Fachbeiträge

Mit anderen Eltern Zeit verbringen, während die Kinder mit Gleichaltrigen spielen

Pfarreien sind Orte der Begegnung. Eine Möglichkeit des niederschwelligen Kontaks sind Eltern-Kind-Treffs. Manche Pfarreien stellen hierfür Stellenprozente zur Verfügung, so dass Kontinuität und Qualität möglich sind. Jeannette Jost ist beispielsweise mit einem 30 % Pensum bei der Pfarrei Bruder Klaus in Bern angestellt. Sie wirkt bei den ökumenischen Kleinkindfeiern mit und leitet den Eltern-Kind-Treff. Der Eltern-Kind-Treff hat in der Pfarrei schon eine sehr lange Tradition. Im Gespräch mit Christiane Burgert erzählt sie von ihrem Projekt.

Zum Treff kommen Familien mit Kindern ab Geburt bis zum Kindergarteneintritt. Derzeit gibt es zwei feste Gruppen mit insgesamt 28 Kindern. Eine Gruppe trifft sich am Mittwoch und die andere Gruppe am Freitag je von 9 bis 11 Uhr. Wie viele Kinder Frau Jost in eine Gruppe aufnimmt, entscheidet sie anhand der Kriterien Gruppendynamik und Anzahl der Anfragen. Ihrer Erfahrung nach sind zehn bis zwölf Kinder optimal. Meist besteht mehr Interesse als Plätze zur Verfügung stehen. Die Warteliste ist aber überschaubar und Frau Jost gibt immer Tipps, wo es sonst noch Angebote für junge Familien gibt. Im Quartier gibt es einen offenen Familientreff ohne Anmeldung. Beide Angebote ergänzen sich gut.

In der Regel besuchen die Familien den Eltern-Kind-Treff bis die Kindergartenzeit beginnt. Diese konstante Gruppenzusammensetzung bedeutet für die Kinder Verlässlichkeit und Sicherheit. Durch die vertraute Atmosphäre können sich die Erwachsenen öffnen und Freundschaften schliessen. Vor allem Bezugspersonen, die schwer Kontakt zu neuen Personen finden, profitieren von diesem Modell.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Der Eltern-Kind-Treff findet im Pfarreizentrum Bruder Klaus statt. Es stehen zwei Räume zur Verfügung, die miteinander verbunden sind. Es hat auch einen Zugang zum Garten, der mitgenutzt werden kann. Frau Jost baut dies in den Eltern-Kind-Treff ein. Die Kinder können säen und ernten. Sie erleben die Jahreszeiten und machen wertvolle Erfahrungen mit der Natur.

Ab 9 Uhr trudeln die Gäste ein. Wenn alle da sind, wird das Glöckchen gespielt. Dieses Glöckchen begleitet durch den ganzen Treff und kündigt je die neue Sequenz an. Begonnen wird mit einem Begrüssungslied. Es folgen Kinderlieder und Verse auf Mundart und Schriftdeutsch, die Kultur und Werte transportieren. Wiederkehrendes und Bekanntes wechselt mit jahreszeitlichen Liedern und neuem Liedgut. Die Kinder können bei der Liedauswahl mitbestimmen. Die Begleitpersonen können bei Interesse die Lieder und Verse kopieren und zuhause singen. Gesungen wird a cappella. Hand und Körper werden eingesetzt. Das gemeinsame Singen verbindet und begeistert die Kinder. Frau Jost beobachtet, dass schon die kleinen Kinder positiv auf die Musik reagieren.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Im Anschluss folgt ein Raumwechsel für das Bastelangebot. Den Erwachsenen tut es gut, die Hände zu beschäftigen. Über das Tun kommen sie miteinander in Kontakt und sie erhalten einfache Bastelanregungen für zuhause. Die Kinder erleben Freude beim kreativen Tun und sind auf ihre Kunstwerke stolz. Die Eltern lernen, dass beim Gestalten der Prozess wichtiger ist als das Ergebnis. Frau Jost verwendet unterschiedliche Materialien und Techniken wie z. B. Filzen, Malen und Tonen, bei denen alle Sinne angeregt werden. Die Jahreszeitenfeste werden beim Bastelthema einbezogen. Im Sinne der Chancengleichheit und Entlastung können Kinder und Eltern hier mit Materialien in Kontakt kommen, die sie von zuhause nicht kennen. Das Angebot ist so einfach, dass es im Prinzip vom Kind alleine hergestellt werden kann. Die Eltern unterstützen nach Bedarf. Das Basteln ist freiwillig. Wer von den Kindern lieber spielen will, kann das machen.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Nach dem Basteln kommt das Znüni. Hier hat Frau Jost ein festes Ritual entwickelt, welches die Kinder lieben. Der Znüniwagen verwandelt sich in einen Zug, mit dem man durch die ganze Welt reisen kann. Das Reiseziel bestimmen die Kinder und helfen beim Schieben und Stossen. So geht die 20 Meter Reise mit dem Servierwagen von der Küche zum Znünitisch durch die ganze Welt. Beim Znüni gibt es bewusst einen Kinder- und einen Erwachsenentisch. So können die Kinder erste Schritte der Selbstständigkeit üben. Selbstverständlich dürfen kleine Kinder auch am Erwachsenentisch sitzen und Erwachsene dürfen bei Bedarf auch am Kindertisch Platz nehmen. Für Frau Jost ist es schön zu sehen, wie sich das mit der Zeit verändert und kleine Kinder erste Schritte der Ablösung wagen und sich fürs Znüni von der Bezugsperson trennen. In der Regel gibt es ein gesundes Znüni. Ausnahme sind die Geburtstage der Kinder, da gibt es dann eine Geburtstagstorte. Zum Geburtstag gibt es auch ein festes Ritual mit guten Wünschen für das Kind. Beim gemeinsamen Znünilied lernen die Kinder Werte wie Dankbarkeit und Achtsamkeit.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Nach dem Znüni gibt es Freispielzeit. Jetzt sind die Kinder miteinander angewärmt und nehmen verstärkt untereinander Kontakt auf. Hier steht der Erwerb sozialer Kompetenzen und Selbständigkeit im Vordergrund. Das Aufräumlied mit Glocke kündet den nächsten Wechsel an.

Zum Schluss des Morgens erzählt Frau Jost ein wertebasiertes Bilderbuch. Dabei legt sie darauf Wert, dass die Botschaft des Buches sowohl für Kinder wie auch für Erwachsene relevant ist. Sich gemeinsam versammeln und der Geschichte lauschen, ist ein inniger Moment, den die Kinder sehr geniessen. Gleichzeitig findet spielerisch eine alltagsintegrierte Sprachförderung und Heranführung an den Wert des Lesens statt. Der Eltern-Kind-Treff endet mit einem für die Kinder bekannten Abschlusspiel wie z. B. Häschen in der Grube oder Ringel-Ringel-Rose und einem Abschiedslied.

Die Kinder werden meist von ihren Müttern begleitet. Es kommen aber auch Väter, Grosseltern und Nannys. Es können neue Kontakte zu Personen in einer ähnlichen Lebenssituation geknüpft werden. Das ist häufig ein grosses Bedürfnis. Der Treff bietet Raum für verschiedene Kulturen und Religionen. Die Erwachsenen nutzen die Plattform zum Austauschen und zum Voneinanderlernen.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Damit eine positive Atmosphäre herrscht, in der sich alle Gäste wohlfühlen, gibt es beim Eltern-Kind-Treff einen lockeren Rahmen. Andererseits braucht es eine klare Leitung, die durch den Treff führt. Das gibt die nötige Sicherheit und Verlässlichkeit. Beim Leiten des Treffs wechselt Frau Jost situativ ihre «Rolle» und ist darin auch sehr klar: Aus ihrer Sicht braucht es auf alle Fälle das gute Beobachten, Zuhören und Dasein. Wenn jemand ganz neu ist oder sehr introvertiert, bringt Frau Jost Menschen miteinander in Kontakt. Gibt es eine Frage, die alle interessieren könnte, übernimmt Frau Jost spontan die Gesprächsmoderation und bezieht alle Eltern ein. Sie gibt dann Impulse, die ins Nachdenken führen. Die Antworten geben die Eltern selbst. Der Eltern-Kind-Treff trägt den Namen Arche. Dieser Name passt gut, weil im Treff alle ihren Platz haben und willkommen sind. Es geht darum, mit den Menschen prozessorientiert und wohlwollend unterwegs zu sein und für eine positive Stimmung zu sorgen.

Die Personalkosten für den Eltern-Kind-Treff übernimmt die Pfarrei. Ebenso stellt sie ein Budget für Verbrauchsmaterialien und Znüni zur Verfügung. So kann der Treff von den Familien kostenlos besucht werden. Beim Treff wird ein Spendenkässchen aufgestellt. Der Erlös wird für Bücher, Bastelmaterialien und Ähnliches verwendet.

Zu den Aufgaben der Leitung gehört das inhaltliche Vorbereiten und das Einrichten. In den Schulferien findet kein Treff statt. Frau Jost ist Teil des Pfarreiteams und ist im regelmässigen Austausch mit dem Pastoralassistenten. Den Treff leitet Frau Jost alleine. Als sie einmal krank war, führten die Eltern den Treff ohne Leitung durch.

Frau Jost ist im Quartier gut vernetzt und tauscht sich regelmässig aus. Der Treff wird über verschiedene Kanäle beworben. Am Effektivsten bleibt aber immer noch die Mund zu Mund Propaganda durch die Eltern selbst.

© Christiane Burgert-Rothmaier

Mit dem niederschwelligen Eltern-Kind-Treff gelingt der Pfarrei ein positives Kirchenbild und gute Öffentlichkeitsarbeit. Es ist ein Stück gelebte Kirche, gerade auch für kirchendistanzierte Familien. Eine Mutter hatte mit der Institution Kirche sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Durch den Treff konnte sie das revidieren und besuchte sogar die Familienweihnachtsfeier der Pfarrei. Für die Beziehungsarbeit mit den Familien ist es von Vorteil, dass Frau Jost neben dem Eltern-Kind-Treff auch bei den Kleinkindfeiern und bei Pfarreiprojekten mitarbeitet. Auf dem Flyer des Eltern-Kind-Treffs sind auch alle Kleinkindfeiern aufgeführt. Die Hürde zum Besuch einer Feier ist oftmals kleiner, weil sie Frau Jost bereits kennen. Einmal jährlich geht der Eltern-Kind-Treff in die Kirche. Dann werden die Kinderlieder aus dem Treff von der Orgel begleitet und die Kinder dürfen selbst Orgel spielen, was sie immer mächtig beeindruckt. Manche Eltern besuchen ausschliesslich den Eltern-Kind-Treff und nehmen diesen Termin auch sehr ernst. Davon abgesehen nehmen sie an keinen weiteren kirchlichen Aktivitäten teil. Auch das ist in Ordnung. Beim Eltern-Kind-Treff schenkt die Pfarrei Bruder Klaus den jungen Familien Raum und Zeit. Sie will für junge Familien da sein, wenn es darauf ankommt.

Danke an Jeannette Jost für das Good-practice-Beispiel aus der Pfarrei Bruder Klaus in Bern.

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Good-Practice-Beispielen für Familien mit Kindern von Geburt bis Ende Kindergartenzeit. Bisher sind folgende Artikel erschienen:

 

Das Gespräch führte Christiane Burgert-Rothmaier von der Fachstelle Katechese –Medien in Aarau. CC BY-NC-SA 3.0 Christiane Burgert | reli.ch
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