Fachbeiträge

Äusserlichkeiten. Innerlichkeiten. Wie Weihnachten feiern?

Alexandra H. / pixelio.de

Jedes Jahr dasselbe. Bereits am 1. Advent ist man der Weihnachtsdeko schon müde, und an Weihnachten selbst ruft der beleuchtete Christbaum keine Sensationen mehr hervor.  Aber er ist vergebens, der Kampf gegen die glitzernden Windmühlen und es wird immer schwieriger, dem häuslichen wie auch dem kirchlichen Fest den äusseren Glanz zu verleihen.

Ist diese Empfindlichkeit, dieser Weihnachtsfundamentalismus, nur das Zucken der Reste einer verlorenen, idealisierten Kindheit, in der der Weihnachtsbaum erst am 24. angezündet und Weihnachtslieder erstmals in der Christmette gesunden wurden? Wie kann Weihnachten gefeiert werden, ohne den eigentlichen Sinn des Festes zu verfehlen?

Seit das Weihnachtsfest im 19. Jahrhundert zu einem Familienfest geworden ist, mit der heimeligen geschmückten Stube, dem Christbaum, den Geschenken, dem Festessen, den Ritualen,  ist es auch zu einem konstituierenden Element des Selbstverständnisses von Familie und Kindheit geworden und wirkt wie ein Vergrösserungsglas.  Der alleinstehende Mensch ohne Familie, die unglückliche Familie, sie sind an diesem Fest besonders bedauernswert. Dem Erwachsenen, der nicht in nostalgischen Kindheitsweihnachtserinnerungen schwelgen kann,  wird die Lücke in der Lebenskonstruktion noch bewusster.

Doch Weihnachten im ursprünglichen Sinn hat mit all dem eigentlich nichts zu tun. Es ist das Fest der Inkarnation: Gott wird Mensch, in den Evangelien erzählt in knappen Worten. Was heisst das: Gott wird Mensch? Geht es nicht darum, diese Zumutung, dieses Geheimnis für sich zu deuten und zu entschlüsseln?

Der Weg nach innen

Rainer Maria Rilke (1875-1926) hat in Gedichten und Briefen viel über Weihnachten geschrieben. Es ist für ihn die Reise nach innen, das Zulassen des Wunders,  die Öffnung für die Menschwerdung des Göttlichen und damit für die Menschwerdung jedes Einzelnen.

„Auch Dir wird es, obwohl von  Aussen die Sorgen Dich so viel näher bedrängen, nicht schwer sein, Dich auf den reinsten und lautersten Platz im inneren Gemüt zurückzuziehen, um dort das Mysterium des kleinen Heilandes zu feiern, dessen Macht am herrlichsten und unschuldigsten war, da er schon in der Krippe lag: zur Welt gekommen-, und die Welt noch nicht zu ihm. Sodarf ihn heute, wer ein stilles, nicht zu sehr flackerndes Herzlicht hat, gewahren und anschauen und anbeten.“ (Rilke an seine Mutter, 4. Advent 1921, Muzot)

Das „flackernde Herzlicht“ beruhigen, nach innen schauen, in die Tiefe gehen, nicht so leicht im Advent, der schon lange nicht mehr „die stillste Zeit im Jahr“ ist.  Eine Blickrichtung aber, die den oberflächlichen Tand, das Geschäftige in den Hintergrund treten lässt.

Aber halt: ist denn Weihnachten ganz Innerlichkeit? Wäre das nicht eine Flucht vor der Realität, ein religiös verbrämtes Cocooning?

Politische Weihnachten

Immerhin wird an Weihnachten nichts Geringeres verkündet als der Weltfriede, halt! Nur denen, die guten Willens sind. In der Weihnachtsgeschichte ist die Inkarnation nicht abstrakt, wie im Prolog des Johannesevangeliums, sondern wird ganz konkret.  Location und Personal sind politische Statements: Ein Stall, ein (göttliches) Kleinkind, eine ledige Mutter, ein solidarischer Mann, die Flucht, die Botschaft wird verstanden vom Prekariat (die Hirten) und von Fremden (die drei Weisen).  Es ist ganz das Gegenteil von dem, was man von einem Messias erwartet. Diese politische Dimension von Weihnachten wird selten thematisiert, zu sehr stört sie die Gemütlichkeit.

Und jetzt?

Verlangt die religiöse Bedeutung von Weihnachten Askese und Purismus? Nein. Der Glaube besteht nicht nur aus Ideen, ist keine Theorie, die man nach gründlicher Prüfung für wahr hält, sondern wird gelebt und erfahren, ist mit Gefühlen verbunden, mit Hoffnungen, mit dem gesamten leiblichen Ausdruck. Glaube manifestiert sich in ganz Weltlichem, in Farben, Gegenständen, Gerüchen, Texturen. Immerhin ist Weihnachten ein Fest, das gefeiert werden will.

Es ist kein Zufall, dass Advent und Weihnachten vorgängige nichtchristliche Lichterfeste ersetzen. In der Zeit der Dunkelheit und Kälte sehnen sich die Menschen nach Licht und Wärme, ganz konkret und gleichzeitig symbolisch. Eigentlich ist es unlogisch, die Lichter – genauer: den beleuchteten Weihnachtsbaum erst aufzustellen, wenn die Tage wieder länger werden. Also üben wir uns in Toleranz gegenüber dem vorweihnachtlichen Glanz, bemühen wir uns, das Weihnachtsgeschehen als einen ganz persönlichen inneren Prozess zu erleben und trauen wir uns, das ganze Jahr hindurch für die Botschaft der Weihnachtsverkündigung einzustehen.

 

 

Kompetenz: 1B-4, 1E-1, 2B-7, 2E-1, 3E-1, 4E-1