspruch. Diese findet man häufig in weihnachtlichen Texten, wo der Gegensatz zwischen dem kleinen schwachen schutzbedürftigen Kind und dem grossen mächtigen Gott, der sich genau darin zeigt, thematisiert wird.

Am weitesten verbreitet jedoch ist der bildliche Ausdruck, wobei die Metapher die häufigste Form bildhaften Sprechens darstellt. Die Bibel ist voll davon. Israel als das Volk Gottes ist „Tochter Zion“ oder „Dirne“, je nach Aussageabsicht; die Haltung der Menschen wird beschrieben durch die klugen und die törichten Jungfrauen, Gott selbst als König, Hirte, Vater, Mutter, Geist u.v.m. Mit Bildern nähert man sich dem an, was gesagt werden soll, und weiss doch, dass das Gemeinte nicht mit dem Bild gleichzusetzen ist. Die Vielfalt der Metaphern ermöglicht es, der Vielgestaltigkeit und Unfassbarkeit Gottes nahe zu kommen, ohne ins Beliebige abzudriften. Die Religionen der Welt würden sprachlos ohne Bildsprache.

Auch im innerweltlichen und zwischenmenschlichen Bereich gibt es vieles, das sich eigentlich dem Sprachlichen entzieht und doch nach Ausdruck, nach Kommunikation strebt, seien es Sinneseindrücke, Empfindungen, Gefühle. Besonders die Sprache der Liebe ist metaphorisch.

Dabei sind aber Metaphern nicht nur Hilfsmittel für das Unaussprechliche. Gute, wirksame Metaphern vermögen, dass die Kommunikation nicht beim Äußeren stehen bleibt, sondern die tiefere Wirklichkeit von Dingen oder Menschen erfassen kann.

Gleichnis

Eine andere typische Form bildhaften Sprechens ist das Gleichnis, wie sie vor allem in den synoptischen Evangelien zu finden ist. In Vergleichen wollen sie vermitteln, wie man sich Gott vorstellen kann bzw. wie das Reich Gottes ist. In der Regel wird gleich zu Beginn mitgeteilt, dass es sich um ein Gleichnis handelt.  „Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie ….“

Um Gleichnisse zu begreifen, muss man sich noch einmal das elementare Vorgehen des Vergleichens bewusst machen. Was wird mit was verglichen? Und worauf kommt es bei dem Vergleich an? Wenn das Reich Gottes mit einer Frau verglichen wird, die einen Sauerteig knetet, der dann aufgeht, worauf kommt es an? Offensichtlich ist es keine Person oder ein Gegenstand, sondern der Prozess des Aufgehens. Natürlich kann über die Vergleichspunkte diskutiert werden – das tun im Falle der Gleichnisse die Exeget*innen auch! Entscheidend aber ist zu fragen: Was sagt es über das Reich Gottes, wenn wir es mit dem Aufgehen eines Teiges vergleichen, oder mit etwas anderem? Liegt das Reich Gottes nur in der Zukunft?

Die Vielfalt der Bilder in den verschiedenen Gleichnissen weist auf eine Suchbewegung hin. Es scheint, als würden die Evangelisten immer wieder Gleichnisse präsentieren, bis es auch der Letzte verstanden hat.

Den Glauben erzählen

Gerade im Alten Testament finden sich lange, komponierte Erzählstränge und Einzelerzählungen wie z.B. die Schöpfungserzählungen, der Exodus, Turmbau zu Babel, Arche Noah u.v.m. Sie alle würden grob missverstanden, läse man sie als historische Berichte. Trotzdem gibt es immer wieder Versuche, die Historizität der geschilderten Ereignisse zu beweisen. Beim historischen Verstehen aber bliebe die Kernbotschaft der Erzählungen vernebelt. Sie wollen keine historischen Darstellungen sein, sondern antworten auf grundlegende menschliche Fragen: Warum gibt es Böses auf der Welt? Wieso herrscht Chaos und Unordnung? Wer sorgt für Gerechtigkeit? Welche Rolle hat der Mensch in der Welt? Was bedeutet es, Volk Gottes zu sein? Um die Erzählungen verstehen zu können, muss man den Fragen, auf die sie antworten, auf die Spur kommen.

Auch diese Vorgehensweise ist dem Alltag nicht fremd. Jede Erzählung von sich selbst, vom eigenen Leben, verändert sich dem Gegenüber und Anlass entsprechend. Je nachdem, ob man in einem Bewerbungsgespräch ist oder einen Menschen im privaten Umfeld kennenlernt, wird man verschiedene Schwerpunkte setzen, Dinge auslassen, betonen und sich in einer bestimmten Weise präsentieren. So kommt es zu unterschiedlichen Varianten, die alle wahr sind in dem Sinne: „Das bin ich“.

Auch biblische Erzählungen versuchen, reale einzelne und kollektive Erfahrungen wie z.B. Kriege, Herrscherwechsel, Unterdrückung und Befreiung, Krisen in die Handlung zu integrieren und zu deuten. Dabei werden die Elemente in eine stimmige Gesamtkomposition eingefügt. Auch mit Zeitebenen wird frei umgegangen, indem etwas Zukünftiges erzählt oder vor etwas gewarnt wird, was in Wirklichkeit aber schon vergangen ist. Insofern verarbeiten biblische Erzählstränge historische Fakten, aber die historische Darstellung ist nicht die Hauptabsicht.

Legende

Legenden sind eine Sonderform religiöser mythischer Erzählungen. In der christlichen Tradition begegnen sie als vor allem als Heiligenlegenden, oder als Ursprungsmythos, z.B. eines Festes oder eines heiligen Ortes. Sie enthalten immer wunderbare Elemente und betonen das Unglaubliche. Die Legende verwendet nicht nur Symbole, sondern sie ist als Ganze eine symbolische Darstellung. Vom hl. Franziskus wird erzählt, dass er durch seine direkte Ansprache den gefürchteten Wolf von Gubbio quasi von einem Waffenstillstand mit den Bewohner*innen der Stadt überzeugte. Im Aussagekern geht es darum, was Menschen tun, wenn sie sich bedroht fühlen. Der Wolf von Gubbio steht symbolisch für Ängste und Bedrohungen. Indem Franziskus sich ihm stellt, gibt er ein Beispiel für den Mut, sich diesen zu stellen. Damit wird eine Wahrheit erzählt, die nicht historisch ist, obwohl es einen historischen Kern gibt, nämlich die Existenz und das Wirken von Franziskus von Assisi, die man in dieser Legende charakterisiert sieht.

Dogma

Ein Dogma definiert, hält etwas fest, stellt klar, und zwar in einer Situation, in der es Unklarheiten oder widerstreitende Meinungen gibt. Das Ziel ist, Glaubenswahrheit unwiderruflich festzuhalten. Deshalb gehen dogmatischen Festlegungen immer ausführliche Diskussionen, etwa in Konzilien, voraus. Diese Abgrenzungen sind notwendig, um die Identität und Kontinuität der Kirche zu gewährleisten. Die Ausdrucksweise der Dogmen ist oft philosophisch abstrakt. So bedürfen sie immer wieder der Auslegung und Interpretation. Die Tatsache, dass die ursprüngliche Situation, in der sie entstanden sind, etwa theologische Dispute, nicht mehr bewusst ist, erfordert noch einmal Erklärungen. So bedürfen auch Dogmen der Übersetzung in die heutige Situation hinein.

Handeln im Sagen:  Performatives Sprechen

Sprechen kann nicht nur etwas abbilden, sondern ist selbst Handeln. Die Aussage „Ich bin erkältet“  (Abbildung) ist etwas anderes als „Ich gelobe Dir Treue in guten wie in schlechten Zeiten“ (Versprechen). Die Konsequenzen der jeweiligen Aussagearten unterscheiden sich erheblich. Ein Versprechen festigt oder verändert die Beziehungsqualität, wenn es nicht eingehalten wird, droht die Beziehung beschädigt zu werden. In der religiösen Praxis, vor allem in der Liturgie, aber auch in der persönlichen Spiritualität, ist performatives Sprechen zentral, so z.B. der Segen, das Bekenntnis, das Gebet, das sakramentale Wort. Sie beruhen auf der Überzeugung, dass mit dem Sprechen nicht nur etwas abgebildet, sondern auch etwas getan wird, dass es wirkt.

Performative Sprechakte spielen bei den Sakramenten eine grosse Rolle, nicht nur bei der Sakramentenspendung selbst, bei der das Wort das Sakrament mit konstituiert, sondern auch durch die vor der Gemeinde gesprochenen Bekenntnisse (Glaubensbekenntnis, Schuldbekenntnis). Wenn sie nicht nur aufgesagt werden, sondern authentisch sind, treten die Bekennenden in Beziehung zu der Gemeinschaft, vor der sie bekennen und schaffen damit Gemeinschaft neu. Die Voraussetzung für ein echtes Bekenntnis im Sinne der Performation ist die Übereinstimmung zwischen dem Gesagten und der eigenen Existenz.

Auch das Gebet beruht auf einem Gegenüber, das jedoch nicht fassbar ist. Deshalb erfordert es Offenheit, sich auf diese Situation einzulassen, und die Überzeugung, dass das im Gebet Gesprochene nicht ins Leere geht. Mit dem Gebet stellt man sich selbst vor Gott.  Ein gemeinsam gesprochenes Gebet kommt einem Bekenntnis nahe und ist in hohem Masse gemeinschaftsstiftend. Das gemeinsame Sprechen überlieferter Texte vermag es sogar, Gemeinschaft in die Vergangenheit hin herzustellen. Wenn man das „Vaterunser“ spricht, entsteht eine Verbindung mit Generationen von Menschen, die dieses schon gebetet haben. Dieser letzte Aspekt hat grosses didaktisches Potenzial: Was geschieht, wenn ich Worte spreche, die von vielen Menschen seit Generationen gesprochen werden?

Den eigenen Glauben ausdrücken

Gemäss Umfragen stellen sich viele Menschen Gott als „höhere Macht“ vor, als „Schicksal“, „Kraft“, „Energie“. Traditionelle Gottesbilder scheinen immer weniger zu tragen. Es lohnt sich, diesen Befund nicht aus der Perspektive einer Glaubenskrise, sondern als Sprachverarmung zu interpretieren, eine Sprachverarmung, wo traditionelle oder kindliche Glaubenssprache leer geworden und noch keine neue, vielfältige gefunden worden ist. Dabei sind Sprachmöglichkeiten auch Glaubenschancen.

Der LeRUKa formuliert die Kompetenz religiöser Sprachfähigkeit recht kognitiv als Unterscheidungsfähigkeit der verschiedenen Sprachformen und Textsorten. Das ist ein sinnvolles Ziel, aber nur ein Teilschritt. Diesem Ziel kommt man mit folgenden Fragen auf die Spur:

  • Ist etwas genauso gemeint, wie es gesagt wird? Wie finde ich heraus, was gemeint ist?
  • Woran kann man sehen, um welche Textart es sich handelt?

Neben der sachlichen Perspektive ist die affektive Komponente beim sprachlichen Lernen wichtig, denn sie ermöglicht sprachschöpferische Tätigkeit. Affektivität bezieht sich im Zusammenhang mit Lernzielen auf die Haltung gegenüber einer Sache, auf das Interesse, auf die Gefühle, die im Lernprozess ausgelöst werden. Heruntergebrochen auf das sprachliche Lernen könnte das heissen:  „Ich kann mich in die Stimmung eines Textes hineinversetzen.“ „Ich kann die Haltung, aus der der Text entstanden ist, nachvollziehen.“ „Ich habe Freude an der Stimmigkeit der Sprache“. „Es macht mir Spass, die richtigen Worte zu suchen für das was ich glaube, fühle und meine.“ „Ich nehme wahr, dass andere verstehen, was ich meine und ich interessiere mich für das, was sie ausdrücken möchten.“

Diese affektive Dimension hat didaktisch-methodische Konsequenzen. Zum Eintauchen in die fremde Sprachwelt gehört das Nachempfinden religiöser Textformen, das Sich-Hineinbegeben in den Rhythmus, den Laut der Worte, die Melodie, die Bildhaftigkeit der Sprache. Das bewusste Sprechen, Singen, Präsentieren von Sprache gehört dazu, allein oder gemeinsam. Ebenso erweisen sich Methoden des kreativen Schreibens, also des Suchens und Findens eigener Sprache dazu.

Die Fähigkeit, den eigenen Glauben reichhaltiger und vielfältiger beschreiben zu können und diese Gedanken mit anderen auszutauschen, belebt und bereichert den Glauben selbst. Sprache bildet nicht nur ab, sondern im Sprechen, im Suchen nach dem richtigen Wort, im Experimentieren mit Sprache entwickelt und vertieft sich der Glaube. Die Glaubenschancen durch sprachliches Lernen erfordern unbedingt auch Arbeitsformen, die Kreativität und Eigentätigkeit beinhalten oder anregen.

Vielfalt der Sprache – Sinfonie der Wahrheit

Die Vielfalt sprachlicher Formen der biblischen, kirchlichen und künstlerischen Tradition versucht der eigentlichen Un-Sagbarkeit des Glaubens beizukommen. Hierfür könnte man ein umfangreiches Programm religiöser Sprachbildung entwickeln. Jedoch braucht diese kein Maximalprogramm.

Sprache ist das wichtigste Instrument von Lernen und Kommunikation und es berührt jedes Thema. Insofern kann religiöse Sprachkompetenz kontinuierlich in kleinen Mosaiksteinen aufgebaut werden.

Ein wichtiges Element ist die Sprache der Lehrperson selbst.  Es geht nicht darum, dass diese „perfekt“ sein muss. Es hilft jedoch beispielsweise, wenn beim Umgang mit Texten diese richtig bezeichnet und eingeordnet werden. Nicht alle Texte in der Bibel sind „Geschichten“. Hingegen kann man sagen: „Dieses Gleichnis ist im Lukasevangelium niedergeschrieben. Wovon handelt es?“ Diese hermeneutische Sorgfalt bedarf nur weniger Worte und kann ganz beiläufig geschehen. Sie dient der Erkenntnis, dass Gott selbst und die Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben und immer noch machen, nur in begrenzten menschlichen Worten beschrieben werden können.

Erst in ihrer Vielfalt, in ihrem sinfonischen Charakter ergeben sie ein umkreisendes, suchendes Gesamtbild der Glaubenswahrheit.

Dr. Monika Jakobs ist em. Prof. für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
Kompetenz: 3B-1