Fachbeiträge

Morgen noch Katechese?

Katechese ist die systematische Weitergabe des christlichen Glaubens. Neben der Bedeutung von ‚unterrichten, unterweisen’ meint das griechische Ursprungswort ‚katechein’ aber auch ‚entgegentönen’. Wie kann Katechese zu einem Resonanzraum unterschiedlicher Stimmen und Töne werden, zu einem Klangraum unserer Zeit?

PessimistInnen vermögen die Herausforderungen unserer Zeit grösstenteils als nur Misstöne wahrzunehmen: „Früher war …“ Statt dem Ideal eines einheitlichen Milieus nachzutrauern, gilt es den Fluss der Veränderungen und die Verschiedenheiten produktiv aufzunehmen.

Wie aus Heterogenität Vielfalt werden kann

  1. Herausforderung: Heterogenität überall

Kommuniongruppen, Firmgruppen, Erwachsenenkatechese etc: Menschen sind unterschiedlich im Hinblick auf ihre Erwartungen, religiöse Prägung, familiären Ressourcen, Freizeitverhalten, Kultur, Bildung, Status, ästhetischen Vorlieben.

Was tun? Wahrnehmen! Die Verschiedenheiten in Pfarrei oder Gruppe differenziert benennen. Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen abfragen, möglichst schon, bevor man einen schon fertig geplanten Kurs oder ein Projekt beginnt.

  1. Herausforderung: wirklich produktiv mit Vielfalt umgehen.

Heterogenität kann zu Vielfalt werden, wenn jede/r die Möglichkeit hat, einen Beitrag zum Ganzen zu leisten. Manchmal ist aber auch Differenzierung angesagt. Es müssen nicht immer alle dasselbe machen. Warum nicht eine Firmgruppe machen mit einem eher erlebnisbezogenen und einem eher theologisch-intellektuellen Zugriff? Wo ist es sinnvoll, Mädchen und Jungen zu trennen? Wie wäre es mit einer modulartigen Sakramentenvorbereitung, wo man wählen kann?

  1. Herausforderung: Formate und Formen finden, die ein erkennbares Profil haben.

Katechese hat enormen Gestaltungsfreiraum. Sie braucht keine Pseudo-Schule zu sein, sie kann erlebnisbezogene, liturgische, kreative, meditative Elemente einbeziehen. Wo konfessioneller Religionsunterricht in der Schule, einem hochprofessionellen Umfeld, stattfindet, muss man die gleiche Qualität bieten. Daneben müssen neue Formate erprobt werden: z.B. eine kontinuierliche attraktive, kindgerechte, anregende Kinderkatechese zu einer Zeit, die Eltern entlastet; die Verbindung von Ortsgeschichte, Religion und Erwachsenenbildung u.v.m.

Was sein muss

  1. Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann

Für den Umgang mit Heterogenität gibt es keine Rezepte. In der Begegnung mit verschiedenen Menschen und Gruppen, in Erfahrung mit Erfolgen und Misserfolgen entwickelt sich Neues. Voraussetzung ist ein Perspektivenwechsel vom defizitorientierten Denken zum möglichkeitsorientierten Denken: Was kann dieser Mensch, dieser Gruppe beitragen? Warum brauchen wir sie? Es ist gut, gelegentlich lieb gewordene Denkmuster und vertraute Rhetorik in Frage zu stellen. Dazu gehört, dass man z.B. akzeptiert, dass Menschen nur punktuell mit der Kirche bzw. der Pfarrei zu tun haben wollen.

Ein „Ja“ für zu viel Homogenität in der Kirche sollte misstrauisch machen. Sie kann zu sektiererischer Selbstzufriedenheit führen. Vielfalt jedoch ist ein Weg zur Verlebendigung von Glauben und Kirche.

  1. Lebensweltbezug

Was die Erzählungen der Bibel, die Glaubensformeln der Tradition, die kirchlichen Feste für Menschen in ihrer Zeit und Lebenssituation konkret bedeuten, ist ein immer neuer, nie abgeschlossener Verstehensprozess. Katechese ohne Lebensweltbezug ist sinnlos, eine Glaubenssprache, die nur binnenkirchlich verstanden wird, verhallt. Katechese hat nur dann eine Zukunft, wenn sie dazu beiträgt, dass der Glaube für den Menschen eine existenzielle, lebensbejahende Dynamik entfalten kann. Voraussetzung für das Gelingen ist, dass die für die Katechese Verantwortlichen diese Bedeutung für ihr eigenes Leben erarbeitet haben.

  1. Partizipation

Möglichkeiten und Methoden der Partizipation vor, während und nach einem Kurs oder einer Veranstaltung sind der Königsweg gegen Konsumentenhaltung und zur Vermeidung von Angeboten, die niemanden interessieren.

Chancen

  1. Einbettung der Katechese in die Pfarrei

  • Gemeinschaft schaffen: Die Pfarrei muss ausserhalb der Katechese Formen der Vergemeinschaftung pflegen, wo unterschiedliche Menschen sich wohl fühlen. Katechese wirkt länger, wenn es Gelegenheiten gibt, nach einem begrenzten Anlass wieder einmal vorbeizuschauen oder mitzutun.
  • Glaubwürdigkeit durch Diakonie: Die Plausibilität des christlichen Glaubens erschliesst sich nicht nur in der Katechese, sondern vor allem im Handeln. Wenn die Menschen den Eindruck gewinnen, dass in der Kirche Diakonie überzeugend verwirklicht wird, gewinnt die Glaubensverkündigung an Überzeugungskraft.
  • Riten und Symbole, welche den Menschen ganzheitlich ansprechen: Wenn es gelingt, durch eine stimmige Atmosphäre, mit ansprechender Ästhetik, mit sinnhafter religiöser Sprache, durch Symbole und Zeichen spüren zu lassen, dass es „mehr als alles gibt“, dann wird die Katechese nachhaltiger. Gerade auch hier ist das selbstkritische Nachdenken darüber, welche Gruppen man mit welchen Liturgien erreicht, eine Notwendigkeit und die sorgfältige Gestaltung von Liturgien eine grosse Chance.
  1. Vertrauensvorschuss für kirchliche Aktivitäten

Auch Familien, die kaum eine kirchliche Praxis haben, schicken ihr Kind in die Katechese oder den Religionsunterricht. Sie trauen den Verantwortlichen zu, dass es recht kommt. Defizitorientiert denken heisst: warum schicken die ihre Kinder, die haben doch selbst keine Ahnung; ressourcenorientiert denken heisst: Danke für den Vertrauensvorschuss, wir werden sorgfältig damit umgehen.

  1. Professionalität und Freiwilligkeit

Die Katechese ist wichtig, weil sie 1. der Ort ist, wo christliches Glaubensgut erfahrbar und plausibel wird oder eben nicht, und 2. ein Aushängeschild der Kirche darstellt. Für das Gelingen sind pädagogische und theologische Professionalität grundlegend. Gute Aus- und Weiterbildungen müssen weiterhin gepflegt werden. Die Heterogenität der AddressatInnen der Katechese muss sich vermehrt auch bei den Mitarbeitenden abbilden.

Gleichzeitig kann die Kirche in einem beneidenswerten Ausmass auf Freiwillige zurückgreifen, die bereit sind, sich für einen bestimmten Zeitraum und Umfang zu engagieren. Für die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses und gegen professionelle Blickverengung ist dies äusserst wertvoll. Der sorgfältige Umgang mit Freiwilligen ist eine grosse Chance, die in Zukunft noch stärker bedacht werden muss. Aber: Professionelle können nicht die Freiwilligenarbeit ersetzen; Freiwillige nicht die Professionellen.

Unsere Welt ist bunt. Wir haben keine andere Wahl als die Heterogenität zu akzeptieren. In der Katechese haben wir die Chance, Heterogenität zu einer bereichernden Vielfalt in der Kirche werden zu lassen.

Ihre Meinung ist gefragt!

Wie sieht Katechese konkret vor Ort aus? Welche Vielfalt wünschen Sie sich und welche Modelle sind umsetzbar? Diskutieren Sie mit, um neue Formen der Katechese zu entdecken und Ihre Sicht aus der Praxis zu schildern, damit die Katechese von morgen Gestalt annimmt. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag!

Monika Jakobs leitet das Religionspädagogische Institut (RPI)an der Universität Luzernund ist Professorin für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät.       CC BY-NC-SA 3.0  Monika Jakobs | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 1, 2, 6, 12