Fachbeiträge

„Schuhe“ – mit Alltagsgegenständen Religion lernen.

© Christoph Neumann / pixelio.de

„Wer möchte ich sein?“ „Woran hänge ich?“ Oder: „Worauf stehe ich?“ Dies alles sind Fragen, mit denen sich Jugendliche aller Generationen beschäftigen. Im Religionsunterricht werden diese Fragen oft abstrakt behandelt. Das Schuhe dabei helfen können, Sinnfragen zu klären, wird deutlich, wenn Schüler und Schülerinnen mit Alltagsgegenständen Religion lernen.

Biblische Zeiten

Das Tragen von Schuhen ist zu biblischen Zeiten mehr als nur „notwendige“ Bekleidung. Als der verlorene Sohn zu seinem Vater zurückkehrt, erhält er nicht nur neue Kleider und einen Ring, man bringt ihm auch Schuhe. Anders als Sklaven, die in der Regel barfuss liefen, sind Schuhe das Statussymbol eines freien Bürgers (Lk 15,22). Gefangene tragen keine Schuhe (Jes 20,2). Wenn Menschen trauern, ziehen sie ihre Schuhe aus (2. Sam 15,30; Ez 24,17). Eines der ältesten religiösen Rituale besagt, dass Menschen an heiligen Orten ihre Schuhe abstreifen (Ex 3,5). Übrigens: Moslems machen das bis heute, wenn sie eine Moschee betreten. Man entledigt sich z. Zt. Jesu seiner Sandalen, wenn man zum Gastmal eingeladen war (Lk 7,38).  Einen Schuh auf ein Stück Land zu werfen, drückt zumindest auf sprachlicher Ebene eine Inbesitznahme oder Eroberung aus (Ps 60,10; Ps 108,10). (Weitere Hinweise zum Thema Schuhe in der Bibel finden sich imwissenschaftlichen Portal der Deutschen Bibelgesellschaft)

„Zeigt her eure Schuhe“

Schuhe sagen aus, wer ich sein will und wer ich bin. Wer „Gesundheitssandalen“ trägt, dem wird eine ökologische Gesinnung unterstellt. Mit dem Begriff der „Turnschuhgeneration“ wurden Jugendliche bezeichnet, die sich durch „Lässigkeit“ gegen gesellschaftliche Bekleidungsnormen auflehnten. Zur Ausdrucksform der Punks gehören Stiefel. Plateau-Sohlen machen grösser. Cowboystiefel signalisieren ebenfalls einen gewissen Lifestyle. Dass Schuhe den „Stand“ der Menschen anzeigen, kennen wir auch aus dem Mittelalter. In der Kleiderordnung des 14. Jahrhunderts ist festgelegt, wie lang die Spitze eines Schnabelschuhes sein darf. Für Fürsten und Prinzen 2 1/2 Fuss, für höhere Adelige 2 Fuss, für einfache Ritter 1 1/2 Fuss, für Reiche 1 Fuss und für Gewöhnliche  1/2 Fuß (1 Fuß 0,30 cm). Es wurde also auch äusserlich deutlich, wer auf grossem Fuss lebt. (Andritzky, S. 48)

„Was ist mir heilig“

… war die Überschrift einer Ausstellung der katholischen Jugend 1986 auf dem Kirchentag in Aachen. Jugendliche hatten Alltagsgegenstände mitgebracht und dazu notiert, was das Besondere für sie an diesen Gegenständen war. Gregor hatte ein paar zerschlissene Turnschuhe mitgebracht. „Sie sind mein persönliches Heiligtum“ hatte er dazu formuliert, und weiter: „Sie sind mir wichtiger als das Stück Stoff im Aachener Dom, das die Windel von Jesus sein soll.“ Es gibt Schuhe, an denen wir hängen, die uns tagtäglich begleiten und uns durchs „Leben tragen“. (Andritzky, S. 18)

Meine Lieblingsschuhe erzählen

„Da wird ein Schuh draus“ war der Titel einer Unterrichtseinheit in der Sekundarstufe. Der Einstieg war eine Hausaufgabe: „Ihr habt bestimmt Lieblingsschuhe. Bringt sie mit.“ Zur nächsten Stunde kramten fast alle SchülerInnen aus Plastiktüten und Schuhkartons Turn-, Fussballschuhe, Springerstiefel oder Pantoffeln hervor. Jene, die ihre Hausaufgabe vergessen hatten, nahmen die Schuhe, die sie trugen.

„Mensch, was sind das für alte Treter!“

Der spontane Ausruf lenkt sofort das Interesse der Klasse auf ein paar zerschlissene Turnschuhe von Andreas. Die ursprüngliche Farbe des Oberleders ist kaum noch zu erkennen. Die zerrissenen Schnürsenkel sind an mehreren Stellen zusammengeknotet.

„Die waren die letzten drei Jahre Tag und Nacht bei mir, die haben alles mitbekommen, was ich erlebt habe… wenn die erzählen könnten.“

Andreas hat das Stichwort geliefert. „Meine Schuhe erzählen, von Höhen und Tiefen, von Tritten und Anstössen“ lautet die Aufgabe. Wunderschöne Geschichten entstehen. Michaels Fussballschuhe sind „Glücksbringer“. Er behauptet: „Mit diesen Schuhen gelingt mir jeder Trick, mit denen kann ich jeden ausspielen.“ Lea hat ihre Babyschuhe mitgebracht, mit ihnen hat sie das Laufen gelernt.

Schuhe in Märchen und anderswo

Anschliessend beginnt in Arbeitsgruppen die Recherchearbeit zum Thema Schuhe. Eine Gruppe erforscht, welche Bedeutung die Schuhe in den Märchen haben. Der gestiefelte Kater wäre machtlos ohne sein Schuhwerk. Aschenputtel hätte ohne ihren Schuh nie ihr Glück gefunden. Die Siebenmeilenstiefel verleihen Zauberkräfte. Eine andere Gruppe entdeckt und sammelt Redewendungen und Sprichwörter wie: „Wo drückt der Schuh.“; „Da wird kein Schuh draus.“; „Endlich in die Puschen kommen.“ oder: „Sich auf leisen Sohlen bewegen.“ Eine dritte Gruppe untersucht die Bedeutung des Schuhs in der Werbung. Sie entdecken, wer „Nike“ trägt, der läuft mit „Siegerschuhen“. Der weltbekannte Sportartikelhersteller hat wohl bewusst als Firmenname den Namen der griechischen Siegesgöttin gewählt. Natürlich hat sich eine andere Gruppe mit Bibelstellen beschäftigt und gefragt, wo dort Schuhe vorkommen.

Schuhwerk

Am Schluss der Unterrichtseinheit „Schuhe“ entsteht eine Ausstellung mit dem Titel „Schuhwerk“. Darin werden die Unterrichtsergebnisse vorgestellt, ebenso noch ergänzendes Material, wie eine Kollage mit Darstellungen verschiedenster Schuhe aus Geschichte und Gegenwart. Ergebnisse über die Bedeutung der Schuhe in der Kulturgeschichte werden gezeigt. In einem Interview erklärt ein alter Schuhmacher sein Handwerk, dass er vor über fünfzig Jahren gelernt hat. Die Ergebnisse der Bibelrecherche tragen den Untertitel: „Schuhe, Ausdruck des Glaubens.“

Warum Schuhe im Religionsunterricht

Normalerweise sind Kleidung und Religion zwei verschiedene Paar Schuhe. Dass Alltagswirklichkeit sowie Sinnstiftung und damit auch Grundfragen von Religion eng aufeinander bezogen sind, das können wir nicht nur am Kreuz an der Halskette, sondern auch an unserem Schuhwerk entdecken. Schuhe wärmen und schützen, mit ihnen geben wir uns aber auch „Sinn“, sie sind Statussymbole, sie zeigen an, wer wir sein möchten, sie sind Ausdruck unseres Lebensstils. An Schuhen können wir sehen, wie wir im alltäglichen Leben mit Sinnfragen – wenn auch oft unbewusst – umgehen. Religion ist nichts Ausseralltägliches, sondern in unseren Alltag eingewoben. „Kleider machen Leute“. Schuhe zeigen, worauf wir „stehen“ und was uns „trägt“, manchmal sogar, was uns heilig ist.

 

 

Literatur:

Andritzky u.a.: Zum Beispiel Schuhe: Eine Kulturgeschichte der Fussbekleidung,1998.

Lothar Teckemeyer, Pfarrer i.R., hat in Deutschland und in der Schweiz als Pfarrer und Lehrer gearbeitet. Er ist ausgebildeter Psychodramaleiter. Aktuell hat er einen Lehrauftrag an der Uni Paderborn (Fakultät für Kulturwissenschaften) mit dem Schwerpunkt Performative Religionsdidaktik   CC BY-NC-SA 3.0  Lothar Teckemeyer | reli.ch
Kompetenz: 3B-3, 4B-3