Fachbeiträge

Passionsgeschichten erzählen

„Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.“

So endet das Markusevangelium (Mk 16,8). Maria Magdalena, Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome haben soeben das leere Grab gesehen und das Unfassbare gehört: „Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier.“ (V6) Davon sind sie so erschüttert, dass sie die eigentlich frohe Botschaft (noch) nicht weitererzählen können. Dabei hat der Engel ihnen genau das aufgetragen: „Geht, sagt seinen Jüngerinnen und Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“ (V 7) Erst in einem zweiten Schluss, der dem Markusevangelium später noch hinzugefügt wurde, wird berichtet, wie Maria Magdalena den anderen von der Auferstehung erzählen kann.

Der erste Markusschluss kommt unmittelbar, überraschend. Es ist, als wolle er uns Lesende fragen: „Und du? kannst du davon erzählen, dass Jesus auferstanden ist?“ In diesem Dienste steht das Erzählen von Passionsgeschichten: Es soll die erschütternde Botschaft der Auferstehung erfahrbar machen.

Dazu braucht es zweierlei: 1. muss in der Erzählung anklingen, welche Hoffnungen auf diesem Mann aus Nazareth lagen – und dazu wiederum braucht es einen Einblick in die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umstände jener Zeit. 2. sollten die Zuhörenden die Erschütterung am leeren Grab oder in der Begegnung mit dem Auferstandenen miterleben können – dazu muss das Unfassbare anschaulich erzählt werden.

1. Von der Hoffnung erzählen

Das Leben im ersten Jahrhundert war geprägt von gewaltiger wirtschaftlicher Ungleichheit, römischer Besatzung und verschiedenen jüdischen Strömungen, mit dieser schwierigen Lage umzugehen. Jene, die sich an Jesus aus Nazareth hielten, glaubten, dass er der lange verheissene Messias sei. Der Messias, der Gewalt und Unterdrückung endgültig überwinden und die gute Gotteswelt einläuten werde. In unzähligen kleinen Geschichten erzählen die Evangelien davon, wie sich diese gute Gotteswelt rund um Jesus da und dort schon zeigt: Menschen werden aufgerichtet, Kranke werden heil, es gibt Tischgemeinschaften und Hoffnungsworte. Alles Zeichen dieser guten Gotteswelt, wie sie im Alten Testament immer wieder beschrieben werden. Wenn Jesus der Messias ist, dann ist rund um ihn die Hoffnung, dass diese so schrecklich ungerechte Welt ihrem Ende entgegengeht. So ist der Tod dieses Mannes nicht nur eine persönliche Katastrophe, sondern auch eine theologische. Da unterliegt nicht nur ein Freund und Lehrer der feindlichen Macht. Mit Jesus wird auch die Hoffnung auf das Gottesreich ins Grab gelegt.

Erzählerisch braucht es nicht viel, um diese Zusammenhänge aufzuzeigen. In wenigen Sätzen können Angst, Armut und Verzweiflung einer Hauptfigur beschrieben werden.

2. Vom Unfassbaren erzählen

Die Bildersprache der biblischen Vorlage hilft beim Erzählen: der Stein ist weg, im Grab sitzt ein weiss gekleideter Mann, „fürchtet euch nicht“ sagt er (Mk); Maria sieht zwei Engel, sie wendet sich um, sieht einen, den sie für einen Gärtner hält, sie wendet sich um und erkennt Jesus (Joh). Diese Bilder wollen nicht erklären was war, sondern erzählen von der nur langsam sich einstellenden Erkenntnis: Es geht weiter! Verdeutlicht werden kann das erzählerisch zum Beispiel in einem Gespräch zwischen den Augenzeuginnen und den anderen Jüngerinnen und Jüngern. In diesem Gespräch können verschiedene Stimmen verteilt werden: Solche, die sofort verstehen was los ist und andere die zweifeln. So werden den Zuhörenden verschiedene Sichtweisen angeboten – damit sie anknüpfen können an ihre eigene Erfahrung.

(Dieser Beitrag wurde zuerst publiziert in „Dein Wort. Mein Weg. Alltägliche Begegnungen mit der Bibel. 2/2020, 14-15.)

Moni Egger, Dr. Theol., ist Alttestamentlerin und Bibelerzählerin   CC BY-NC-SA 3.0 Moni Egger | reli.ch
Kompetenz: 1B-4, 2B-4