Fachbeiträge

Biblische Krippenspiele schreiben

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Weihnachtsspiele bieten enormes Potential für zeitgemässe Verkündigung – wenn sie auf starke Inhalte statt auf Vereinfachung oder „Jööh-Effekte“ setzen. Das gelingt, wenn die beiden ganz unterschiedlichen Erzählungen aus dem Matthäus- und Lukasevangelium theologisch, religionspädagogisch und pastoral kompetent umgesetzt werden. Eine ökumenische Fortbildung in Bern leitet zum Schreiben eines Lukas-Krippenspiels an.

 

Viel Engagement und Ressourcen fliessen schon das ganze Jahr über in Krippenspiel-Projekte, und dies oft ehrenamtlich. Krippenspiele sind im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar! Grund genug, ihr Potential für die Weihnachtspastoral zu reflektieren und Perspektiven für die nächste Weihnachtszeit zu entwickeln.

Kriterien für ein gutes Weihnachtsspiel

Was macht eigentlich ein gutes Weihnachtsspiel aus? Ohne die Freude der Aufführenden geht natürlich gar nichts – von den SchauspielerInnen über SängerInnen und MusikerInnen bis zu unterstützenden Begleitpersonen. Einer Gruppe, die gerne und authentisch spielt, schaut man gerne zu. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei:

  • Die Inhalte sind kindgerecht – und gerade deshalb so seriös, dass sie auch Erwachsenen viel zu bieten haben. Gute Weihnachtsspiele sind nicht nur „herzig“. Sie sind biblisch-theologisch und auch pastoral auf der Höhe der Zeit und leisten kreative Verkündigung. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene erhalten so Impulse für ihren Glauben.
  • Die Rollen sind vielfältig, flexibel für kleine und grosse MitspielerInnen und unterschiedliche darstellerische Kompetenzen.
  • Kostüme und ggf. Bühnenbild unterstützen die Rollenidentifikation und den Inhalt, ohne Klischees zu bedienen. Ein Engel muss nicht immer Flügel haben, und die sterndeutenden „Magier“ sind keine Könige.
  • Kooperation wird gross geschrieben. Im Weihnachtsspiel arbeiten Fachpersonen aus Kinderarbeit/Katechese, Religionspädagogik, Seelsorge/Theologie, Musik und Hauswartschaft enger zusammen als sonst. Deshalb sind alle Kompetenzen und gute Absprachen gefragt.
  • Das Spiel passt zu den lokalen Gegebenheiten: Ein Spiel als eigener Anlass im pfarreilichen Veranstaltungskalender bietet mehr Möglichkeiten, ist aber auch aufwändiger als ein Spiel, das – zum Beispiel – die Predigt im Familiengottesdienst ersetzt oder ergänzt.
  • Ressourcen werden angemessen eingesetzt – von der Technik über Finanzen bis hin zur Arbeitszeit. Festlich und aufwändig darf es an Weihnachten sein. Zugleich ist wichtig, dass die Beteiligten nicht kurz vor oder nach der Aufführung erschöpft zu Boden sinken.
  • Idealerweise ist ein Weihnachtsspiel keine isolierte Einzelveranstaltung, sondern ein gemeindekatechetisches Projekt mit Schnittstellen zu anderen Elementen der Gemeindearbeit/Pastoral (Advents- und Weihnachtsgottesdienste, Predigten, Krippe, Erwachsenenbildung usw.).

Auf den biblischen (!) Inhalt kommt es an

Natürlich: Es gibt wunderbare Bilderbücher, Rollenspiele und vieles mehr zu Weihnachten. Viele davon bringen passende Inhalte in attraktiver Form. Ich meine jedoch: Ein so aufwändiges Projekt wie ein Weihnachtsspiel sollte kein Bilderbuch reproduzieren, sondern zentrale Themen der biblischen Weihnachtsgeschichte ins Zentrum rücken. Es gehört zur Kernkompetenz (und Kernaufgabe) von Seelsorgeteams, das enorme inhaltliche Potential der Kindheitserzählungen Jesu in zeitgemässe Verkündigung zu übertragen.

Zweimal Weihnachten: Von einer „synoptisch-additiven“ Lektüre der Kindheitserzählungen …

Eine besondere Chance bietet dabei die Erkenntnis, dass die Kindheitserzählungen des Matthäus- und Lukasevangeliums unterschiedliche biblisch-theologische und erzählerische Akzente setzen. Den meisten Menschen sind diese Erzählungen nur in einer vereinheitlichenden, „synoptisch-additiven“ Lektüre vertraut. Dabei werden Elemente aus dem Lukas- und Matthäusevangelium abwechselnd ineinander geschoben: Es beginnt mit der Verkündigung des Engels an Maria (Lukas), dann geht der Stern im Osten auf (Matthäus), dann kommen Volkszählung, Geburt im Stall und die Hirten (Lukas), und am Schluss bringen die Sterndeuter ihre Geschenke (Matthäus). Mit dieser historisierenden Lektüre, bei der die vermeintlichen „Lücken“ der einen Erzählung durch Elemente der anderen Erzählung „aufgefüllt“ werden, geht jedoch der je eigenständige theologische und narrative Charakter der Kindheitserzählungen verloren.

… zur Ouvertüre des jeweiligen Evangeliums

Bei genauerem Hinsehen sind die Kindheitserzählungen im Matthäus- und Lukasevangelium zwei völlig verschiedene Erzählungen. Das ist auch kein Wunder, denn sie sind die „Ouvertüren“ zu zwei ebenfalls unterschiedlichen Evangelien. Als Auftakt-Erzählungen nehmen sie – wie die Ouvertüre einer Oper – Themen und Motive vorweg, die im Evangelium eine wichtige Rolle spielen. Man stelle sich die „Kakophonie“ vor, wenn im Opernhaus abwechselnd aus zwei verschiedenen Partituren gespielt würde: Eine Seite „Zauberflöte“, eine Seite „Parsifal“, dann wieder eine Seite Zauberflöte und noch eine Seite Parsifal … Was in der Musik spontan irritieren würde, ist bei den Kindheitserzählungen zum akzeptierten Normalfall geworden.

Evangeliumsspezifische Weihnachtsspiele als pastorale Chance

Weihnachtsspiele bieten eine grosse Chance, die Kindheitserzählungen als Ouvertüre zum jeweiligen Evangelium zu entdecken. Dabei wird ihr Charakter als narrative Theologie und Christologie – und nicht historische Reportagen über die Geburt Jesu – sichtbar.

Das ist auch mit Abschied von Liebgewordenem verbunden: In einem Weihnachtsspiel nach Lukas sucht man die Sterndeuter vergebens. Und ein Weihnachtsspiel nach Matthäus ist streng genommen eben kein Krippenspiel: Matthäus erzählt von der Geburt Jesu in einem Haus (2,11), und auch die Hirten und die Verkündigung an die Engel kommt nicht vor. Dafür geht ein heller Stern auf, der wiederum bei Lukas niemandem den Weg weist.

Diese Differenzierungen – eine „pastorale Entflechtung“ der Kindheitserzählungen, nicht nur im Weihnachtsspiel – führen zu überraschend neuen Begegnungen mit zwei ganz verschiedenen Weihnachtsgeschichten. Darüber hinaus fördern sie auch ein zeitgemässes, aufgeklärtes Bibel- und Glaubensverständnis. Die Evangelien werden als identitätsstiftende, aber vielstimmige Glaubenserzählungen erkennbar:

Lukas

verwurzelt die Geburt Jesu in der Heilsgeschichte Israels. Wichtige Bezugspunkte sind dabei prophetische Texte und Psalmen (Lobgesang des Zacharias, der Maria und des Simeon) sowie der Jerusalemer Tempel (Verkündigung an Zacharias, Begegnung mit Simeon und Hanna). Die Hirten erinnern an den Hirten-König David, und zugleich kommen sie als Arme zur Krippe – so wie sich Jesus gerade im Lukasevangelium bevorzugt an die Armen wendet.

Matthäus

deutet die Anfänge Jesu von der Exodus-Erzählung her. Jesus wird aus einem brutalen Kindermord gerettet wie Mose nach seiner Geburt im Binsenkörbchen. Jesus wird von Gott „aus Ägypten gerufen“ (Mt 2,13-15) wie das ganze Volk Israel. Als Erwachsener wird Jesus in der Bergpredigt die Tora auslegen wie ein neuer Mose (Mt 5-7) – der erste Mose hatte sie auf einem Berg empfangen. Und die weisen Sterndeuter aus dem Osten (die übrigens nicht zu einer „Krippe“ kommen, sondern in das Haus, in dem Jesus bei Matthäus geboren wird: Mt 2,11) stehen als Angehörige anderer Religionen für die vielen nichtjüdischen Menschen, die später, nach Ostern, dem Stern des Messias Israels folgen werden.

Aktuelle Lebens- und Glaubensfragen

Zu diesen biblisch-theologischen Zusammenhängen, die die Kindheitserzählungen als Ouvertüren des Lukas- und Matthäusevangelium auszeichnen, kommen zahlreiche lebensweltliche Themen, die die beiden Evangelisten ebenfalls unterschiedlich akzentuieren. Bei Lukas spielen Kinderlosigkeit (Elisabeth und Zacharias), Frauensolidarität (Elisabeth und Maria), Armut (Herbergssuche; Hirten) und politische Theologie (Friedensverheissung unter römischer Besatzung) wichtige Rollen. Bei Matthäus stehen unerwartete Schwangerschaft/Elternschaft (Josef), Flucht und Vertreibung (Kindermord, Ägypten) sowie Begegnungen über Religion und Herkunft hinweg (Sterndeuter) stärker im Zentrum. Wenn diese Fragen im Weihnachtsspiel aufgegriffen werden, spricht es plötzlich unmittelbar in die Gegenwart hinein.

Weiterbildung „Biblisches Krippenspiel nach Lukas schreiben“ in Bern

Nach zwei erfolgreichen Kursen im Aargau, in denen sehr anregende Weihnachtsspiele jeweils (nur) zum Lukas- bzw. Matthäusevangelium entstanden sind, startet der nächste Kurs zum Lukasevangelium in Bern. Wir freuen uns auf neue Entdeckungen im Zusammenspiel von biblischen Texten, heutigen Lebenswelten und kreativen Umsetzungen an Weihnachten 2019!

Zum Weiterlesen

 

Detlef Hecking ist Theologe, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und Lehrbeauftragter für Neues Testament am Religionspädagogischen Institut der Universität Luzern. Gemeinsam mit der reformierten Katechetin Regina Maurer-Suter leitet er Fortbildungskurse zu biblischen Krippenspielen. Der nächste Kurs zum Lukasevangelium beginnt im März 2019 in Bern. Information und Anmeldung bei den religionspädagogischen Fachstellen der katholischen und reformierten Landeskirchen oder bei den Kursleitenden.
Kompetenz:
Leitsatz 12

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