Fachbeiträge

Jedes Jahr ferner und unvergleichlich neu

Obwohl der Abstand zur Geburt Jesu beständig zunimmt, erheben Christen den Anspruch, einen Neubeginn zu feiern: die Geburt eines Friedensfürsten der besonderen Art.

Bekannt sind die Worte, die Weihnachten zur Zeit der Christmette in den Kirchen verkündet werden. Bilder der Krippe lassen sich ohne Mühe aus dem Gedächtnis herbeiholen: «Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. … So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. … Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. … In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld …. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. …» (Lukas 2,1-14: Evangelium in der Heiligen Nacht)

Geburt mit unbekanntem Geburtsdatum …

Auch wenn der Evangelist Lukas von der langen Regierungszeit des Kaisers Augustus spricht, den genauen Geburtstag Jesu kannte er nicht. Im Judentum jener Zeit feierte man den Geburtstag nicht – anders als bei Griechen und Römern. Eine Überlieferung des genauen Datums aus der Familie Jesu konnte Lukas deshalb nicht in Erfahrung bringen. Aber dass er in Galiläa und Judäa gelebt hatte, war bekannt. Irgendwo dort musste er als Kind zur Welt gekommen sein.

…und weltgeschichtlicher Bedeutung

Lukas will mehr als das geschichtliche Faktum der Geburt mitteilen. Von diesem Faktum entfernt uns jedes neue Jahr mehr und mehr. Es geht ihm vielmehr um die universale Bedeutung dieser Geburt. Wie eine Bühne spannt er deshalb den Raum auf, für den die Geburt zum Ereignis wird: In den Tagen des Augustus, d.h. im Ganzen des römischen Reichs, das fast identisch war mit den Grenzen der damals bekannten Welt. Lukas gibt damit zu verstehen: Was hier geschieht, geht alle an.

Der Kleine kommt ganz gross raus

Von der weltgeschichtlichen Bühne lenkt der Evangelist den Blick dann jedoch auf das schlechthin Unscheinbare: ein Kind in der Krippe in Windeln gewickelt. Niemand würde darin etwas für alle Welt Relevantes ausmachen. Ein Bote des Himmels, der Engel des Herrn, verkündet deshalb die Botschaft: dieses kleine Bündel in der Krippe – das ist der Retter. Ja, es ist der neue König, denn alles deutet auf seine Zugehörigkeit zu König David: die familiäre Herkunft, die Stadt Betlehem, auch die Hirten, denn David wurde als Hirt von den Herden weg zum König berufen.

Schalom

Mit dem Kommen des Königs in seine Stadt verband sich in der damaligen Zeit die Vorstellung von Frieden, von Schalom: einem ungebrochenen Zustand des Heils. Etwas ereignet sich, dass vorher nicht da war, etwas Neues. So auch mit dem Ankommen des Kindes in der Stadt Betlehem: unauffällig geht etwas von der Krippe aus, etwas absolut Neues und Unerwartetes: Gott wird Mensch. Er selber kommt zu den Menschen: Friede ist auf Erden angebrochen.

Geburtstag feiern

Dass der Friede nur angebrochen ist, ohne sich überall durchzusetzen, wissen wir nur zu gut. Soll man sich da allen Ernstes auf die Verkündigung von Engeln einlassen? Weihnachten ist aber mehr als die Erinnerung an ein Ereignis in ferner Vergangenheit, es ist mehr als das Bild von der Krippe. Wenn wir mit jemandem seinen Geburtstag feiern, dann feiern wir diesen Mann, diese Frau, so, wie sie jetzt bei uns sind, und freuen uns an ihrer Gegenwart: Es ist gut, dass Du da bist, dass Du in unserer Mitte bist.

Gut, dass Du da bist

Auch Weihnachten freuen sich Christen an seiner Gegenwart und erinnern sich nicht nur an das Kind, das Jesus einst war. Als Auferstandener ist er bei Gott und kommt doch immer wieder in unsere Mitte, dorthin, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Immer wieder ereignet sich das in der Feier der Liturgie: In Christus kommt Gott zu uns. Er ist der Immanuel, Gott bei den Menschen. Das unvorhersehbare Neue, das einst in Betlehem geschah, leuchtet in unserer Zeit, heute, in jeder weihnachtlichen Feier auf.

Alles wird neu

Was damals neu war, ist noch immer nicht alt und verbraucht: „Gross ist das Geheimnis seiner Geburt, heute ist er, der unsichtbare Gott, sichtbar als Mensch erschienen … In ihm ist alles neu geschaffen. Er heilt die Wunden der ganzen Schöpfung, richtet auf, was darniederliegt, und ruft den verlorenen Menschen ins Reich seines Friedens.“ (Präfation II von Weihnachten) Der einst in Bethlehem angebrochene Friede will noch jetzt alle und alles ergreifen. Wer sich ergreifen lässt, wird selber neu. Friede geht von diesen Menschen aus. Weihnachten ist Neubeginn, Anfang und nicht Ende.

Friedens-Herrscher

Weihnachten ist unendlich viel mehr als ein Fest der Familie, es ist das Fest des neuen Friedensherrschers. Vom Lobgesang der Engel an, gehört die Friedensverheissung zu diesem Fest: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2,14) Dieser Friede geht weder von Parlamenten noch politischen Herrschern aus, er entlarvt vielmehr immer wieder menschliche Herrschaft. Friede geht vielmehr von einem kindlichen Herrscher aus, so unmöglich und paradox das ist: „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich …» (Jesaja 9,5-6: erste Lesung in der Heiligen Nacht)

Königsherrschaft

Wo es Weihnachten eine Vesper gibt, zum Beispiel in Klöstern, wird gleich beim ersten Psalm der neue Herrscher genannt: „Dem König des Friedens sei Ehre und Herrlichkeit. Nach seinem Angesicht verlangt die ganze Erde.“ Die Sehnsucht des Advents, das Verlangen nach dem Kommenden scheint hier noch einmal auf als universales Begehren der ganzen Erde. Diesen Frieden können weder Demokratien noch einzelne Staatsoberhäupter und auch nicht die Vereinten Nationen herbeiführen, nur ein Kind – dieses Kind – kann das.

Im Licht, das von der Krippe ausgeht, ist so der Beginn der Königsherrschaft Gottes schon verborgen, die Jesus dreissig Jahre später zu verkündigen beginnt. In dieses Reich des Friedens wird hineingenommen, wer sich durch die weihnachtlichen Feste vom alten Menschen in den neuen wandeln lässt.

Gunda Brüske ist Co-Leiterin des Liturgisches Instituts CC BY-NC-SA 3.0  Gunda Brüske | reli.ch
Kompetenz: 1B-4