Fachbeiträge

Nikolaus und die Kinderbischöfe

© lillysmum / pixelio.de

Das Amt der Kinderbischöfe war im ausgehenden Mittelalter eng mit dem Nikolaustag verbunden. Von Martin Luther als „Narretei“ kritisiert und später als spielerischer Unsinn abgetan, ist die Tradition des Kinderbischofsamtes in Vergessenheit geraten. In der lutherischen Kirchengemeinde Nikolausberg/Göttingen wurde es 1999 neu eingeführt. Bis heute ist es ein belebendes Element in der Gemeinde.

Das mittelalterliche Spiel

Im 14./15. Jahrhundert wurde es an Klosterschulen Mode, unter den Schülern einen Kinderbischof zu wählen, den man ganz realitätsnah mit bischöf­lichen In­signien (Krummstab, Mitra, Gewänder) aus­staf­fierte. Fast immer fand zu diesem Anlass ein Umzug statt. Für die Schüler gab es Geschenke und ein besonderes Essen. Und das wichtigste: Der übliche Unterricht fiel aus. In Spielen und Erzählungen wurde an je­ne Legende erinnert, in der Nikolaus die getö­te­ten Schüler wieder zum Leben erweckt (Schülerlegende). Vor allem wurde aber im Ritual herausgestellt, dass Ni­kolaus Kinder und Schüler beschützt. Durch die nach dem Vorbild der Klosterschulen gegründeten Stadt- und Bürgerschulen dehnte sich der Brauch des Kinderbischofs über das ganze Abendland aus.

Kinder bestimmen?

1304 beschlossen die Hamburger Stadtvä­ter, Kin­der­bischöfe einzusetzen. Ihre „Amtszeit“ sollte vom 6. Dezember bis zum 28. Dezember dauern. Das Ende ih­rer Dienstzeit lässt sich aus der Tradition heraus erklären. Ur­sprüng­lich wur­den Kin­der­bischöfe nur für den 28. De­zem­ber gewählt. An diesem Tag wurde in den Mess­­feiern das Magnificat verlesen:„…die Mäch­tigen hat er vom Thron gestoßen und die Nie­drigen erhöht.“ (Lukas 1, 46ff.). Alle kirchlichen Würdenträger soll­­­ten an die Tu­gend der Demut erinnert wer­den. Vor Amtsmiss­brauch wurden sie durch die spie­lerische Umkehr bestehender Hierar­chie ge­warnt. Für einen Tag nahm ein Kinder­bischof die Position eines Erwachsenenbischof ein. Erst später wurde der Brauch der Kin­der­bischofswahl mit der Niko­laustradition des 6. Dezember verknüpft. Dadurch dauerte die Amtszeit der Kinder­bischöfe gut drei Wochen, doch spä­te­stens am 29. Dezember war alles wieder beim Alten, die Regentschaft der Kin­­derbi­schöfe war beendet, die eigentlichen Würdenträger hatten wieder das Sagen.

Ein schon im 13. Jahrhundert kritisierter Übermut der installierten Kinderbischöfe sowie die Kritik der Reformation und Aufklärung über zu viel „Narretei“ und Schabernack im Spiel bescherten dem Brauchtum des Kinderbischofsamtes im 18. Jahrhundert ein schleichendes Ende.

Die ersten Kinderbischöfe; © Lothar Teckemeyer

Die Neubelebung des Amtes in Nikolausberg

Abbildung der Bischofskette; © Lothar Teckemeyer

1999 hat die damalige Landesbischöfin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Mar­got Käßmann, in der Kirchengemeinde Nikolausberg, Göttingen, Philipp (10 Jahre), Marlen (8 Jahre) und Elin (9 Jahre) als erste Nikolausberger Kinderbischöfe und –bischöfinnen in ihr Amt einführt. Bis heute gibt es diese Ämter. Die Dienstzeit der Kinderbischöfe, -bischöfinnen, ist nicht beschränkt, in Nikolausberg sind sie immer dann im Amt, wenn sie die Bischoftskette tragen. Zu ihren Auf­ga­ben ge­hört, sich für die Belange der Kinder ihrer Gemeinde gegenüber kirch­lichen und ge­sellschaftlichen Gremien einzusetzen. Zugleich repräsentieren sie die Kinder des Ortes bei offiziellen Anlässen. Ihre Amtszeit endet nach zwei Jahren, spä­te­stens aber mit dem Erreichen des zwölf­ten Lebensjahres. Am 6. Dezember führt der Landesbischof oder einer seiner Vertreter die Kinderbischöfe in ihr Amt ein. Ihnen wird dann erstmals die Amtskette, auf der ein altes Pilgerzeichen mit der Darstellung des Nikolaus abgebildet ist, umgehängt. Die Segenshandlung des Bischofs bestimmt die Liturgie. 2011 ließ sich auch der Landesbischof Ralf Meister von einer Kinderbischöfin segnen. Im Rah­men die­ses Got­tesdienstes halten die Kinderbischöfe eine Kinderbischofs­predigt. Zugleich tragen sie einen Rechenschaftsbericht über ihre Arbeit vor. An der Ge­staltung der Predigt können sich alle Kinder Nikolausbergs be­tei­ligen. In einem Rund­schrei­ben werden die Religionslehrer der Grundschule ge­beten, Be­schwer­den und Wünsche der Kinder zu sammeln und diese an die Kin­der­bischöfe weiterzugeben. Die Kinder können sich aber auch direkt an die Kinder­bi­schöfe wen­den.

Im Rahmen des Gottesdienstes wird von den Kinder­bischöfen, -bischöfinnen auch jährlich der kinderfreundlichste Mensch Nikolausbergs aus­gezeichnet. Die Kinder­bi­schöfe, -bischöfinnen, kommen regelmäßig zusammen und beraten über Probleme, die die Kinder betreffen. Einmal im Jahr werden sie vom Kir­chenvorstand, bzw. dem Ortsrat eingeladen und angehört. Dort können sie ihre Anliegen vortragen. In all diesen Aktionen wird demonstriert: „Kinder haben Rechte“.

Kinderrechte weltweit und vor Ort

Zwar wurde schon 1989 die Kon­vention über die Rechte des Kindes von der Ge­n­eralversammlung der UNO angenommen, zwar haben auf dem ersten Weltgipfel der Kin­der in New York (im Septem­ber 1990) 71 teilnehmende Staatsoberhäupter verspro­chen, sich für den Schutz der Kinder einzu­setzen, doch die Probleme der Kinder bleiben, sowohl vor Ort, als auch weltweit. Trotz aller Verlautbarungen und Bekundungen hat sich wenig geändert:

  • Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind weltweit an den Folgen von Mangel- und Unterernährung.
  • 264 Millionen Kinder weltweit sind ohne Bildung
  • Kinder leiden am meisten unter Krieg. Sie sind Opfer von Ausbeutung und Ge­walt. Kinder werden als Soldaten missbraucht.
  • Nach wie vor existiert in vielen Ländern illegale Kinderarbeit.(Quelle: Unesco Bericht vom 24. Oktober 2017, ZEIT ONLINE, kna)
  • Täglich erschüttern uns Nachrichten über Kinderpornografie und sexuellen Miss­brauch an Kindern.

Wann ist ein Kind ein Mensch?

„Schwach, klein, arm, abhängig – ein Staats­bürger wird es erst. Wir behandeln es mit Mitleid, Schroffheit, Grobheit und wenig Achtung. Ein Lümmel, ein Kind nur, erst in Zu­kunft ein Mensch, jetzt noch nicht.“(J. Korczak, Das Recht der Kinder auf Achtung, 1928, zitiert nach G. Lind, Wozu eigentlich Offener  Unterricht?, in Schulmagazin 2, 2007, S.1.). Mit diesen Worten beschrieb der polnische Priester und Pädagoge J. Korczak die Situation der Kinder. Auch heute noch wird weitgehend Kindheit als Vorstufe zum Erwachsensein verstanden. Und dort, wo sie wie kleine Erwachsene behandelt werden, dient das oft der Werbung oder der Konsumin­ter­essen. Dabei wird häufig übersehen, dass Kinder eigenständige Persönlichkeiten mit Begabungen und Fähigkeiten sind und sie eigenständig und eigenverant­wortlich Probleme lösen können. Und: Kinder haben ein Recht auf ihre Kindheit.

Kinder haben recht/Rechte

Immer wieder wird auf Kinder­rechte aufmerksam gemacht, doch mei­stens sind es Er­wa­chsene, die sie ein­kla­gen und sich für Kinder engagieren. Nur sel­ten wird ver­sucht, Kindern selbst Gehör zu ver­schaffen und sie eigenständig ihre Rechte ver­treten zu lassen. Zwar gibt es in den Schulen Schüler­ver­tretungen und in einigen Kirchengemein­den Jugendkonvente, doch Kinderkonvente eher selten! Erst mit der Vollendung der Volljährigkeit erhalten sie alle Bürgerrech­te. In Nikolausberg hat man in all den Jahren die Erfahrung gemacht, dass Kinder selbst meistens ihre besten An­wälte und Anwältinnen sind. Bei der Kinderbi­schofs­predigt sind Ortsräte und Vereinsvorsitzende aufmerksame Zuhö­rer. Sie haben gemerkt, Kinder weisen auf Dinge hin, die alle Bürger betreffen. In der Zwischenzeit gehört es zum guten Ton, sich auf die Wünsche der Kinderbischöfe, -bischöfinnen einzulassen. Kinder gestalten in ihrer Funktion als Bischöfe und Bischöfinnen aktiv einen Perspektivenwechsel. Sie betrachten das Weltgeschehen aus ihrer Sicht. Dabei werden sie von den Erwachsenen ernst genommen. Die Lan­des­bischö­fin Margot Käßmann hat mit den Kinder­bischöfen den „kollegialen Aus­tausch“ ge­pflegt. Es kam zu mehreren Treffen. Zwar sind im Laufe der Jahre die über 20 Kinderbischöfe und -bischöfinnen unterschiedlich aktiv gewesen, aber das ist bei den erwachsenen Bischöfen nicht viel anders.

Warum der Bischofstitel?

Bischöfe sind hohe kirchliche Wür­denträger. Ihre Worte haben Gewicht. Dort, wo Kinder­bischöfe eingeführt werden, wird zumindest im kirchlichen Bereich einge­stan­den, dass Kinder würdig sind, selbst ihre Rechte in die Hand zu nehmen und dafür einzutreten.

Erwachsene haben bei der Einführung solch eines Amtes eher eine unterstützende und för­dernde Funktion. Sie achten darauf, dass Kinder nicht instrumen­ta­lisie­rt werden und man sie zu Interessenvertretern erwachsener Anlie­gen macht. Es geht darum, Kin­der zu befähigen, ihre eigenen Wahrneh­mun­gen und Empfindungen, ihre Interessen und Rechte zu benennen und zu vertreten. Deshalb haben die Nikolausberger Kinderbischöfe Paten/ -innen, die eher im Sinne eines Sekretärs/ einer Sekretärin die Arbeit der jungen Würdenträger unterstützen.

In der Tradition des Mittelalters hatte die Wahl eines Kinder­bischofs eher warnende Bedeutung. Die Erwachsenen wurden um die Weihnachtszeit an die Tugenden der Kinder erinnert. Amtierende Bischöfe sollten begreifen, wie anfällig gerade auch kirchliche Würdenträger für Hoch­mut und Selbstgefälligkeit sein können. In Nikolausberg steht die Interessenvertretung der Kinder und die Wahrnehmung von Kin­derrechten durch Kinder und für Kinder im Mittelpunkt. Das dieses keine „Narretei“ ist, konnte in den letzten Jahren gezeigt werden.

 

Weitere Auskunft

Wenn sie nähere Details zum Kinderbischoftsamt erfahren möchte oder sogar dieses Amt an ihrer Schule oder in ihrer Gemeinde installieren möchten, berät sie dabei gerne: Lothar Teckemeyer.

Lothar Teckemeyer, Pfarrer i.R., hat in Deutschland und in der Schweiz als Pfarrer und Lehrer gearbeitet. Er ist ausgebildeter Psychodramaleiter. Aktuell hat er einen Lehrauftrag an der Uni Paderborn (Fakultät für Kulturwissenschaften) mit dem Schwerpunkt Performative Religionsdidaktik. CC BY-NC-SA 3.0 Lothar Teckemeyer | reli.ch
Kompetenz: 1C-3, 2A-1, 2A-2