Fachbeiträge

«Da wohnt ein Sehnen tief in uns … » Singen mit dem neuen rise up plus

© Rex-Verlag

Musik spielt im Leben von jungen Menschen eine wichtige Rolle. Sie selber zum Singen zu motivieren, ist allerdings nicht immer einfach. Dabei hat Singen viele positive Aspekte – und kann auch dem Entdecken und Erfahren des Glaubens dienen. Dazu braucht es Lieder, die ansprechen, und einen kompetenten wie kreativen Umgang damit.

«The Voice» – auch für die, die’s nicht «richtig» können?

Töne, Klänge und Musik begleiten unser Leben von Beginn weg. Schon Ungeborene nehmen sie im Mutterleib wahr und reagieren darauf. Zur frühkindlichen Entwicklung gehört das Bilden von Tönen, das Lallen und schliesslich Singen ganz selbstverständlich dazu. Kinder singen oft und gerne.

Während das Interesse an Musik meist ein Leben lang erhalten bleibt, verliert sich die Freude am Singen heute oft mit zunehmendem Alter. Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben. Beispielsweise wird in Familie und Schule weniger gesungen und musiziert als früher, und den ehemals beliebten Chören stehen viele andere Freizeitbeschäftigungen gegenüber. Gesellschaftlich gesehen herrscht insgesamt ein konsumorientierter Zugang zur Lebenswelt vor. So wird auch Musik vor allem passiv konsumiert. «In» dagegen sind seit längerem Talent- und Castingshows wie «MusicStar», „The Voice“, «Die grössten Schweizer Talente» usw., die womöglich den Eindruck verstärken, Singen sei nur etwas für diejenigen, die es «richtig» können.

© Rex-Verlag

Singen kann aber grundsätzlich jede und jeder. Und Singen hat viele positive Wirkungen. Es befreit Atem und Geist. Gefühle können einen Ausdruck finden und sich dadurch wandeln; die eigene Ge-stimmtheit ändert sich. In einer Gruppe stärkt Singen das Zusammengehörigkeitsgefühl, fördert die Verbundenheit und kann Spannungen abbauen. Wissenschaftlichen Studien zufolge macht Singen glücklich, intelligent und sozial kompetent. Wird mit Menschen in Alters- und Pflegeheimen gesungen, brauchen sie weniger Medikamente usw. Ob allein oder in Gemeinschaft: Mit Singen kann man sich Gutes tun.

«Gott, du bist die Hoffnung, wo Leben verdorrt» – Singen und Glauben

Kulturen und Religionen sind ohne Musik und Gesang nicht denkbar. Rituale leben wesentlich vom musikalischen Element, denn über Musik kann auch Transzendenz erfahren werden.

In der jüdisch-christlichen Tradition kommt dem Gesang eine wesentliche Bedeutung zu. An vielen Stellen der Bibel finden sich Hinweise darauf, wie sehr die Beziehung zu Gott auch über die singende Stimme ihren Ausdruck findet, z. B. in Psalmen, Lobgesängen und Hymnen. Den Glauben zu singen ist für die urchristlichen Gemeinden wichtig und setzt sich in der liturgischen Tradition der Kirche fort.

«Wer singt, betet doppelt» lautet ein berühmtes, dem Heiligen Augustinus (vermutlich fälschlicherweise) zugeschriebenes Zitat. Aber es ist nicht nur so, dass Glaube durch den Gesang zu einem intensiveren Ausdruck findet; umgekehrt kann Singen auch zum Glauben bewegen. Den engen und wechselseitigen Zusammenhang von Glauben und Singen beschreibt etwa die Arbeitshilfe der deutschen Bischöfe «Kinder singen ihren Glauben».

Das Neue Geistliche Liedund die „Generation 2010“

Seit den 60-er-Jahren gibt es Kompositionen des sogenannten «Neuen Geistlichen Lieds» (NGL), die vom musikalischen Stil und ihrer Sprache an der modernen Lebenswelt anknüpfen. Lieder wie «Die Sache Jesu braucht Begeisterte», «Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe» oder «Da berühren sich Himmel und Erde» gehören an vielen Orten inzwischen zum Liedgut der Pfarrei. Das NGL ist zwischenzeitlich selbst schon Tradition: Brautleute wünschen sich Lieder, die sie damals in der Jugendarbeit kennengelernt hatten, und an der Firmung ihrer eigenen Kinder singen Eltern wieder «Laudato si».

Aus der pastoralen Arbeit sind diese Lieder nicht mehr wegzudenken. Das NGL entwickelt sich ständig weiter. Aber kommen die geistlichen Lieder bei den Jugendlichen immer noch an?

Der Religionspädagoge Bastian Rütten macht in einer neueren Studie darauf aufmerksam, dass veränderte Voraussetzungen in der kirchlichen Sozialisation auch einen veränderten Umgang mit dem NGL nach sich ziehen müssen. Während eine frühere «Generation NGL» sich noch ganz selbstverständlich als Teil der Kirche verstanden und die neuen Lieder entsprechend begeistert aufgenommen hatte, bestehen bei einer «Jugend 2010» meist nur noch punktuell Verbindungen zum kirchlichen Leben. Hier ist ein doppeltes Fremdheitsgefühl feststellbar: einerseits dem Singen gegenüber, andererseits in Bezug auf Glaube, gottesdienstlichem Feiern und christlicher Lebensgestaltung.

Dennoch sind, wie Rütten beschreibt, junge Menschen durchaus «Spiritualitäts-Sucher» und offen für diesbezügliche Impulse. Auch ihr grosses Interesse an Musik spricht dafür, nach wie vor mit dem Medium Musik und auch mit Liedern zu arbeiten.

«Raum zum Träumen, einen Traum für morgen …»

Gerade neuere NGL-Lieder sprechen Sehnsüchte, Fragen und Hoffnungen von Jugendlichen wie auch Erwachsenen an. Wichtig ist bei der Arbeit mit dem NGL aber auch die Ästhetik: Raum, Präsentation, Inszenierung dürfen sozusagen nicht mehr im Gitarren- und Pfarreiheim-Stil der 70-er-Jahre daherkommen. Damit ein halbherziges «Liedersingen» vermieden werden kann, sind religionspädagogische und (kirchen-)musikalische Kompetenzen gefragt. Diese müssen nicht in einer Person vereint sein. Rütten betont deshalb, wie dies auch die Arbeitshilfe der deutschen Bischöfe und weitere tun, ein gutes Zusammenspiel von Kirchenmusik und Katechese.

© Rex-Verlag

Und wenn sie nicht singen wollen? Nicht so schnell aufgeben! Wenn die anleitende Person sich ihrer Sache sicher ist und selber Begeisterung für die Lieder zeigt, kann der Funke überspringen. Dabei gibt es nicht «die» Musik der Jugendlichen, und auch keine Lieder mit Geling-Garantie. Was gerade aktuell ist und gefällt, kann schon bald als veraltet und peinlich gelten. Deshalb ist ein gutes Gespür für die jeweilige Gruppe nötig. Stösst ein Lied auf Anklang, kann in der Sakramentenkatechese beispielsweise eine Auseinandersetzung mit dem Text angeregt und daran weiter gedacht werden. Im Bereich einer offenen, lebensbegleitenden Katechese stossen z. B. Projektchöre zu verschiedenen Themen oder Anlässen auf Interesse. Die Einsatzmöglichkeiten des NGL variieren je nach Zielgruppe. Impulse für den Glauben – und auch für eine religiöse Sprachfähigkeit – können Lieder auf jeden Fall auch heute noch setzen.

Veranstaltungshinweis

Ökumenische Einführungsveranstaltung zum neuen Liederbuch «rise up plus»:

6.Mai 2017, 10.15 – 13.00 Uhr, Pfarreisaal St. Paul, Luzern

 

Infos und Anmeldung finden Sie auf der Homepage der Universität Luzernsowie auf dem Flyer der Veranstaltung

 

 

Literatur

  • Rise up plus. Ökumenisches Liederbuch. Lieder und Gebete für Gottesdienst, Unterricht und Gemeindearbeit, Luzern/Zürich 2015. (Begleitmaterial erhältlich: Doppel-CD’s, Klavier- und Chorsätze)
  • Zitierte Lieder:
    • Da wohnt ein Sehnen tief in uns (Eugen Eckert/Anne Quigley; rup 077)
    • Gott, du bist die Hoffnung / Und ein neuer Morgen (Gregor Linssen; rup 179)
    • Raum zum Träumen / Das wünsch ich dir (Martin Buchholz-Fiebig; rup 254)
  • Kinder singen ihren Glauben, hrsg. von der Liturgiekommission der deutschen Bischöfe, 27. April 2010 (http://www.dbk-shop.de/media/files_public/fbguveocnmt/DBK_1231.pdf).
  • Rütten, Bastian: «Da wohnt ein Sehnen tief in uns …». Das Neue Geistliche Lied als Medium der Katechese, Marburg 2013. (Dissertation, mit Beispielen aus der Praxis)
Dr. Nicola Ottiger ist Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Liturgik am Religionspädagogischen Institutder Theologischen Fakultätder Universität Luzern CC BY-NC-SA 3.0  Nicola Ottiger | reli.ch
Kompetenz: 3E-6, 4E-4