Fachbeiträge

Energie-Spiele für den Unterricht – ohne Material, ohne Vorbereitung

Energie Spiele für den Unterricht

„Schnapp!“ ruft die Lehrerin ins Klassenzimmer. Sofort geht ein Kreischen und Quietschen durch das Klassenzimmer. Nach einigen Sekunden beruhigt sich die Szenerie und macht einer gespannten, konzentrierten Stille Platz. Aber nur solange, bis ein Kind aus der Klasse ebenfalls „Schnapp!“ ruft. Dies wiederholt sich drei- oder viermal, dann setzten sich alle Kinder auf ihren Platz. Die Klasse ist hellwach. Die Kinder sind aufmerksam und arbeitsfähig. Sie widmen sich voller Elan dem Lernstoff. Welches Potenzial Energie-Spiele für den Unterricht haben und was es mit diesem „Schnapp“ auf sich hat, klärt der nachfolgende Beitrag.

Jeden Morgen eröffnet die Lehrerin ihren Unterricht mit einem Energie-Spiel. Die Kinder sind längst daran gewöhnt und freuen sich täglich darauf. Sie können sich einen Start in den Unterricht ohne Spiel gar nicht mehr vorstellen. Doch was ist der Sinn dieser Interventionen?

Energiereiche Spiele bereichern Schulstunden und Unterrichtstage. Diese kurzen Intermezzi schaffen Aufmerksamkeit, Konzentration, Lachen und Energie. Ein Spiel – professionell ausgewählt und angeleitet – frisst keine wertvolle Lernzeit, sondern erzeugt die nötige Freude am Lernen.

Das Gute daran: Diese Spiele benötigen weder Material noch umfangreiche Vorbereitungen.

Spielen ist Lernen in Reinkultur

Die ersten und wichtigsten Dinge in seinem Leben lernt der Mensch im Spiel. Das Spielen ist dem Menschen angeboren. Es ist – dies ist wissenschaftlich erwiesen –  genetisch verankert. Und nicht nur Menschenkinder spielen: Jedes Säugetier lernt im Spiel jene Dinge, die es für sein künftiges Fortkommen braucht. Die Natur hat bei Mensch und Tier das Spiel als Lernmotor erfunden.

Sobald jedoch das Kind zur Schule kommt, wird alles anders. Nun entscheidet eine Institution: Entweder Lernen oder Spielen. Schulisches Lernen erhält einen viel höheren Stellenwert.

Der Nutzen des Spiels im Unterricht

Der holländische Soziologe Johan Huizinga definiert das Spiel als „ein freies Handeln, abseits des Alltags, innerhalb eigener Grenzen von Raum und Zeit, ausserhalb der alltäglichen Bedürfnisse, voller Zauber und Spannung, aber mit eigener Ordnung“. (Huizinga 1997) Auf den Schulalltag übertragen, könnte man das Spiel auch so beschreiben:

„Wir unterbrechen den Unterricht für einige Minuten, stellen uns im Kreis auf und machen zusammen etwas, das Spass macht und den Kopf durchlüftet.“

Energie-Spiele lösen weitreichende lernfördernde Effekte aus: Sie versetzen die Mitspielenden in eine gute Stimmung; Konzentration und Aufnahmefähigkeit werden erhöht; das gemeinsame Lachen fördert die Kooperationsbereitschaft; das Lernen fällt ganz einfach leichter.

Einsatzgebiete von Energiespielen

Energie Spiele für den Unterricht

© Spielbar

Diese Spiele lassen sich vielfältig im Unterricht einsetzen, beispielsweise zur Eröffnung der Unterrichtsstunde, wo ein erstes Lachen das Eis bricht. Oder als Einstieg in ein neues Schuljahr, um ein Kennenlernen zu vereinfachen. Nach der Lunchpause bekämpft ein Spiel das drohende Mittagsschläfchen. Nach anstrengenden Denkarbeiten verschafft es der Klasse einen Moment des Durchatmens. Am Tagesende entlässt ein Spiel die Klasse in gelöster Stimmung auf den Heimweg.

Die richtige Spielauswahl

Um das passende Spiel zur Hand zu haben, empfiehlt es sich, einige Grundregeln für die Spielauswahl zu beherzigen:

Das Spiel erzeugt einen Mehrwert, den der Unterricht ohne dieses Spiel nicht hätte.

Sollen die Kinder ruhig und aufmerksam werden? Wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt für eine kurze Bewegungspause? Gilt es, ein neues Schulkind in die Klasse aufzunehmen? Spielversierte Lehrkräfte verfügen über ein vielfältiges Repertoire an Spielen.

Das Spiel ist den Mitspielenden angemessen.

Gruppengrösse, Wissensstand, Handlungs- und Bewegungsspielraum; dies sind Kriterien, die die Spielauswahl beeinflussen: Ein Zahlenspiel zu zwölft macht Spass; in einer Gruppe von 22 Kindern dauert es zu lange, bis jedes Kind an die Reihe kommt. Das Spiel zerfällt aufgrund zu grosser Ablenkung. Für ein ABC-Spiel muss das Alphabet allen Mitspielenden bekannt sein. Damit ein Zuhör-Spiel gelingt, muss eine angemessene Ruhe herrschen.

Alle Energie-Spiele bleiben kurzweilig.

Hier gilt die Weisheit: „Wenn‘s am Schönsten ist, soll man aufhören.“ Auch das spannendste Spiel verliert irgendwann seinen Reiz. Energie-Spiele sollen schliesslich anregen, nicht anöden.

Ein Spiel bleibt stets fair.

Dürfen Spielregeln gebeugt werden, damit z.B. schwächere Mitspielende gegen stärkere eine Chance haben? Muss man die Regeln anpassen, wenn eine ungerade Zahl an Mitspielenden zwei Gruppen bildet? Fairness ist eine situative Angelegenheit. Sie ist dem Feingefühl der Spielleitung überlassen.

Ein Spiel bleibt stets sicher.

Klassenzimmer bergen eine Vielzahl von Stolperfallen, aufgrund ihrer Möblierung und Ausrüstung. Viele Energie-Spiele setzen eben reichlich Energie frei. Und die lässt sich oft nur schwer bändigen. Hier ist Umsicht geboten. Besser ist es, Sie gehen gleich für einen Moment ins Treppenhaus oder in den Garten.

Spiele professionell anleiten

Ein Spiel, das nicht verstanden wird, macht keinen Spass. Ein Spiel korrekt anzuleiten, lässt sich lernen. Am besten beim Spiele anleiten. Nirgends ist die Rückmeldung aus der Klasse schneller und klarer, ob die Anleitungen verstanden wurden.

Klare und verständliche Anweisungen zu geben, ist nicht immer einfach. Insbesondere bei mehrteiligen Spielanleitungen ist darauf zu achten, dass alle Mitspielenden das Spiel verstehen.

Das folgende Praxisbeispiel gibt Anhaltspunkte:

„Wir spielen gemeinsam ein Spiel.

Dieses Spiel heisst: ‚Satz für Satz mit ABC. ‘

Bei diesem Spiel entwickeln wir gemeinsam eine Geschichte.

Dabei üben wir das Zuhören und sind aufmerksam aufeinander.

Dazu benötigen wir noch etwas Fantasie.

Wir setzen uns für dieses Spiel mit unseren Stühlen in einen Kreis.“

Die Klasse bildet den Stuhlkreis.

„Wir erzählen jetzt diese Geschichte.

Jedes Kind sagt nur einen Satz. Der erste Satz beginnt mit „A“,

der nächste Satz beginnt mit „B“. So geht es reihum weiter bis zum „Z“.

Wir erzählen die Geschichte in Deutsch; sie soll auch einen Sinn ergeben.

Erstes Kind: A-m Nachmittag gehe ich in die Badi.“

Zweites Kind: „B-arbara kommt auch mit.“

Nächstes Kind: „C-hristian hat leider Bauchweh und bleibt zuhause.“

Und so weiter.

Mitmachen müssen oder freiwillig spielen?

„Befohlenes Spiel ist kein Spiel mehr“, postuliert Huizinga. Wird jedoch das Spiel als Methode im Unterricht integriert, ist es sinnvoll, die Teilnahme nicht zur Wahl zu stellen. Spielen unter Beobachtung, verbunden mit Kommentaren der Nicht-Mitspielenden, ist unangenehmes Spiel. Wer mitmachen kann, soll mitmachen. Hier ist das Spiel wie jede andere Unterrichtsmethode zu handhaben.

Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Ein Bewegungsspiel ist für ein Kind im Gipsbein mehr Last als Lust. Es liegt an der Spielleitung, dafür zu sorgen, dass dieses Kind nicht von der Gruppe isoliert wird. Eine Aufgabe als Schiedsrichter-Assistent oder Beobachterin sorgt dafür, dass dieses Kind „an Bord“ und damit Teil der Gruppe bleibt.

Positive Nebenwirkungen des Spiels

© Spielbar

Im Spiel hat es Platz für Fantasie, Kreativität und Vorstellungskraft. Es bietet Raum für Experimente und erlaubt sogar, Fehler zu machen. Ebenso bietet das Spiel ausreichend Raum für das Ausprobieren von sozialen Umgangsformen.

Der Umgang mit Fehlern und die Entwicklung der Sozialkompetenz sind nur zwei Beispiele, welche positiven Nebeneffekte das Spiel als Unterrichtsmethode zeitigen kann. Im Spiel lassen sich Verhaltensweisen üben, die im täglichen Umgang miteinander gefragt sind. Und was im Spiel klappt, klappt mit der Zeit auch im Alltag.

Ein Beispiel: Das Energie-Spiel „Schnapp!“

„Schnapp!“

Spielzweck: Energie heben, Konzentration fördern, Zuhören, Lachen und Spass

Gruppengrösse: Minimal 8 Personen / Optimal 20 Personen / Maximal 200 Personen

Zeitaufwand: ca. 3 bis 5 Minuten

Beschreibung:

Die Gruppe steht im Kreis, beinahe Schulter an Schulter. Alle strecken ihre rechte Hand aus. Die Handfläche zeigt nach oben, als würde man einen Teller servieren. Dann strecken alle den Zeigefinger der linken Hand aus und stellen diesen in die Handfläche des linken Nachbarn. Wenn die Spielleitung „Schnapp!“ ruft, versuchen alle, den Finger zu packen, der in der eigenen Hand steht. Gleichzeitig versuchen alle, ihren eigenen Zeigefinger in Sicherheit zu bringen, indem sie ihre linke Hand hochziehen.

Mehrmals wiederholen.

Spielvariante:

Die Spielleitung übernimmt das erste „Schnapp!“. Sobald alle wieder bereit sind, zwinkert die Spielleitung einem Kind, z.B. Max, zu. Max ruft das nächste „Schnapp!“. Danach zwinkert Max einem nächsten Kind zu, dieses ist jetzt mit „Schnapp!“ an der Reihe, usw. Diese Variante verstärkt die Aufmerksamkeit der Kinder aufeinander.

 

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Martin Herzberg ist unter anderem im Bereich der Erwachsenenbildung und als Team-Coach tätig. Weitere Infos  finden Sie auf seiner Homepage.   CC BY-NC-SA 3.0  Martin Herzberg | reli.ch
Kompetenz:
Leitsatz 12