Fachbeiträge

Keine Hostie ohne Mahlgemeinschaft

Was ist eine Hostie? Sie ist Leib Christi und einem Leib so unähnlich, sie ist Brot und dem Brot so unähnlich. Das, was sie bedeutet, ist also mehr als das Sichtbare und Materielle. Erst durch Erfahrung lässt sich diese Bedeutung erahnen, eine Erfahrung, die vielleicht skizziert werden kann als Sehnsucht („Nicht nur vom Brot allein leben wir“) nach Sinn und nach Gemeinschaft („Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind…“).  Diese komplexe Erfahrung wird erzählt als Mahl.

Die Hostie ist kein isolierter sakraler oder gar magischer Gegenstand. sondern zwingend an das Mahl gebunden. Sie ist nur zu verstehen im Ganzen des Glaubens und der christlichen Verkündigung mit ihrem zentralen Zeichen des eucharistischen Mahles. Der Kern dieses Mahles ist die Feier, die Aktualisierung der Verbundenheit mit Jesus Christus.

Realsymbol und Alltag

Damit wird an die Alltagserfahrung von Essen, speziell gemeinsamem, geteiltem Essen angeknüpft:

  1. Nahrung ist Leben,
  2. Gemeinsames Essen ist eine Möglichkeit der Feier und der Erinnerung an einen Menschen.

Darin erschöpft sich zwar die Bedeutung der Eucharistie nicht. Mit den Wandlungsworten „Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut“ erhält die Verbundenheit mit Jesus Christus eine neue Qualität. Wir erinnern uns nicht nur, sondern sind davon überzeugt, dass er „da“ ist, präsent ist.

Diese Worte dürfen jedoch nicht missverstanden oder verengt werden auf den Körper. Vielmehr verkörpert Jesus seine Botschaft, er sagt nicht nur etwas so dahin, und ist bereit, dafür die bittere Konsequenz des Todes auf sich zu nehmen. Man bekommt Jesus nur ganz, nicht nur als eine vergeistigte Wahrheit. Das Mahl knüpft an die Mähler, die Jesus gefeiert hat, auch mit Ausgestossenen der Gesellschaft. Genau für diese Praxis wurde er ja auch stark kritisiert.

Diese Botschaft ist lebensnotwendig, so wie das Essen. Sie gibt dem christlichen Leben Sinn. Es ist eine lebensfreundliche, befreiende, ermächtigende Botschaft. Der Mensch braucht mehr als Essen, er braucht Beziehung, er braucht Sinn. In der Eucharistie ist das ganze Leben und Wirken Jesu gegenwärtig. Sein ganzes Leben ist anwesend. In der Theologie spricht man von einem Realsymbol, nicht „nur“ ein Symbol, sondern ein Zeichen, in dem die Gegenwart Gottes wirklich spürbar ist.

Keine Magie, sondern Nachfolge

Das ist aber keine Einbahnstraße, sondern funktioniert nur gegenseitig, d.h. es braucht Menschen, die glauben, Menschen, die diese Gegenwart in ihr Leben hineinlassen wollen, und zwar über die Eucharistie hinaus. Die Kommunion ist auf Seite der Empfangenden die Zustimmung zu dem, was Jesus verkörpert hat – mit all den schmerzhaften Konsequenzen.

Ein hinkender Alltagsvergleich mag weiterhelfen: wenn wir beim Mahl das essen, was die Oma immer gekocht hat, kann sie dadurch vergegenwärtigt werden, aber nur indem wir uns an die ganze Person erinnern. Und dies ist nur denen zugänglich, die tatsächlich Erfahrungen mit der Oma hatten.

Dass die Hostie gegessen, sich einverleibt wird, ist ein radikales Zeichen der Einheit, mehr geht nicht. Davon zeugt auch die Redeweise: „Zum Fressen gernhaben“. Die Eucharistie ist das stärkste Bild der Innigkeit, die Begegnung Gottes mit dem Menschen, des Ineinander-seins.  Sie beruht auf dem Glauben, dass Gott da ist und mich selbst in meinem Leben und in meiner Leiblichkeit durchdringt, mich verändert.  Die Essenden werden in das verwandelt, was sie aufnehmen.  Das ist wie mit der gesunden Ernährung und doch mehr: In der Kommunion „esse“ ich Glaube, Hoffnung, Liebe und bin bereit, mich davon durchdringen zu lassen. Das Aufnehmen steht für das Ja, die Treue zum Leben und zur Botschaft Jesu.

Die Bedeutung der Hostie wird krass missverstanden, wenn man sie als empirisch wahrnehmbare Materie des historischen Körpers Jesu auffassen würde. Die Hostie ist keine magische Speise, sie verlangt mehr, nämlich Nachfolge. Als Realsymbol verkörpert sie das ganze Leben und die Botschaft Jesu.

Hostienverehrung, Schaufrömmigkeit, Fronleichnam

Hostienverehrung kann unterschiedliche Formen annehmen, z.B. in der eucharistischen Anbetung oder bei der Fronleichnamsprozession. Hier hat sich ein Wandel vom Essen zum Sehen vollzogen. Dazu muss man einen Blick in die Geschichte werfen.

Im Mittelalter tritt der Seh-Sinn in den Mittelpunkt, das Schauen bekommt in der eucharistischen Frömmigkeit einen hohen Stellenwert. Wichtig ist hier die Sichtbarkeit der Hostie, die erreicht wird durch die Monstranz, und damit die Zugänglichkeit für viele, die sie anschauen können. Gleichzeitig wird das Erheben der Hostie und des Kelches bei der Wandlung in der Messe üblich. Das ging so weit, dass man überzeugt war, schon durch das Schauen an Christus teilzuhaben. Damit konnte auch der Kommunionempfang durch den Mund reduziert werden. Diese Entwicklung in der Frömmigkeit brachte vermehrt künstlerische und handwerkliche Artefakte hervor, um den Schaueffekt noch besser, noch prächtiger zu gestalten.

Das Fronleichnamsfest beruht auf der Schaufrömmigkeit des Mittelalters. Die Möglichkeit für viele, mit dem „Allerheiligsten“ visuell unkompliziert in Kontakt zu treten, trug zum Erfolg des Fronleichnamsfestes bei. Sie bringt allerdings eine Verengung mit sich, indem der Gemeinschaftsgedanke des Gottesdienstes und das Mahl, für das die Hostie als stilisiertes Brot steht, in den Hintergrund tritt oder ganz verschwindet. Durch die Isolierung der Hostie von ihrem Kontext wächst die Gefahr, dass sie als eine magische Substanz verstanden wird, als eine Droge, die von der Realität ablenkt. Jesu Leben und Botschaft ist jedoch keine der Weltflucht, sondern der Konfrontation mit der Realität.

In der heutigen Zeit kann man so eine Schaufrömmigkeit in der Katechese nicht ohne Weiteres einüben. Eine solche Praxis erfordert als Minimum historisches Bewusstsein über diese Praxis und eine zeitgemässe Aktualisierung der Sinnhaftigkeit dieser Praxis.

Katholisch-evangelisch

Die Frage, was die Hostie bedeutet, ist ein wichtiger Punkt in der ökumenischen Diskussion, wobei man heute zu grosser Übereinstimmung gekommen ist. Wo dieser Punkt als konfessionstrennend empfunden wird, argumentiert die katholische Seite, sei das Hauptproblem beim Eucharistieverständnis nicht das Verständnis von der Hostie, sondern das unterschiedliche Kirchenverständnis.

Das Verständnis von Realpräsenz stand im 16. Jh. im Zentrum der reformatorischen Auseinandersetzungen: Ist Christus im Abendmahl bzw. in der Eucharistie gegenwärtig, und wie? Heute gibt es in dieser Frage bemerkenswerte Übereinstimmungen. Das sogenannte „Lima-Dokument“ der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumeni­schen Rates der Kirchen über „Taufe, Eucharistie und Amt“ (Nr. 13), das von der rö­misch-katholischen Kirche positiv gewürdigt wird, hält 1982 fest: „Das eucharistische Mahl ist das Sakrament des Leibes und Blutes Christi, das Sakra­ment seiner wirkli­chen Gegenwart (Realpräsenz) … Die Kirche bekennt Christi reale, leben­dige und handelnde Gegen­wart in der Eucharistie.“

Nach reformierter Auffassung schenkt Christus in der Feier des Abendmahls seine wirkli­che Gegenwart und Gemeinschaft. Die sichtbaren Ele­mente/Gaben von Brot und Wein spielen eine untergeordnete Rolle gegenüber der geistigen Gegenwart des Herrn. Nach katholischer Auffassung ist die Realpräsenz an die Materie von Brot und Wein gebunden. Auch nach der Auffassung renommierter Theologinnen und Theologen (Eva-Maria Faber, Franz-Josef Nocke) sollte sich dieser Unterschied nicht kirchentrennend auswirken. In der kirchlichen Praxis hängt vieles ab von der realen Situation gelebter Ökumene.

 

Hilfreiche Literatur:

  • Dettwiler, Peter/Faber, Eva-Maria: Eucharistie und Abendmahl. Ökumenische Perspektiven, Frankfurt a. M. 2008.
  • Nocke, Franz-Josef: Spezielle Sakramentenlehre. III. Eucharistie, in: Handbuch der Dogma­tik, hrsg. von Theodor Schneider, Bd. 2, Düsseldorf, 2., ergänzte und korrigierte Aufl. 2002, 288–292; 302–305.
  • Wandinger, Nikolaus: Der wahre Christus im Brot, in: Seifert, Oliver (Hg.): Panis Angelorum – Das Brot der Engel. Kulturgeschichte der Hostie, Ostfildern 2004, 149-155.

 

Eher spirituelle Literatur:

  • Knapp, Andreas: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, Würzburg 2018.
  • Bachl, Gottfried: Eucharistie. Macht und Lust des Verzehrens, St. Ottilien 2008.
Dr. Monika Jakobs ist em. Prof. für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.
Kompetenz: 1E-5, 2E-1, 2E-4, 2E-7, 3E-1, 4E-1, 4E-3