Fachbeiträge

„Gloria in excelsis Deo“ – Wie biblisch ist unser Singen im Gottesdienst?

In einem wenig bekannten Artikel der Konstitution „Über die göttliche Offenbarung“ (Dei Verbum) hat das Zweite Vatikanische Konzil „alle an Christus Glaubenden“ dazu ermahnt, „durch häufige Lesung der Heiligen Schrift sich die ‚alles übertreffende Erkenntnis Jesu Christi‘ (Phil 3,8) anzueignen.“ Dies ist an sich nichts Besonderes. Was aber erstaunt, ist die Aufzählung der Möglichkeiten, „an den heiligen Text selbst heran[zu]treten“. Als erste Möglichkeit wird nicht die „fromme Lesung“ genannt, sondern die „mit göttlichen Worten gesättigte heilige Liturgie“ (Dei Verbum 25).

Bibel – nicht nur im Wortgottesdienst

Bei genauerer Betrachtung der Liturgie, jedenfalls so, wie sie in den liturgischen Büchern vorgesehen ist, stellt man fest, dass die Sättigung des Gottesdienstes mit „göttlichen Worten“ keine blosse Behauptung ist. Macht man sich auf die Suche nach biblischen Inhalten in gottesdienstlichen Feiern, entdeckt man, was das Zweite Vatikanische Konzil an anderer Stelle festgehalten hat:
„Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn.“ (Sacrosanctum Concilium 24)
Die Bibel kommt also nicht nur dann vor, wenn explizit vom Ambo her aus ihr gelesen wird, sondern fast alle liturgischen Texte sind von ihr inspiriert und Riten und Gesten werde nur durch sie verstanden. So werden im Folgenden die Gesangstexte der Eucharistiefeier auf ihren biblischen Gehalt hin befragt. Ähnliches kann man auch mit den Gesängen in Sakramentenfeiern, bei Sakramentalien oder Wort-Gottes-Feiern machen.

Im Gottesdienst ist Gesang nicht gleich Gesang

Eine Möglichkeit der Einteilung der liturgischen Gesänge der Eucharistie ist die Unterscheidung zwischen Propriumsgesängen und Ordinariumsgesängen. Mit ersteren sind die Gesänge gemeint, die einem bestimmten Tag zu eigen sind (lat. „proprium“: das Eigene) und von Sonntag zu Sonntag, von Fest zu Fest und oft von Tag zu Tag wechseln. Es sind dies der Gesang zum Einzug, der Antwortpsalm, das Halleluja oder der Ruf vor dem Evangelium, der Gesang zur Gabenbereitung, der Gesang zur Kommunion, evtl. auch ein Dank- oder Schlusslied und an wenigen ausgewählten Festen die Sequenz. Unter Ordinariumsgesängen werden die Gesänge verstanden, die textlich immer gleich sind, also das Kyrie, das Gloria, das Credo, das Sanctus und das Agnus Dei.

Die Gesänge des Propriums

Bis zur Liturgiereform in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils stammten alle Propriumsgesänge fast ausnahmslos aus der Bibel (nur die Sequenzen sind spätere Dichtungen). Diese Gesänge waren also nicht nur biblisch inspiriert, sondern wörtliche Zitate aus der Bibel, weit überwiegend aus den Psalmen. Diese lateinischen gregorianischen Gesänge wurden im deutschsprachigen Raum nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil meist durch Lieder in der Volkssprache ersetzt. Diese Lieder umfassen die gesamte deutschsprachige Kirchenliedtradition vom Mittelalter bis zum Neuen Geistlichen Lied und damit unterschiedlichste Stile, sowohl in der textlichen als auch in der musikalischen Gestalt. Was aber fast alle diese Lieder gemeinsam haben, sind ihre biblischen Wurzeln. Es ist müssig, hier Beispiele zu nennen, weil fast keiner dieser Gesänge keine biblischen Bezüge hat. Es lohnt sich, unsere Liedtexte, sei es in den „gewöhnlichen“ Gottesdiensten, sei es in Familien-, Kinder- oder Jugendgottesdiensten einmal genauer nach den biblischen Texten und Bildern zu befragen, von denen sich die Dichterinnen und Dichter inspirieren liessen. Man wird wahrscheinlich (und hoffentlich) schnell fündig. Übrigens wurden in nicht-deutschsprachigen Ländern die Psalmen viel seltener durch Neudichtungen ersetzt, werden jetzt aber in modernem musikalischem Gewand und natürlich in der volkssprachlichen Übersetzung gesungen.

Die Gesänge des Ordinariums

Nicht immer einfach sind die biblischen Bezüge bei den sogenannten Ordinariumsgesängen zu entdecken. Sie sind im Laufe der Jahrhunderte gedichtet (oder wenigstens zusammengestellt) worden und sind somit textliche Neuschöpfungen. Für sie gilt aber, sofern sie nicht sowieso eine Zusammenstellung verschiedener biblischer Zitate sind, dass sie unter „dem Anhauch und Antrieb“ der Heiligen Schrift entstanden sind (vgl. Sacrosanctum Concilium 24). Auf das Credo wird hier nicht eingegangen, nicht etwa, weil es nicht auch gesättigt ist mit Bibel, sondern weil den biblischen Grundlagen unseres Glaubens und seiner Bekenntnisse in der Liturgie ein eigener Beitrag gewidmet sein müsste.

Kyrie eleison

Das „Kyrie eleison“ hat es wohl aus dem kaiserlichen Zeremoniell in die christliche Liturgie geschafft, war es doch schon vor Christus der Huldigungsruf an eine Gottheit oder einen Herrscher (vgl. den Fachbeitrag: Kyrie: „Fangesang“ der Christusgläubigen). Aber die Christinnen und Christen konnten diesen Ruf problemlos übernehmen, kannten sie doch – zusammen mit dem Judentum – die vielen Psalmen, in denen Gottes Gnade, Huld und Barmherzigkeit angerufen wird, und zwar in der griechischen Übersetzung genau mit dem Verb, das heute noch allen Gottesdienstteilnehmenden vertraut ist: „eleison“ (vgl. z.B. PS 4,2; Ps 6,3; Ps 27,7; Ps 41,5). Ausserdem war ihnen der Titel des Kyrios für Christus geläufig. Fast wörtlich findet sich schliesslich das Kyrie eleison in den Evangelien. So ruft z.B. die kanaanäische Frau Jesus zu: „eleison me, kyrie“ (Mt 15,22).

Gloria

Wie kaum eine andere Dichtung gilt für das Gloria, dass es „mit göttlichen Worten gesättigt“ sei. Zurückgehend auf früheste christliche Zeit, kommt der Hymnus bereits im vierten Jahrhundert in der abendländischen Eucharistiefeier vor, wenn auch zunächst nur einmal im Jahr. Schon die ersten Zeilen zitieren die Bibel und lassen die Gemeinde in den Gesang der Engel bei der Geburt Jesu nach Lukas einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14). Hier sei nur kurz erwähnt, dass sich der Engelsgesang wiederum wesentlicher alttestamentlicher Bilder bedient, wie des „Kabod“ (Herrlichkeit) Gottes und seines „Schalom“ (Friede).
Die nächsten Zeilen beschreiben den Menschen, der Gott lobt, preist, anbetet, rühmt und ihm dankt. Die Schrift ist voll von Belegen für dieses Tun des Menschen vor Gott. Es folgen Gottesprädikationen, die sich allesamt auch in der Bibel finden: Herr und Gott (u.a. Gen 15,2, Offb 11,17), König des Himmels, Vater (u.a. Jes 63,16, Mt 6,9), Herrscher über das All (u.a. Sir 42,17, 2Kor 6,18), und Christusprädikationen: Herr, eingeborener Sohn, Christus, Lamm Gottes (Joh 1,29), Sohn des Vaters (vgl. u.a. Mt 3,17). Aus dem Hinweis Johannes des Täufers im Johannesevangelium (Joh 1,29) macht die Gemeinde im Hymnus einen Lobpreis Christi: „Du nimmst hinweg die Sünde der Welt.“ Wir haben schon gesehen, dass die Bitte um Barmherzigkeit („Erbarme dich unser“) immer wieder in der Bibel vorkommt, ebenso die Bitte um die Erhörung des Gebets („Nimm an unser Gebet“). Es folgen wieder Christusprädikationen als der, der zur Rechten des Vaters sitzt (vgl. u.a. Lk 22,69) und als der Heilige (vgl. u.a. Joh 6,69, Offb 15,4). Mit dem zweimaligen „du allein“ klingen u.a. Kol 2,9 und Offb 15,4 an. Die Bezeichnung Christi als der „Höchste“ findet sich wörtlich nirgendwo in der Bibel, steht aber nicht zuletzt in der Logik des Philipperhymnus (vgl. Phil 2,9). Schliesslich endet der Hymnus mit einem Zitat aus eben diesem Philipperhymnus (Phil 2,11).
Trotz dieser vielen biblischen Bezüge, von denen hier nur einige wenige genannt wurden, ist der Hymnus kein Flickenteppich aus Schriftzitaten, sondern etwas Neues und Eigenes, angewandt auf die Situation der Gemeinde, die Gottesdienst feiert.

Sanctus

Ebenfalls etwas Neues durch die Zusammenstellung verschiedener biblischer Zitate wurde im Sanctus geschaffen. Dieses beginnt zunächst mit der Übernahme des Heiligrufs der Serafim vor dem Thron Gottes in der Berufungsvision des Jesaja (6,3, vgl. auch Offb 4,8). Mit diesen Worten tritt die Gemeinde vor den heiligen Gott, den Herrn aller Mächte und Gewalten, von dessen Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt sind. Mit einem Zitat aus Psalm 118 (118,25, vgl. auch Mt 21,9) wird diesem Gott gehuldigt, gleichzeitig um seine Hilfe gefleht (Hosanna, Hoschia Na, Hilf doch!) und der gepriesen, der im Namen Gottes kommt: Jesus Christus. Es ist faszinierend, wie diese biblischen Zitate so kombiniert sind, dass sie einerseits den Blick auf die unendliche unfassbare Grösse Gottes lenken und von da auf den Altar, wo dieser Gott in Christus nun in den flüchtigen Gestalten von Brot und Wein in die Gemeinde kommt.

Lamm Gottes

Der Gesang der Brotbrechung übernimmt wieder die Aussage Johannes des Täufers nach Joh 1,29, macht aber daraus, wie schon im Gloria, eine Anrufung Christi durch die Gemeinde, auf die wiederum mit der Bitte um Erbarmen geantwortet wird. Diese Anrufung wird dreimal wiederholt. Bei der letzten lautet die Antwort „Gib uns deinen Frieden“, die so in der Bibel nicht zu finden ist, ihren Grund u.a. in der Zusage Jesu in den Abschiedsreden hat: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14, 27)

Biblische Texte werden zu aktuellem Sprechen der Gemeinde

Nur mit einigem Skrupel wurden hier Bibelstellen zu Hauf angeführt, die belegen, wie sehr auch die Kompositionen und Dichtungen des Ordinariums von der Heiligen Schrift durchdrungen sind. Denn sie dürfen nicht einfach als Anhäufung biblischer Zitate verstanden werden, sondern als Aktualisierung der biblischen Botschaft heute. So wird zum Beispiel im Sanctus nicht erzählt, was Jesaja bei seiner Berufung erlebte, sondern die feiernde Versammlung tritt selbst vor den Thron Gottes. Angelus Häussling nannte dies „zitierende Rollenübernahme“, in der nicht Vergangenem gedacht wird, sondern im Augenblick Relevantes re-zitiert (Gunda Brüske) und gesungen wird. Wichtig dabei sind letztlich zweierlei: ein Wissen der Feiernden um die biblischen Quellen ihres Betens und Singens und ein Bewusstsein der versammelten Gemeinde um das, was sie tut, wenn sie Gottesdienst feiert.

 

Zum Weiterlesen:

Birgit Jeggle-Merz – Walter Kirchschläger – Jörg Müller (Hg.): Gemeinsam vor Gott treten. Die Liturgie mit biblischen Augen betrachtet. Stuttgart, 2. Aufl. 2015 (LuBiLiKOM 1).

Birgit Jeggle-Merz – Walter Kirchschläger – Jörg Müller (Hg.): Das Wort Gottes hören und den Tisch bereiten. Die Liturgie mit biblischen Augen betrachtet. Stuttgart 2015 (LuBiLiKOM 2).

Birgit Jeggle-Merz – Walter Kirchschläger – Jörg Müller (Hg.): Leib Christi empfangen, werden und leben. Die Liturgie mit biblischen Augen betrachten. Stuttgart 2016 (LuBiLiKOM 3).

Birgit Jeggle-Merz – Walter Kirchschläger – Jörg Müller: Mit der Bibel die Messe verstehen. Stuttgart 2015 (LuBiLiKOM – Erschließung 1).

Birgit Jeggle-Merz – Walter Kirchschläger – Jörg Müller: Mit der Bibel die Messe verstehen. Stuttgart 2017 (LuBiLiKOM – Erschließung 2).

Martin Conrad ist Mitarbeiter am Liturgischen Institut. CC BY-NC-SA 3.0  Martin Conrad | reli.ch
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