Fachbeiträge

Maria dich lieben…

© Alwin Gasser / pixelio.de

Ist allzeit mein Sinn…wenn ich dieses Marienlied höre, kommen Bilder und Erinnerungen: an meine Grossmutter, die begeistert dieses Lied sang vor dem kleinen Marienaltar, den sie jedes Jahr Maria zu Ehren schmückte, an Rosenkranzgebete in Dorfkirchen, die in ihrer Monotonie etwas sehr Beruhigendes ausstrahlen, an Maiandachten in der erwachenden Natur, die oft mit einem frohen Gemeinschaftserlebnis verbunden sind, an eine Pfarreireise nach Lourdes, die mit kritischer Distanz begonnen für mich dann doch zu einem bewegenden Erlebnis wurde.

Maria begegnet uns in vielen Bildern: als rebellische Frau im Magnifikat, als Mutter Gottes, Himmelskönigin, Schmerzensmutter, Schutzmantelmadonna, Jungfrau und Fürsprecherin und vieles mehr, theologisch reflektiert und in zahlreichen Festtagen und Wallfahrtsorten verehrt. Maria, mal himmelsfern, mal erdennah, mal jungfräulich und fehlerlos, mal mütterlich und empfänglich. Die Frau in „tausend Bildern“, die der romantische Dichter Novalis in einem Mariengedicht besang, wird hinsichtlich des jeweiligen Frauen- und Mutterbildes immer wieder neu inszeniert – bis heute.

Maria – immer noch zeitgemäss

Maria ist für die Frömmigkeit vieler Christen auf der ganzen Welt wichtig. Nicht nur die ältere Generation pflegt aufgrund ihrer religiösen Prägung die Beziehung zu Maria. An Wallfahrtsorten sind erstaunlich viele junge Menschen zu entdecken. Im interkulturellen Kontext erlebe ich immer wieder, wie selbstverständlich der Umgang mit Maria gepflegt wird. Maria, in der sich Glaubenserfahrungen und Lebenserfahrungen verbinden. Maria, die mit beiden Füssen fest auf der Erde steht, mitten im Alltag, zum Greifen nah, mit Problemen, die auch unsere sein könnten. Maria, die ein Gefühl von Geborgenheit, Beheimatung und Wärme erzeugen kann. Maria, die immer wieder inspiriert, sich neu auf die Suche nach ihr zu machen.

Die biblische Maria – vielstimmig

Im Vergleich zur breit entfalteten Marienfrömmigkeit sind die biblischen Quellen in Bezug auf Maria sehr zurückhaltend. Maria tritt hier eher am Rande und nur an wenigen Stellen als aktiv handelnde Frau auf. Der Grund dafür liegt darin, dass es den Evangelisten nicht um die Person Marias geht, sondern um ihr Mitwirken an der Heilsgeschichte Gottes. Doch ergeben die wenigen biblischen Zeugnisse ein erstaunlich vielstimmiges Bild von Maria.

Maria, aus königlicher Abstammung, die die prophetischen Verheissungen (Jes 7,14) erfüllt und dem Volk Israel den ersehnten Retter schenkt, den „Immanuel“. (Mt 1,23). Maria, die junge Frau, die vom Engel Gabriel die Botschaft empfängt, dass sie, ohne mit ihrem Verlobten Josef zusammenzukommen, den von Israel ersehnten Messias zur Welt bringen wird (Lk 1,31). Maria, die Ja sagt zu Gottes Heilsplan, obwohl das ihr Leben drastisch verändern wird (Lk 1,38). Maria, die in der Begegnung mit Elisabeth das Lied der Befreiung (Lk 1,40) singt, in dem sich Gottes Nähe zu allem Schwachen und Verletzlichen zeigt. Maria, die bereits an der Hochzeit zu Kana die Bedeutung Jesu erkennt und ihm den Anstoss gibt, sich durch ein Wunder zu offenbaren (Joh 2,1). Maria, die die Entwicklung ihres Sohnes nicht versteht und ihn in die Familie zurückholen will. (Mk 3,21). Maria, die aushalten muss, dass sich Jesus, von seiner Ursprungsfamilie distanziert, weil ihm die Familie derer, die Gottes Willen erfüllen, wichtiger ist. (Mt 12,48/Mk 3,33/Lk 8,21). Maria, die ihre innere Bindung an den Sohn trotz Krisen nicht aufgibt und Gottes Wort bewahrt, bedenkt und befolgt (Lk 2,51). Maria unterm Kreuz, die mit dem Scheitern des Lebenswerkes ihres Sohnes konfrontiert wird (Joh 19,25). Maria an Pfingsten, betend im Kreise der Jüngerinnen und Jünger Jesu.

Das Bild von Maria in der Bibel ist nicht einfach harmonisierbar und bietet deshalb Ansatzpunkte für einen heutigen Zugang zu ihr.

Maria in der Kunst – eine Blickerweiterung

Eine spannende Blickerweiterung sind für mich Mariendarstellungen in der Kunst. In der Ave Maria Ausstellung im Diözesanmuseum Bamberg lässt sich ein zeitgenössischen Zugang zu ihr entdecken. Insbesondere Monika Funke Sterns Fotomontage „Ave SMS“ und Sylvia Vandermeers Bild „Maria Verkündigung“ haben sich mir eingeprägt. Ihren künstlerischen Darstellungen gelingt eine aktuelle Deutung des Ave Maria in Bezug auf die biblisch-christliche Tradition. Hier die beiden Künstlerinnen in Bild und Wort.

Monika Funke Stern, Ave SMS, 2009, Ave Maria Ausstellung in Bamberg

Monika Funke Stern: „Die Begegnung mit dem Menschen wird in der Tradition bisweilen durch das bloße Auftauchen einer Hand aus den Wolken dargestellt. Hier erscheinen auch nur die Hände von beiden Beteiligten, die Hände halten das Handy, die Kommunikation ist die unserer modernen Welt. Die Gesichtslosigkeit der beiden Agierenden lässt dem Betrachter Interpretationsspielraum und auch Raum für Identifikation. Auf den beiden Handys sind deutlich die Begriffe „Optionen“ und „Löschen“ zu erkennen. Sie verweisen auf die Freiheit, aufgrund derer Maria sich dem Auftrag Gottes gegenüber auch hätte verweigern können.“(Katalog, S.90)

Sylvia Vandermeer, Maria Verkündigung, 2008, Ave Maria Ausstellung in Bamberg

Sylvia Vandermeer: „Im Fest der Mariä Verkündigung wird das Wunder des Empfangens von Gottes Sohn angekündigt. Es sind vor allem zwei Aspekte, die mich dabei bewegen: das „Unglaubliche“, was Maria begegnet, und ihre innere Haltung dazu. Eine wichtige Frage in meinem Werk ist, ob es das ‚Unerwartete‘ heute noch gibt, wo könnte es uns begegnen, gibt es einen Platz dafür in einer säkularisierten Welt, in einem rationalen Denken und einer empirisch ausgerichteten Wissenschaft? Die Maria, die ich dargestellt habe, befindet sich mitten unter uns, wartend an einer Haltestelle, von hohen Häusern, dem Schmutz der Straße und tosendem Verkehr umringt. In diesem Chaos dringt die Stimme des Herrn zu ihr, begegnet sie dem Engel Gabriel. Wie reagiert nun diese junge Frau, Maria, auf das ‚Unfassbare‘? In der Bibel heißt es, Maria antworte mit einem gelassenen ‚mir geschehe‘ (Lk 1,38). Sie schafft nicht, sie tut nicht, sie nimmt an, sie empfängt, sie lässt geschehen. In einer Welt, in der wir voll sind mit Terminen, Nachrichten, Plänen, ist da überhaupt Platz, ist es da für uns möglich, uns zu öffnen für eine große Liebe? Könnte ich sagen: Ja, mir geschehe…?“ (Katalog S.162)

Valie Export, Geburtenmadonna, 1976, Fotocollage, Oberösterreichisches Landesmuseum Linz

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Mutterrolle Marias findet sich im Oberösterreicherischen Landesmuseum Linz. In der Fotomontage „Geburtenmadonna“ der Künstlerin Valie Export sitzt eine Frau in der Pose von Michelangelos berühmter Marmorskulptur „Pieta“ auf einer Waschmaschine. Aus dieser windet sich wie eine Blutspur ein rotes Handtuch. Ihre geöffneten Arme tragen nicht den Sohn Gottes, sondern sind leer. Mit einer eindrücklichen Bildsprache weist sie darauf hin, dass Muttersein nicht nur mit hehren Gefühlen, sondern auch mit Alltag, Hausarbeit und Geburtsschmerz zu tun hat. Die Leere ihrer geöffneten Arme: könnte das ein Symbol dafür sein, dass heute der Gottessohn, der Glaubensmittelpunkt, fehlt? (Mutter Unser, S.15)

Maria in der Katechese? Aber ja!

Den Ansatzpunkt in der Katechese sehe ich vor allem in der Bedeutung Marias für viele Christen. Von hier aus lässt sich mit Kindern und Jugendlichen entwickeln, was Maria ihnen selbst bedeuten kann. Das kann auf verschiedenen Wegen passieren: im Gespräch mit erwachsenen Bezugspersonen in Familie und Pfarrei oder in der benachbarten Mission, im Mitfeiern verschiedener Frömmigkeitsformen und ihrer Reflexion, im Erleben von Wallfahrten, in der Begegnung mit der biblischen Maria, in der Auseinandersetzung mit Mariendarstellungen in Kunst und Liedgut. Sich mit Kindern und Jugendlichen auf eine Entdeckungsreise zu Maria begeben und mit ihnen intergenerationell, interkulturell und kreativ zu entwickeln, ob und wie Maria ihre eigene Spiritualität bereichern kann. Maria in Katechese? Aber ja! Doch nicht nur nebenbei vermittelt in einigen Gebeten und Festen, sondern mit mehr Spielraum zum Entdecken, Ausprobieren und Finden. Hier einige katechetische Impulse dazu. Ausgearbeitet als Arbeitsmaterialien sind sie zu beziehen an der Fachstelle für Religionspädagogik.

Maria in Bildern

Eine Methode, um einen persönlichen Zugang zu Maria zu finden, ist die Übermalung. Seit Arnulf Rainer eine bekannte künstlerische Methode, die sich mit einer Bildvorgabe auseinandersetzt und sich diese so persönlich aneignet. Aus verschiedenen Mariendarstellungen wird ein Marienbild auswählt, das ein starkes Gefühl provoziert (Sympathie oder Ablehnung). Dieses wird mit verschiedenen Farbstiften übermalt und collageartig mit Worten, Symbolen oder Textstücken erweitert. In Form eines Galeriespaziergangs wird das eigene Bild den anderen vorgestellt und der Bezug zur vorgefundenen Maria und dem persönliche Zugang zu ihr reflektiert. Ergänzt wird der Galeriespaziergang mit Sätzen zu Maria aus der Bibel, die die ausgestellten Bilder vertiefen oder kontrastieren.

Maria als Mutter

Die Fähigkeit, um des Kindes willen in den Hintergrund zu treten und es nicht für das eigene Lebensglück zu vereinnahmen, das wird der biblischen Maria in einigen Situationen mit Jesus abverlangt. Inspirierend für die Katechese ist hierzu das Märchen „Marienkind“. Die Jungfrau Maria höchstpersönlich nimmt ein kleines Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen bei sich auf, welches sich bei ihr schon bald wohler fühlt als zuhause. Die Jungfrau Maria entwickelt durch die Art ihres Mutterseins eine stabile nicht vereinnahmende Bindung, die das Mädchen ermutigt, mit Freude die Welt zu entdecken. Schon bald wird aus dem Mädchen ein lebensbejahendes Gegenüber, das der Jungfrau Maria selbstbewusst die Stirn bietet. Maria muss erheblichen Einsatz leisten, um mit dem Mädchen eine lebendige Beziehung auf neuer Ebene herzustellen. Katechetisch umgesetzt können Facetten des Muttersein Maria im Märchen erarbeitet und in Beziehung gesetzt werden zu den komplexen Rollen von Müttern heute.

Eine weitere Möglichkeit: in einem intergenerationellen katechetischen Angebot in der Pfarrei setzen sich junge Frauen, Mütter und Grossmütter mit Leitbildern des Mütterlichen auseinander. Hier kann in Bezug auf Maria reflektiert werden, dass Muttersein und Mutterwerden nicht einfach identisch sind. Hier einen Lebensraum zu schaffen, wo Mütter anfangen unabhängig von Kindern und Familien sich selber zu spüren, ihre Ressourcen zu entdecken, ihre Rolle zu überdenken, ihre Bedürfnisse auszusprechen und über Alternativen nachzudenken, kann heilsam sein. Dies kann in die Gestaltung eines Muttertags Gottesdienstes einfliessen, der das Muttersein nicht idealisiert, sondern in seiner Ambivalenz würdigt. Eine Feier, die erfahrbar macht, dass Gottes Segen auf den Müttern ruht, weil sie als Mensch von ihm angenommen sind und nicht in ihrer Mutterrolle.

Maria Himmelskönigin

Das feiern wir an Maria Himmelfahrt, dem ein Mariendogma zugrunde liegt. Geradezu aktuell ist das Glaubensbild, dass Maria mit „Leib und Seele“ als ganzer Mensch in den Himmel aufgenommen wurde. Das Dogma ist eine Korrektur zu einer Gesellschaft, die den Leib entweder verachtet oder vergöttert. Denn hier sagt Gott Ja nicht nur zu Maria, sondern auch zu uns, mit allem was uns als Menschen ausmacht: unserem Gelingen und Scheitern. Ein aktueller Bezug bietet der heutige Körperkult: Schönheitsoperationen zur Optimierung des eigenen Aussehens sind heute ein Lifestyle Produkt geworden. Jung, schlank, attraktiv, ebenmässig wird der Körper zu einem Idealbild geformt. Auch Maria blieb von solchen Idealisierungen nicht verschont: Maria als Himmelskönigin: überirdisch schön, makellos und rein. Die biblische Maria entzieht sich diesen Rollenerwartungen, in dem sie ihr Leben immer wieder neu nach Gottes Wort ausrichtet. Katechetisch spannend könnte die Beschäftigung mit Idealisierungen sein und der Umgang damit.

 

Literatur und Links

Eine Liste mit ausgewählten Büchern zu Maria für den konfessionellen Religionsunterricht und die Katechese gibt es bei Relimedia Zürich.

Den Katalog zur Ave Maria Ausstellung in Bamberg gibt es als Download. Einzelne Exemplare sind in Printform erhältlich im Diözesanmuseum Bamberg.

Mit Mutterbildern in der Kunst setzt sich das Heft „Mutter unser“, Kunst und Kirche 03/2010, ökumenische Zeitschrift für zeitgenössische Kunst und Architektur, gestaltet von Johannes Rauchenberger und Thomas Erne auseinander. Einzelne Exemplare gibt es an der Freien Kath. Universität Linz

Biblische Grundlagen und Zugänge vermitteln die beiden Broschüren:

Maria, in: Bibel und Kirche, Die Zeitschrift zur Bibel in Forschung und Praxis, 68. Jahrgang, 4.Quartal katholischen Bibelwerk Stuttgart, 2013 und Marie-Louise Gubler, Maria. Mutter, Prophetin, Himmelskönigin, katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2008

 

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Uta-Maria Köninger Leiterin der Fachstelle für Religionspädagogik im Kanton Zürichund Künstlerin CC BY-NC-SA 3.0  Uta-Maria Köninger | reli.ch
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