© Tobias Sellmaier / pixelio.de

Mit diesem Bonmot versuchte die Kollegin Gesine Hefft vor Jahren einmal zu definieren, was ‚Familie‘ eigentlich ist. Ein schöner Versuch, denn eine griffige Definition von ‚Familie‘ zu formulieren, ist gar nicht so leicht. Wenn wir uns aus religionspädagogischer Perspektive mit der vielschichtigen Beziehung zwischen Familie und Kirche beschäftigen, ist eine Definition von Familie aber notwendig. Deshalb versuche ich einige Pinselstriche. 

Familie als pädagogisches Verhältnis

Eine bekannte Definition von Familie hat vor bald 100 Jahren der Theologe und Pädagoge Friedrich Schleiermacher (1768-1834) geprägt: Er verstand das pädagogische Verhältnis zwischen der älteren und jüngeren Generation als konstitutiv für eine Familie. Entscheidend für eine Familie ist demnach die Generationsbeziehung, die sich in der Gestaltung der Eltern-Kind-Beziehung konkretisiert. Der Religionspädagoge Michael Domsgen denkt die liberale Definition Schleiermachers weiter: Ob dann Kinder (oder Eltern) leiblich sind, ist nicht grundlegend, es kommt auf die Beziehung an. Auch die gemeinsame Haushaltsführung ist kein ausschliessliches Kriterium. Entscheidend ist die Eltern-Kind-Beziehung, die insbesondere auf zwei Säulen ruht: Kooperation und Solidarität. Das passt genau zu dem in der Überschrift zitierten Satz eines Jugendlichen: „Familie ist, wo man nicht hinausgeworfen wird.“ (Domsgen, 2006, 468).

Familie als Ensemble von Beziehungen

Neben diesem pädagogischen Definitionsversuch gefällt mir auch die Metapher des Soziologen Karl Lenz: Er vergleicht die Familie mit einer Gruppe von Musikern, die als „Ensemble persönlicher Beziehungen“ zusammenspielt (Lenz, 2005, 16). Dabei ist es selbstverständlich, dass es neben wohlklingenden Harmonien und Melodien auch einmal Misstöne und Dissonanzen gibt. Der Zusammenklang („Sym-phonie“) ist sowohl in der Musik als auch in der Familie „Übungssache“. Und auch wenn ich mein Stück hundertmal geübt und mein Spiel zu einer gewissen Perfektion gebracht habe, Fehler passieren, das ist menschlich.

Wurzeln und Flügel

Von Goethe stammt die berühmte pädagogische Einsicht, Kinder sollten von ihren Eltern vor allem zwei Dinge bekommen: Wurzeln und Flügel. Gerade in Bezug auf die religiöse Erziehung in den Familien gilt auch die Fortsetzung dieses Zitats:

Wenn sie klein sind, brauchen sie Wurzeln, wenn sie gross sind, brauchen sie Flügel.

Dass religiöse Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen wichtig sind, darüber besteht kein Zweifel. Für viele junge Familien ist die religiöse Erziehung ihrer Kinder allerdings ein heikles Thema. Zwar wünschen sich die meisten Mütter und Väter, dass ihre Kinder einen tragfähigen Lebensglauben finden, eine Beziehung zu Gott, zu Glaube und Religion aufbauen und sich Werte aneignen, die ihnen förderlich sind. „Aber so, wie das in meiner Kindheit war, kann religiöse Erziehung ja wohl nicht mehr sein!“, klagt eine Mutter und fährt fort „Besonders hilflos bin ich bei Ritualen und Gebeten. Andere Eltern beten noch am Abend mit ihren Kindern, aber ich fühle mich unsicher und überfordert.“ Sie steht stellvertretend für viele (Cebulj, 2017, 250).

Familienbiografische Katechese

Dieser Hilflosigkeit versucht das Konzept der Familienbiografischen Katechese (FBK) Rechnung zu tragen. Da die Katechese im Blick auf die heutigen Familien oft ihr Ziel verfehlt, Menschen  bei der Lebensgestaltung aus dem Glauben zu helfen, versucht die FBK real existierende Familien in ihren alltäglichen familienbiografischen Situationen zu unterstützen. In diesem Konzept ist die Überzeugung leitend, dass das Leben als Familie zumindest fragmentarisch besser gelingen kann, wenn der Zuspruch und Anspruch Gottes wegleitend wird. FBK ist – bei allen Grenzen, die dieses Konzept hat- ein vielversprechender Weg zukünftiger Gemeinde- und Sakramentenkatechese (Hauf, 2011, 464).

Welche Kirche tut Familien gut?

Wer mehr zu diesem Konzept und anderen praktisch-theologischen Fragen rund um das Thema Familie wissen will, sei herzlich eingeladen zur Jahrestagung 2018 des Pastoralinstituts der Theologischen Hochschule Chur. Sie findet statt am Do. 15.02.2018 im Centrum 66 in Zürich.

Nähere Infos und Anmeldung unter: www.pastoralinstitut.ch oder auf dem Flyer.

 

 

Literatur

Cebulj, Christian, Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Wie Rituale Familien stärken können, in: Jeggle-Merz, B./Durst, M. (Hg.): Familie im Brennpunkt (Theologische Berichte Bd. 37), Fribourg 2017, 250-267.

Domsgen, Michael, „Familie ist, wo man nicht rausgeworfen wird“. Zur Bedeutung der Familie für die Theologie – Überlegungen aus religionspädagogischer Perspektive, in: Theologische Literaturzeitung 131 (2006/5) 467-486.

Hauf, Jörn Peter: Familienbiographische Katechese, in: Kaupp, A./ Leimgruber, S./Scheidler, M. (Hg.): Handbuch der Katechese, Freiburg 2011, 464-475.

Lenz, Karl, Familien als Ensemble persönlicher Beziehungen, in: Busch, F. (Hg.): Familie und Gesellschaft, Oldenburg 2005, 16.

 

Autor

Christian Cebulj ist Familienvater und Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Hochschule Chur. Er ist Mitglied des Pastoralinstituts der THC.

 

CC BY-NC-SA 3.0  Christian Cebulj | reli.ch

 

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